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Welcome to China, Schluss


 
   

In unseren pausenlosen Gesprächen erfahre ich viel über das Leben und die Kultur der Minoritäten in diesem Teil Chinas. Muhammad führt mich in verschiedene jahrhunderte alte Steinhäuser von tajikischen Freunden. Ich werde in Gästeräume geführt, die mit Schnitzereien, Matlereien und traditionellen Näharbeiten reich verziert sind oder sitze zusammen mit vier Generationen im Wohnzimmer, werde mit gesalzenem Milchtee und Fladenbrot bewirtet und muss tausend Fragen beantworten, während Muhammad geduldig als übersetzer fungiert.

Es sind einfache Bauern, traditionell gekleidet und gläubige Muslims. Im Gegensatz zu dem Pakistanis scheinen sie die Trennung zwischen Frau und Mann in der Gesellschaft nicht zu kennen und sind gegenüber Fremden sehr aufgeschlossen. Die alltägliche Begrüssung hier ist, dass die Frau dem Mann die Handfläche küsst, Fraün untereinander küssen sich auf die Stirne oder auf den Mund. In den nächsten Tagen unternehme ich lange Spaziergänge durchs Grasland, geniesse die vollkommene Stille, sitze stundenlang mit Kindern im Gras und zeige ihnen Fotos aus Indien oder bringe ihnen ein paar Worte englisch bei.

Gegen Abend, wenn das Licht am schönsten ist, gehe ich jeweils zu den Ruinen des Lehmforts aus dem 6. Jahrhundert, das zu dieser Tageszeit in einem wunderschönen orange leuchtet, die Sicht ist kristallklar, die Ebene schimmert in einem saftigen grün, unterbrochen von den unkontrollierten Bächlein, die das azurblau des Himmels spiegeln. Die Abendsonne lässt die kahlen Hügel in einem leuchtenden Rot erscheinenh und weiche Schatten modellieren jede Erhebung der Hänge. Ein atemberaubendes Naturschauspiel. Daneben sitze ich viel mit Muhammad und Rajiv im Hotel zusammen. Sie bringen mir die wichtigsten Wörter in Mandarin bei und wollen viel über mich und meine freuhere Welt wissen.

Ich lerne verschiedene Freunde der beiden kennen und merke bald, dass der Lernwille dieser Leute unvergleichlich ist. Ich muss Dinge immer bis ins kleinste Detail erklären und jades neü Wort in englisch wird gleich in ein ständig griffbereites Heft eingetragen. Man erklärt mir, dass die Leute hier nur ein Ziel haben: besser als die Chinesen zu sein, um sie mit Intelligenz anstelle von Gewalt in die Enge zu treiben. Der Ehrgeiz beeindruckt mich und diese Einstellung finde ich für Muslims doch ziemlich aussergewöhnlich. Eines Abnends meint Muhammad, ich solle doch hierbleiben, da ich mit meinem Wissen und meiner Erfahrung seinem Volk helfen könne. Ich fühle mich zwar aüsserst geschmeichelt, finde aber, dass er meine Fähigkeiten masslos überschätzt.

Was soll denn ein Klein-Tom für ein Volk tun, dessen Sprache er nicht einmal spricht und von dessen Existenz er vor ein paar Tagen nicht einmal wusste? Kurz darauf lerne ich im Hotel zwei ziemlich wirre Typen kennen. Jake aus London ist studierter Grafik-Designer und Fotograf und hat ausser ein paar Gelegeinheitsjobs in Werbeagenturen noch nie so richtig gearbeitet. Sein Vater ist ein bekannter englischer Maler, dessen Werke im House of Parliament hängen, seine Mutter führt eine Kunstgalerie. Jakes Bruder arbeitete zürst als Englischlehrer in Taiwan, danach als Raftguide in Japan und nun als Drum?n?Base DJ in Shanghai, wo Jake mit ihm einige Nächte um die Ohren geschlagen hat.

Der zweite ist Assaf, ein Isräli, der nach drei Jahren Militär die Schnauze vomm von seinem Land hatte, seither in der Welt rumreist, sich weder die Haare schneidet noch rasiert und in den nächsten Tagen über Kashgar die rund 3 Wochen daürnde illegale Reise nach Lasha in Tibet durchziehen will. Auch er ist eigentlich Grafik-Designer, kennt aber Arbeiten nur vom Hören-Sagen. Seit Indien habe ich keine solch wirren Typen mehr getroffen und so sind wir schnell ein Team. Als erstes wollen wir gleich mal das Ende meiner 7tägigen Chemo-Therapie? feiern.

