Urumqi, 26. Oktober 2000

WELCOME TO CHINA

Wer hätte gedacht, dass ich mal nach China komme? Ich jedenfalls nicht. Aber so ist das eben, wenn man keinen Plan hat.

Ja, und nun stehe ich kurz vor der guten alten Volksrepublik, vorbelastet mit allerlei Horrorgeschichten von anderen Reisenden über das Land der unendlichen Touristenleiden. Die Chinesen sollen ja Schweine par excellance sein und alles was weisse Haut und Haare im Gesicht hat abgrundtief hassen. Dazu sei das Essen kaum geniessbar, die Preise überhöht und öffentliche Transportmittel für den Touristen nicht benutzbar. Obwohl ich mittlerweile eigentlich wissen sollte, dass ich nicht auf das dumme Geschwätz zivilisationsgeschädigter Backpacker hören sollte, gehe ich mit meinem vermeintlich chronischen Magenleiden, ein Souvenir aus Pakistan, mit gemischten Gefühlen Richtung Grenze.

Die Gedärme vollgepumt mit weslicher Chemie, auf der Packung stand nur ein lateinischer Name, Chemo Therapie’ und dass man den Rest besser dem Arzt überlassen soll, stehe ich in Sost, dem pakistanischen Grenzort am Karakorum-Highway und warte auf den Bus, der mich über den legendären Kunjerab-Pass nach China bringen soll. Kunjerab bedeutet soviel wie Tal des Blutes, dieser romantische Name erhielt diese wichtige Passage der Seidenstrasse, da der König von Hunza die Karavanen, die dieses rund 5000 Meter hohe Nadelöhr auf dem Weg nach China passieren mussten, mit vorliebe regelmässig ausrauben und ermorden liess.

Heutzutage sind die Leute aus Hunza ausgesprochen freundlich und nehmenb nur noch Pauschaltouristen in Handycraft Shops auf legale Weise aus. Wer in den alten Tagen die Räuber überlebte, litt dann bei steigender Höhe unter Höhenkrankheit und Nasenbluten. Den Packtieren wurden sogar mit Nadeln in die Muskeln gestochen, um durch den Blutverlust das Leiden der Tiere zu erleichtern. Noch 1940 sollen die Felsen am Wegrand noch deutlich die dunkelbraunen Felcken sichtbar gewesen sein, die von den Schmerzen und Strapazen der frühen Reisenden zeugten.

Heute geht alles bequem und erholsam per Bus. Dachte ich jedenfalls. Da sich noch ein paar andere Westler an der Grenze tummeln, organisieren die Pakistanis flugs einen Jeep, um die Herde schön beieinabder zu halten. Ich protestieren und verlange gleichberechtigung. Keine Chance. Mit meinem Exit-Stempel im pass werde ich mit neun Abenteürr-Urlaubern in einen LandCruiser verfrachtet und Richtung Niemandsland transportiert. Ausser dem Dachhimmel sehe ich herzlich wenig, tröste mich aber mit dem Gedanken, dass es bestimmt viele Fotostops fürs Familienalbum und Pinkelpausen für die Damen gibt.

Schon beim ersten Kamel, dem wir begegnen, wollen die Urlauber fast aus dem Fenster hechten, der Fahrer behauptet aber, dass es verboten sei, weder anzuhalten noch auszusteigen. So fahren wir stur sechs Stunden durch. Zwischen den Köpfen der Mitreisenden sehe ich ab und zu eine Herde zweihöckriger Kamele, zottige Yaks und fette, orange Murmeltiere. Auf dem Kunjerabpass stoppen wir kurz bei der chinesischen Grenzstation. Auf der Spitze des Passes wird Pakistan zu China und das Atmen nicht gerade einfacher.

