Xian, Guangzhou, Hongkong, Dezember und Januar 2000/2001.

Mal kurz einen Stempel organisieren

Nach dreissig Tagen Ramadan feiern die Uygurs Rosey Hait, eines der wichtigsten moslemischen Festivals. Drei Tage lang werden Besuche abgestattet und dabei soviel gegessen, bis man fast platzt. Sozusagen jeder, der mich hier kennt, will mich zu diesem Festtag zu sich nach Hause einladen. Die heikle Entscheidung, welchen der Einladungen ich schliesslich folgen soll, löst sich von selbst. Am ersten Tag der Völlerei, am 28. Dezember, stehe ich mit voller Ausrüstung am Bahnhof und nehme vorserst Abschied von Urumqi. Ab 15. Januar sollte ich meine eigenen Kurse als Lehrer beginnen und wenn ich schon soviel Geld für die Reise nach Hongkong ausgebe, will ich wenigstens ein bisschen was von China sehen.

Wenn ich bedenke, dass ich total ganze neun Tage und Nächte im Zug verbringen werde, bleibt nicht viel Zeit für sight seeing übrig. Die erste Etappe führt von Urumqi in 32 Stunden nach Lanzhou, der Hauptstadt der Provinz Gansu. Das Ticket dafür hat mir Merhaba einen Tag zuvor in der hoffnungslos überfüllten Ticket-Halle am Schalter für Mitglieder der Armee organisiert. Was sie dabei nicht dedacht hat ist, dass Armeeangehörige im Zug einen separaten Waggon zugewiesen bekommen. Ich gucke somit wahrscheinlch genauso dumm aus der Wäsche wie die mitreisenden Offiziere, als ich den Zug betrete.

Ein Bleichgesicht mit Bart, weiten schwarzen Kleidern und Rucksack passt irgendwie nicht ins idyllische Bild reisender Soldaten. Kurz nach der Abfahrt nimmt einer mit Bürstenschnitt und goldenen Sternen auf den Achseln seinen ganzen Mut und seine paar Wörter englisch zusammen und fragt mich freundlich, was ich hier eigentlich verloren habe. Auf die Antwort ‘my good friend is bigt armyman’ klopft er mir lachend auf die Schulter, meint ‘very good’ und erzählt es gleich seinen Kameraden weiter. Von unn an werden mir von allen Seiten Nüsse, getrocknete Früchte, Brot und Eier zugesteckt und heisses Wasser für meine Instant-Nudelsuppen organisiert. Welcome to the club.
 
Es tut gut, endlich wieder mal unterwegs zu sein, auch wenn sich dieser Trip ziemlich stark von den vorangegangenen unterscheidet. Ich merke, wie sehr ich das Leben auf Achse vermisst habe. Zeit zum Nachdenken habe ich auf der Fahrt mehr als genug, auf Lesen habe ich keine Lust. So sitze ich stundenlang am Fenster und bekomme zu spüren, dass Urumqi wirklich ‘in the middle of nowhere’ liegt. Dreissig Stunden Richtung Westen nach Kashgar und 30 Stunden im Zug Richtung Osten nach Lanzhou bieten bezüglich Landschaft wenig Abwechslung. Sand, Steine, Felsen und kahle Hügel. Ab und zu eine kleine Siedlung mit Häusern aus Lehmziegeln, vereinzelte Bauern, die wegen der eisigen Kälte dick eingepackt irgendwie unwirklich aussehen, scheinen auf den kargen Äckern einem sinnlosen Unterfangen nachzugehen.

Nach Sonnenauf- und vor Sonnenuntergang verwandelt das diffuse Licht die Einöde aber in ein Meer von Farbschattierungen, ungewöhnlichen Formen und die Wüste scheint plötzlich zu Leben. Alleine schon für diese Bilder lohnt es sich, so lange im Zug zu sitzen. Ich habe das Gefühl, genau das Richtige zu tun, freune mich darauf, Neues zu entdecken und nach so langer Zeit endlich China zu sehen. Xinjiang soll ja mit dem wirklichen China nicht viel zu tun haben. Ein paar Stunden vor der Ankunft in Lanzhou versuche ich herauszufinden, wie die Stadt denn so ist. Ein paar Offiziere sind dort aufgewachsen und auf meine Frage, ob Lanzhou eine schöne Stadt sein, meinen sie kurz und trocken ‘no’. Das ist insofern erstaunlich, da sonst normalerweise die Chinesen jedes weissgekachelte Toilettenhaus als ein Meilenstein des Fortschritts betrachten. Ich entschliesse mich kurzerhand, die Stadt auszulassen und so schnell als möglich weiterzureisen.