Eigentlich wollten wir nur mal ein paar Biere trinken gehen, schlussendlich landen wir aber in einem dieser zuckersüssen chinesischen Etablissements, die aus einer Mischung von Restaurant, Einmann-Orchester, unfähiger Sängerin im Ballkleid und schummriger Disco-Beleuchtung bestehen und ordern kräftig vom Feinsten. Kaum mit dem essen fertig, werden wir gleich von den ziemlich angedüddelten Chinesen zum Tanzen genötigt. Ein sturzbesoffener Mittänzer ist vom meinem Stil so beeindruckt, dass er mich laufend mit kleinen Gläslein mit chinesischem Hochprozentigem versorgt, bis ich kaum mehr gerade stehen kann. Als die Musik lansamer wird, legt dann Jake zur Krönung des Abends mit dem Typen Wange an Wange einen gekonnten Tango aufs Parkett. Die Menge jubelt, der Alkohol fliesst in strömen.

Am nächsten Morgen brummt mir zwar gewaltig der Schädel, mein Magenproblem ist aber ein für allemal gelöst. Jake und Assaf planen, bald nach Kashgar weiterzureisen, da Jake nur noch wenig Zeit bleibt, bis er von Shanghai nach London fliegen muss, Ich habe irgendwie das Gefühl, mit den beiden noch nicht genüg erlebt zu haben und so beschliessen wir, zusammen zu reisen.

Der Tag der Abreise kommt dann für Muhammad und seine Freunde ziemlich überraschend, weil sie irgendwie nicht wahrhaben wollen, dass ich Tashkurgan verlasse. Abdul gibt sein tiefes Bedaürn zum Ausdruck und ich komme mir mit meiner Entscheidung, den einfachen Weg des Vergnügens und der Genussucht zu wählen, etwas egoistisch vor. Zu lange war aber die Zeit der Entbehrung für mich in einer Gesellschaft, in der sozusagen alles verboten war, was Spass macht. Und schlussendlich bin ich bisher ausgezeichnet mit dem Konsept gefahren, genau das zu tun, worauf ich gerade Lust habe. Muhammads Worte, dass ich fähig sein soll, den Menschen hier helfen zu können, lassen mir aber trotzdem keine Ruhe.

So besteigen wir frühmorgens einen klapprigen Bus voller Uygurs und Tajiks, die Ununterbrochen eine sonderbar riechende Tabakmischung in Zigarettenpapier rauchen. Dunst bedeckt die Hügel und obwohl erst Anfang September ist, macht sich durch eine kühle Briese der Herbst bemerkbar. Wir fahren durch ein Niemandsland, wo es keine festen Siedlungen gibt. Die einzigen Bewohner dieser Gegend sind Nomaden, die in Yurten leben und ihr Vieh im Sommer im Grasland weiden lassen.

Wir begegnen grossen Herden von Kamelen, Yaks und Pferden. Kasakische Hirten mit urigen Hüten und hohen Lederstiefeln sitzen in kunstvoll verzierten Sätteln auf ihren kräftigen, majestätisch wirkenden Pferden und dirigieren mit zottigen Hunden ihre Herden über die Ebene. Karawanen von Kamelen, schwer beladen mit Yurten, Brennholz und Verpflegung, gehen ihren Weg neben der Strasse Richtung Tal. Wir steigen beim Karakuli-Lake aus, wollen eigentlich dort in einer Yurte übernachten, merken aber schnell, dass westliche Tourgruppen die Preise bereits versaut haben, chartern flugs einen chinesischen Jeep und machen uns vor dem Touristen-Nepp aus dem Staub.

Ein weiser entscheid, wie sich bald herausstellt. Die Strasse ist in einem miserablen Zustand, teilweise gar nicht existent. Schon nach kurzer Zeit verlassen wir das Grasland und kommen in eine kahle, steinige und hügelige Gegend, die von reissenden Flüssen durchzogen ist. Ständig müssen wir anhalten, weil die Strasse von Herden mit mehreren hundert Schafen und Ziegen belagert wird. Die Hirten haben alle Mühe, das Vieh für unseren Jeep auseinanderzutreiben. Das Weideland auf den 3500 Metern Höhe scheint für die Tiere langsam zu kühl zu werden. Nachs sechs Stunden Fahrt befinden wir uns kurz vor Kashgar. Siedlungen aus Lehmhütten, grüne Felder und Bäume kündigen langsam unsere Ankunft in der Oasenstadt an der Seidenstrasse an.

Gruss
Tom

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      "Toms Reisen" © by Tom Schaich