Zum ersten mal sehe ich die umliegenden Berge und Gletscher, einfach umwerfend. Nach knapp 10 Minuten drängt der Fahrer bereits zum Weiterfahren, das nennt sich dann Faszination Kunjerab-Pass im 21. Jahrhundert. Wir erreichen den zweiten chinesischen Checkposten in Pirali. Alles aussteigen und mit sämtlichem Gepäck in eine Reihe stehen. Eine Gruppe von Han-Chinesen mit Mondgesichtern, Sonnenbrille und gestärkter grüner Theateruniform filzen uns und schauen dabei so grimmig drein, dass ich laut lachen muss.

Bald merke ich, dass die bösen Buben nicht nach pakistanischem Haschisch , überzähligen Zigaretten oder Whiskey ausschau halten, sondern nach verbotenem Propagandamaterial suchen. Meine gut 10 Musikkassetten scheinen Höchst verdächtig und werden einzeln nach imerialistischen Inhalten untersucht. Beinem indischen Tape stossen die Hüter des Sozialismus auf eine in unjabi gesprochene Stelle, werden dabei kreidebleich und schauen drein, als ob der Teufel persönlich zu ihnen gesprochen hätte.

In scharfem Ton werde ich gefragt, das das bedeute. Ich erkläre lächelnd, dass dies Musik aus einer Sikh Gurdwara sei und davor jeweils eine Einleitung gesprochen werde. Als mir dann eine der lächerlichen Figuren mitteilt, dass die Kassette konfisziert sein, ists mit meiner Ruhe vorbei, an dieser Musik hängen für mich sehr viele Erinnerungen. Ich verlange, augenblicklich den Chef des Ladens zu sprechen, setze mich auf den Boden und drohe, den Ort nicht mehr zu verlassen, bis ich mein Tape zurück habe. Der Typ wird ziemlich nervös und macht sich aus dem Staub, erscheint nach einer Weile wieder und meint, dass sein Vorgesetzter gleicher Meinung sei, aber kein Englisch spreche.

Ein längeres hin und her beginnt, der Beamte bleibt absolt stur. Ich schiesse aus vollen Rohren, bezeichne ihn als gehirnamputierten, engstirnigen Idioten, dabei ist mir scheissegal, falls ich nach Pakistan ausgewiesen werde. Den Urlaubern draussen wirds langsam zu abenteürlich und so versuchen sie mich zur Weiterfahrt zu bewegen. Ich werfe meine brennende Zigasrette auf den Boden, den Mondgesichtern noch ein paar Nettigkeiten an den Kopf, worauf sie sich lankonisch für meine freundliche Kooperation bedanken. Willkommen in China!

Ich habe meine Lektion in chinesischer Bürokratie und Sturheit gelernt und beschliesse, mich nicht ein zweites Mal lächerlich zu machen. Zurück im Jeep brauche ich eine ganze Weile, um mich wieder unter Kontrolle zu bringen, schaffe es aber nur mit dem Gedanken, dass ich in Zukunft mit meinem fetten Marker ‘Free Tibet’ auf jades öffentliches Gebäude kritzeln werde. Wir erreichen gegen Abend die Immigration in Tashkurgan. Nochmal einen Haufen Papierkram und Gepäckkontrolle und ich bin endgültig in China. So stehts jedenfalls am Ausgang. Dort werde ich von einem Typen in ausgezeichnetem Englisch begrüsst, der überhaupt nicht wie ein Chinese aussieht. Er stellt sich als Manager eines hiesigen Hotels vor, bietet ein äusserst günstiges Bett an, lächelt den herumstehenden chinesischen Chauffeuren ins Gesicht und sagt dabei, ich soll besser zu Fuss gehen, da mich die Jungs hier kräftig ausnehmen werden. Klingt irgendwie interessant und so willige ich ein.

Während den zwei Kilometern Fussmarsch realisiere ich zum ersten Mal richtig, dass ich nach nur sechs Stunden Fahrt von Pakistan in einer komplett neün, für mich fremd anmutenden Welt angekommen bin. Auf der sauber geteerten Strasse mit Mittelstreifen sind die Han-Chinesen in ihren niegelnagelneün Toyota-Geländewagen, VW’s und Deawoos eindeutig in der Minderheit. Mich faszinieren vorallem die einfachen Baürn, die zu Fuss oder auf flachen, von Eseln gezogenen Holzkarren unterwegs sind.