So marschiere ich dann nach der Ankunft gleich zu den Ticketschaltern, erstehe auf dem Schwarzmarkt innerhalb von zwei Minuten ein Ticket für den Nachtzug nach Xian und habe erst noch zwei Stunden Zeit, mir Lanzhou anzuschauen.
 
Dass Gansu eine arme Prvinz sein soll, wird einem in der Hauptstadt Lanzhou verdeutlicht. Vernachlässigte Gebäude, die Strassen verschmutzt mit wenigen Autos, die Leute in einfachen Kleidern. Die Stadt scheint Charakter zu haben. Unter der spärlichen Strassenbeleuchtung schlendere ich durch die Strassen und setze mich dann in ein heruntergekommendes Restaurant. Das Personal sitzt um einen Kohlenofen und der einzige Gast bittet mich an seinen Tisch, wo er mir sein Essen und sein Bier offeriert. Das ist mir schon lange nicht mehr passiert. Niemand spricht ein Wort englisch, aber wir verstehen und ausgezeichnet. Ich bereue es nun, dass ich gleich weiterreisen muss.

Xian, Januar 2001

Lächerliche 15 Stunden im Nachtzug bringen mich zu der sagenumwobenen ‘Wiege der chinesischen Zivilisation’, Xian, wo ich erst mal ein bisschen ausruhen will. Xian war nicht nur über 1000 Jahre die Hauptstadt des Reichs der Mitte sondern auch der Ausgangspunkt der Handelskaravanen auf der Seidenstrasse. Vor 1500 Jahren soll Xian die grösste und kosmopolitischste Stadt der Welt gewesen sein. Händler, Künster, Soldaten, Pilger und Gesandte aus allen Teilen Asiens und darüber hinaus prägten das Bild dieser reichen und multikulturellen Metropole zu dieser Zeit. Was wird davon noch übrig sein?

Die zwölf Meter hohen Stadtmauern, die gleich gegenüber des Bahnhofs in den Himmel ragen und das alte Zentrum in einem Umfang von zwölf Kilometern umschliessen, geben mir einen ersten Eindruck, als ich Xian am Morgen des Silvesters erreiche. Die Hotels sind völlig überteuert, das Dormitory, im Keller und ohne Heizung, voller verwegener Backpacker, die nach dem Südostasien Pancake Trail noch einen kurzen Abstecher zur guten alten Seidenstrasse machen. Ein ziemlich langweiliger Holländer überredet mich zu einem Spaziergang durch die Stadt. Er inszeniert seine publikumsträchtigen Spässe mit den chinesen mit professionellem Kalkül, schliesslich war er in seinem früheren Leben Verkaufstrainer. ‘I know what people like’.

Wir kämpfen uns stundenlang durch überfüllte Shopping-Strassen, stossen zwischendurch auf einen Glockenturm oder eine Pagode, die wie kleine unberührte Inseln im Meer des Einheitsbreis des ungebremsten Fortschritts stehen. Ist ja ganz nett hier. Nur, wer die Inseln betreten will, um etwas von Geist der chinesischen Kultur zu erleben, dem wird der Eintritt mit horrenden Ticketpreisen verwehrt. Wir fliehen in einem Bus aus dem Verkehrs- und Verkaufschaos zur Big Goose Pagoda.

Hunderte von Souvenirshops säumen den Weg zur Pagode, Touristen gibts nur wenige und die Ladenbesitzer sind entsprechend verzweifelt. Ich finde die Touristenschiene zur Zeit ganz angenehm und von chinesischem Kunsthandwerk habe ich bisher nicht viel gesehen. So schaue ich mich gründlich um, wechsle mit den Shopbesitzern meine dreissig Worte chinesisch und bin fasziniert von den vielen Kalligraphien und Malerien mit chinesischer Tusche. Zum Spass feilsche ich ein bisschen und erstehe völlig erstaunt eine gut drei Meter lange Original-Kalligraphie für den lächerlichen Preis von zehn Dollar. Glücklicherweise schaffe ich es anschliessend, das Ding in meinem Rucksack zu verstauen.