Mein ethnologisch ungeschultes Auge stuft die Leute irgendwo zwischen Mongolen und Russen ein. Rundliche Gesichter, hohe Backenknochen, die Haut rötlich gefärbt, die Fraün mit Kopftuch, Röcken und dicken Strümpfen, die Männer mit ausgetragenen Vestons aus dickem Stoff und Hüten in verschiedensten Formen. Dazi\wischen grell geschminkte junge Fraün in Miniröcken, knallengen Tops und Plateau-Schuhen. Da guckt man schon zweimal hin, wenn man gerade aus Pakistan kommt. Ich muss mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass das flache Plateau mit den umliegenden Bergen der Pamir-Kette auf 3000 Metern liegt.

Die Ortschaft ist für chinesische Verhältnisse ziemlichklein, für jemanden wie mich, der gerade aus dem Mittelalter kommt, wirken die mehrstöckigen, mit weissen Keramikp0latten verputzten und zugegebenermassen ziemlich gesichtslosen Gebäude supermodern. Richtige Geschäfte und Restaurants in gemaürten Gebäuden habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Und nach einem Jahr Gest Häusern mit kaum mehr als 10 Zimmern kommt mir das angewiesene Hotel mit gut 100 Betten gigantisch vor, obwohls drinnen ein bisschen wie in einem Militärspital aussieht.

Angesichts meiner Mini-Atombombe in den Gedärmen verzichte ich vorerst mal auf das sofort offerierte Bier, dass sonst von Riesenden aus dem ‘trockenen’ Pakistan mir gier runtergestürzt wird. Dafür haue ich mir eine doppelte Portion Nudeln rein, scheissegal, ob ich das Zeug verdaün kann. Der Manager und sein Assistant, Muhammad und Rajiv, haben beide an der Xinjiang University in Urumqi studiert und sprechen ausgezeichnet englisch. Vorallem klären sie mich zuerst mal auf, wo ich mich überhaupt befinde und mit was für leuten ich es zu tun habe.

Die Provinz nennt sich Xinjiang, beansprucht etwa 1\6 der Fläche Chinas, ist somit etwa dreimal so gross wie Frankreich und trägt den Beinamen Autonomous Uygur Province. Das ist zwar ziemlich irreführend, da in China ausser der sozialistischen Partei kein Schwein autonom ist, hat aber einen Grund. Die Uygurs sind mit 6 Millionen die grösste Minorität der 13 Millionen Einwohner von Xinjiang. Die Uygurs stammen von türkischen Nomaden ab, die vor über 2000 Jahren vom Baikalsee her langsam in die vgon Bergen, Wüste und Weideland geprägte Provinz gezogen sind. Mit den chinesischen Nachbarn haben sie sich dazumal ausgezeichnet verstanden. Die Uygurs lieferten für die zahlreichen chinesischen Kriege nicht nur ausgezeichnete Pferde sondern auch Unterstützung durch Soldaten. Als kurz darauf die Seidenstrasse ihre Blütezeit erreichte, interessierten sich die Chinesen immer stärker für diese Region und brachten nach und nach die von den Uygurs gegründeten Königtümer unter ihre Kontrolle.

Über die Steidenstrasse kamen auch arabische Missionare und konvertierten die damals buddhistisch lebenden Uygurs zum Islam. Verschiedene Aufstände brachte den Uygurs zeitweise ihr Land zurück. Ende des 18. Jahrhunderts wars dann endgültig aus mit dem moslemischen Reich und die Chinesen übernahmen endgültig die Kontrolle über die Region. Seither haben verschiedene chinesische Kriegsherren wüste Massaker unter der moslemischen Bevölkerung angerichtet.

In den 50er und 60er Jahren ging man dann dazu über, massen von Han-Chinesen anzusiedeln um die Region zu beruhigen. Diese Politik wird bis heute weitergeführt, vorallem in Gebieten mit einer Uygur-Mehrheit werden tausende von arbeitslosen Chinesen von der Ostküste reingepumpt, um eine Mehrheit der letzteren zu erreichen. Den übersiedlern wird ein sicherer Arbeitsplatz, eine schöne Wohnung und ein guts Salär zugesichert, im Gegenzug werden die Uygurs arbeitslos oder in untere Chargen degradiert. Selbstverständlich schauben die Uygurs dem Treiben nicht einfach gelassen zu.

Gelegentliche Aufstände und Protestmärsche werden aber von der Polizei und der Armee brutal niedergeschalgen und vor der Weltöffentlichkeit todgeschwiegen. Wer weiss denn in der Welt schon, was hier vor sich geht? Ich hatte jedenfalls keine Ahnung. Den Leuten hier fehlt ein telegener Dalai Lama und ein rührender Richard Gere, die das Tibet-Problem an die Spitze des Betroffenheits-Barometers katapultiert haben.

Wir diskutieren bis lange in die Nacht. Eigentlich wird ja Tashkurgan nur empfohlen, um eine Nacht zu bleiben, um am nächsten Morgen gleich nach Kashgar weiterzufahren. Ich beschliesse zu bleiben, weil ich mehr erfahren möchte. Am nächsten Tag will mir Muhammad persönlich Tashkurgan zeigen. Als wir aus dem Ort herauskommen finde ich eine Landschaft vor, wie ich sie noch nie gesehen habe. Auf dem Hochplateau erstreckt sich von Norden nach Süden soweit das Auge reicht dicht grün bewachsenes, baumloses Grasland, das von einem Netz kleiner Flüsschen genährt wird.

Im Osten Westen begrenzen zuerst kahle, rotbraune Hügelketten, dahinter die imposanten Schneegipfel des Pamirs die Sicht nach Afghanistan und Tajikistan. Tausende und Abertausende von Ziegen, Schafen, Esel, Pferden und Kühen grasen friedlich auf der gigantischen Ebene 3000 Meter über Meer und lassen sich durch uns nicht stören.

Wir schlendern stundenlang durchs Land, waten durch Beache, begegnen tajikischen Hirten auf Pferden und Eseln, kommen an einfachen Steinhütten und Yurten vorbei, die den Hirten im Sommer als Unterkunft dienen. In den sechs Monaten Winter wirds hier extrem kalt und die Leute haben nur das zum Leben, was sie im Sommer erarbeitet haben. Trotz der Höhe ist es durch den stahlblauben Himmel und die starke Sonneneinstrahlung noch angenehm warm.

In unseren pausenlosen Gesprächen erfahre ich viel über das Leben und die Kultur der Minoritäten in diesem Teil Chinas. Muhammad führt mich in verschiedene jahrhunderte alte Steinhäuser von tajikischen Freunden. Ich werde in Gästeräume geführt, die mit Schnitzereien, Matlereien und traditionellen Näharbeiten reich verziert sind oder sitze zusammen mit vier Generationen im Wohnzimmer, werde mit gesalzenem Milchtee und Fladenbrot bewirtet und muss tausend Fragen beantworten, während Muhammad geduldig als übersetzer fungiert.

Es sind einfache Bauern, traditionell gekleidet und gläubige Muslims. Im Gegensatz zu dem Pakistanis scheinen sie die Trennung zwischen Frau und Mann in der Gesellschaft nicht zu kennen und sind gegenüber Fremden sehr aufgeschlossen. Die alltägliche Begrüssung hier ist, dass die Frau dem Mann die Handfläche küsst, Fraün untereinander küssen sich auf die Stirne oder auf den Mund. In den nächsten Tagen unternehme ich lange Spaziergänge durchs Grasland, geniesse die vollkommene Stille, sitze stundenlang mit Kindern im Gras und zeige ihnen Fotos aus Indien oder bringe ihnen ein paar Worte englisch bei.