Wir überwinden uns, den astronimischen Eintrittspreis zur Pagode zu bezahlen, schliesslich ist man ja nur einmal hier. Die Gebäude im Innern wurden bis zur Unkenntlichkeit restauriert. Der Mönch im Souvenirshop für spiritülle buddhistische Musik und Literatur macht die fehlende Ambience nicht wett und die Coca Cola Sonnenschirme des integrierten Besucherrestaurants verwandeln diesen einst heiligen Ort in unwiederbringbare Geschichte. Mir reichts gründlich und beschliesse, mein Geld künftig in sinnvollere Dinge zu investieren und gehe eine Pizza essen. China scheint auch die letzten Zeugen seiner glanzvollen Vergangenheit zerstört zu haben, wenn auch dismal auf eine subtilere Art und Weise.
 
Abends wollen die vereinigten Backpacker ihr hart erarbeitetes Budget mittels Neujahrsparty in eriner teuren Disco künstlich reduzieren. Auf die Nummer habe ich absolut keinen Bock. Ein Engländer scheint gleicher Meinung zu sein, was ihn mir auf Anhieb sympathisch macht. Wir schnappen uns je eine Flasche Bier und viele Zigaretten und machen es uns in seinem Zimmer gemütlich. Der Typ entpuppt sich als Geigenbauer, der in London Stradivaris repariert und eine Kollegin, die in irgendeiner Ecke Chinas als Lehrerin arbeitet, besuchen will. Er hat einiges zu erzählen und als wir uns bei einem Zimmermädchen nach der Uhrzeit erkundigen, erfahren wir, dass das alte Jahrtausend seit zwei Stunden nun endgültig Geschichte sei. Das hält und nicht davon ab, unser Gespräch noch bis in die frühen Morgenstunden weiterzuführen. Ein Rutsch in ein neues Jahr ganz nach meinem Geschmack.
 
Am nächsten Tag lasse ich die Terracotta-Arme, einer der bedeutendsten Touristenattraktionen weltweit, grosszügig sausen. Die Höhe des Eintrittspreises betrachte ich bereits als Investition in die Entwicklung Chinas, die ich persönlich nicht mehr verantworten kann. Dafür finde ich eine enge Gasse mit vielen Kundshandwerkern wo ich weitere Tuschezeichnungen und ein altes Werbeplakat erstehe. Danach klappere ich Bücherläden ab, um endlich ein geeigentes Buch für den Deutschunterricht zu vinden.

In Urumqi hatte ich mich während Wochen per Internet halb tod gesucht. Im gelobten Osten Chinas soll man aber alles bekommen, was das Herz begehrt. Xian ist aber Fehlanzeige. Die allgemeine Abzockerei hier geht mir eh auf die Nerven und so besteige ich wieder mal den Zug für meine zweite Etappe von Xian nach Guangzhou. Dreissig Stunden Richtung Südostasien, einem Teil der Erde, den ich früher mal meine zweite Heimat genannt hatte.
 
Im Zug treffe ich ein Paar aus Holland, das auch schon ein gutes Jahr unterwegs ist und Richtung Hongkong will. Die mitreisenden Chinesen scheinen eine andere Rasse als ihre Artgenossen aus den Nordwestlichen Privinzen zu sein. Andere Gesichtsform, dunklere Hautfarbe, westlichere Kleidung und vergleichsweise anständige Manieren. So führe ich bei einer Zigarette im Vorraum des Waggons manch ein kurzes Gespräch in Englisch.