Gegen Abend, wenn das Licht am schönsten ist, gehe ich jeweils zu den Ruinen des Lehmforts aus dem 6. Jahrhundert, das zu dieser Tageszeit in einem wunderschönen orange leuchtet, die Sicht ist kristallklar, die Ebene schimmert in einem saftigen grün, unterbrochen von den unkontrollierten Bächlein, die das azurblau des Himmels spiegeln. Die Abendsonne lässt die kahlen Hügel in einem leuchtenden Rot erscheinenh und weiche Schatten modellieren jede Erhebung der Hänge. Ein atemberaubendes Naturschauspiel. Daneben sitze ich viel mit Muhammad und Rajiv im Hotel zusammen. Sie bringen mir die wichtigsten Wörter in Mandarin bei und wollen viel über mich und meine freuhere Welt wissen.

Ich lerne verschiedene Freunde der beiden kennen und merke bald, dass der Lernwille dieser Leute unvergleichlich ist. Ich muss Dinge immer bis ins kleinste Detail erklären und jades neü Wort in englisch wird gleich in ein ständig griffbereites Heft eingetragen. Man erklärt mir, dass die Leute hier nur ein Ziel haben: besser als die Chinesen zu sein, um sie mit Intelligenz anstelle von Gewalt in die Enge zu treiben. Der Ehrgeiz beeindruckt mich und diese Einstellung finde ich für Muslims doch ziemlich aussergewöhnlich. Eines Abnends meint Muhammad, ich solle doch hierbleiben, da ich mit meinem Wissen und meiner Erfahrung seinem Volk helfen könne. Ich fühle mich zwar aüsserst geschmeichelt, finde aber, dass er meine Fähigkeiten masslos überschätzt.

Was soll denn ein Klein-Tom für ein Volk tun, dessen Sprache er nicht einmal spricht und von dessen Existenz er vor ein paar Tagen nicht einmal wusste? Kurz darauf lerne ich im Hotel zwei ziemlich wirre Typen kennen. Jake aus London ist studierter Grafik-Designer und Fotograf und hat ausser ein paar Gelegeinheitsjobs in Werbeagenturen noch nie so richtig gearbeitet. Sein Vater ist ein bekannter englischer Maler, dessen Werke im House of Parliament hängen, seine Mutter führt eine Kunstgalerie. Jakes Bruder arbeitete zürst als Englischlehrer in Taiwan, danach als Raftguide in Japan und nun als Drum’n’Base DJ in Shanghai, wo Jake mit ihm einige Nächte um die Ohren geschlagen hat.

Der zweite ist Assaf, ein Isräli, der nach drei Jahren Militär die Schnauze vomm von seinem Land hatte, seither in der Welt rumreist, sich weder die Haare schneidet noch rasiert und in den nächsten Tagen über Kashgar die rund 3 Wochen daürnde illegale Reise nach Lasha in Tibet durchziehen will. Auch er ist eigentlich Grafik-Designer, kennt aber Arbeiten nur vom Hören-Sagen. Seit Indien habe ich keine solch wirren Typen mehr getroffen und so sind wir schnell ein Team. Als erstes wollen wir gleich mal das Ende meiner 7tägigen Chemo-Therapie’ feiern.

Eigentlich wollten wir nur mal ein paar Biere trinken gehen, schlussendlich landen wir aber in einem dieser zuckersüssen chinesischen Etablissements, die aus einer Mischung von Restaurant, Einmann-Orchester, unfähiger Sängerin im Ballkleid und schummriger Disco-Beleuchtung bestehen und ordern kräftig vom Feinsten. Kaum mit dem essen fertig, werden wir gleich von den ziemlich angedüddelten Chinesen zum Tanzen genötigt. Ein sturzbesoffener Mittänzer ist vom meinem Stil so beeindruckt, dass er mich laufend mit kleinen Gläslein mit chinesischem Hochprozentigem versorgt, bis ich kaum mehr gerade stehen kann. Als die Musik lansamer wird, legt dann Jake zur Krönung des Abends mit dem Typen Wange an Wange einen gekonnten Tango aufs Parkett. Die Menge jubelt, der Alkohol fliesst in strömen.

Am nächsten Morgen brummt mir zwar gewaltig der Schädel, mein Magenproblem ist aber ein für allemal gelöst. Jake und Assaf planen, bald nach Kashgar weiterzureisen, da Jake nur noch wenig Zeit bleibt, bis er von Shanghai nach London fliegen muss, Ich habe irgendwie das Gefühl, mit den beiden noch nicht genüg erlebt zu haben und so beschliessen wir, zusammen zu reisen.

Der Tag der Abreise kommt dann für Muhammad und seine Freunde ziemlich überraschend, weil sie irgendwie nicht wahrhaben wollen, dass ich Tashkurgan verlasse. Abdul gibt sein tiefes Bedaürn zum Ausdruck und ich komme mir mit meiner Entscheidung, den einfachen Weg des Vergnügens und der Genussucht zu wählen, etwas egoistisch vor. Zu lange war aber die Zeit der Entbehrung für mich in einer Gesellschaft, in der sozusagen alles verboten war, was Spass macht. Und schlussendlich bin ich bisher ausgezeichnet mit dem Konsept gefahren, genau das zu tun, worauf ich gerade Lust habe. Muhammads Worte, dass ich fähig sein soll, den Menschen hier helfen zu können, lassen mir aber trotzdem keine Ruhe.

So besteigen wir frühmorgens einen klapprigen Bus voller Uygurs und Tajiks, die Ununterbrochen eine sonderbar riechende Tabakmischung in Zigarettenpapier rauchen. Dunst bedeckt die Hügel und obwohl erst Anfang September ist, macht sich durch eine kühle Briese der Herbst bemerkbar. Wir fahren durch ein Niemandsland, wo es keine festen Siedlungen gibt. Die einzigen Bewohner dieser Gegend sind Nomaden, die in Yurten leben und ihr Vieh im Sommer im Grasland weiden lassen.

Wir begegnen grossen Herden von Kamelen, Yaks und Pferden. Kasakische Hirten mit urigen Hüten und hohen Lederstiefeln sitzen in kunstvoll verzierten Sätteln auf ihren kräftigen, majestätisch wirkenden Pferden und dirigieren mit zottigen Hunden ihre Herden über die Ebene. Karawanen von Kamelen, schwer beladen mit Yurten, Brennholz und Verpflegung, gehen ihren Weg neben der Strasse Richtung Tal. Wir steigen beim Karakuli-Lake aus, wollen eigentlich dort in einer Yurte übernachten, merken aber schnell, dass westliche Tourgruppen die Preise bereits versaut haben, chartern flugs einen chinesischen Jeep und machen uns vor dem Touristen-Nepp aus dem Staub.

Ein weiser entscheid, wie sich bald herausstellt. Die Strasse ist in einem miserablen Zustand, teilweise gar nicht existent. Schon nach kurzer Zeit verlassen wir das Grasland und kommen in eine kahle, steinige und hügelige Gegend, die von reissenden Flüssen durchzogen ist. Ständig müssen wir anhalten, weil die Strasse von Herden mit mehreren hundert Schafen und Ziegen belagert wird. Die Hirten haben alle Mühe, das Vieh für unseren Jeep auseinanderzutreiben. Das Weideland auf den 3500 Metern Höhe scheint für die Tiere langsam zu kühl zu werden. Nachs sechs Stunden Fahrt befinden wir uns kurz vor Kashgar. Siedlungen aus Lehmhütten, grüne Felder und Bäume kündigen langsam unsere Ankunft in der Oasenstadt an der Seidenstrasse an.

Gruss
Tom