Es wird deutlich wärmer, die kargen Äcker werden langsam grün und zum ersten mal seit einem halben Jahr sehe ich wieder einen dicht bewachsenen Hügel. Vereinzelte kleine Dörfer schiessen vorbei, deren Architektur man wahrscheinlich als traditionell chinesisch bezeichnen dürfte. An den Bahnhöfen werden vermehrt leckere, frisch zubereitete Gerichte feilgeboten. Der Süden naht. Am nächsten Morgen sehe ich dann durz nach Sonnenaufgang Reisfelder und Wasserbüffel. Wie unendlich langweilig ist doch das Fliegen im Vergleich zu einer solchen Zugfahrt, auch wenn mir Rückblickend die Landschaften Indiens stärker beeindrucken vermochten. Wenn du aber fünf Monate im Niemandsland verbracht hast, erklärst du jeden eingetopften Ficcus Benjamin als Naherholungsgebiet. Ich habe längere Gespräche mit einem Chinesen namens Michael aus Guangzhou. Er gibt mir viele Tips, wie ich nach Hongkong komme und er rät mir, gleich nach dorthin weiterzureisen, da Guangzhou fast gleich teuer wie die ehemals britische Kronkolonie sei. Bianca und Klaas, meine beiden holländischen Reisebegleiter haben dasselbe vor und so beschliessen wir, den Trip gemeinsam zu machen.
 
In Guangzhou scheint die Sonne und es ist warm. Am Hauptbahnhof herrscht ein Chaos, wie ich es nur von Indien her kenne. Zehntausende von Menschen drängen in Massen, sitzen auf ausgebreiteten Decken auf dem Boden und spielen Karten, stehen einfach nur rum oder hängen sich an ankommende Zuggäste, um Hotelzimmer, Stadtpläne oder was auch immer zu verkaufen. Ein Meer von schwarzen Haaren und Schlitzaugen soweit das Auge reicht. Ich erkenne darunter viele Nationalitäten. Tibeter, Mongolen, Uygurs, Kasaken, Kirgisen etc. Wie ich später erfahre, ist ein Grossteil der Leute aus den ärmeren Provinzen im Norden und Westen in den reichen Süden gereist, um Arbeit zu finden.

Viele haben für die Fahrt ihr ganzes Erspartes investiert. Miachäl begleitet uns durch das Chaos und hält die fliegenden Händler in barschem Ton von uns Fern. Erwarnt uns ‘they’re all liars, don’t trust them’ und organisiert uns ein Taxi, dass uns direct zum Busstap nach Hongkong bringen soll. In einem Fünfsternehotel buchen wir unseren Luxusbus, der uns direct nach Kowloon bringen soll. Gleich nebenan sichte ich ein goldenes ‘M’ und Minuten später habe ich einen original Big Mac zwischen den Zähnen. Quality! Draussen spenden mächtige Bäume mit saftig grünen Blattern Schatten und ich habe das Gefühl, dass ich mir die Stadt genaür anschauen sollte.

Hongkong, Januar 2001

Die SAR Hongkong (Special Administrative Region), wie sich die ehemalige Südostasien-Dependance der Queen nun nennt, ist auch nach drei Jahren nach der Übergabe ein separater Teil von China. Ein Land, zwei Systeme, heisst das Motto. Und darauf sind die Jünger Maos mächtig stolz. Das bedeutet, dass in Hongkong nach wie vor mit dem HK Dollar gehandelt wird und, dass wenn man dorthin reisen will, man eine veritable Grenze mit Zoll und all den anderen Nettigkeiten passieren muss. Ich erhalte einen Ausreisestempel auf mein chinesischen Visum und ein kostenloses Visum für vier Monate von Hongkong, was sovie heisst, dass ich raus aus China bin.

Der Bus setzt uns nach drei Stunden Fahrt via Shenzhen irgendwo in Kowloon ab. Wir irren mit unserem Gepäck durch die Strassen, ohne einen Dollar in der Tasche um ein Taxi zu nehmen. Bis Klaar in den Sinn kommt, dass hier vielleicht jemand englisch sprechen könnte. Das erste Paar antwortet dann auch gleich in perfekt britischem Akzent und bringt uns gleich zur Metrostation, wos selbstverständlich einen ATM gibt, der ausländische Kreditkarten schluckt. Als ich mit all den durchgestylten Chinesen in der ultramodernen Metro wie ein Pfeil Richtung Tsimshatsui flitze, wird mir endgültig bewusst, dass ich in einer anderen Welt bin. Keiner start mich mehr an, Chinesen sprechen englisch untereinander, das Zuginformationsststem ist kundenfreundlich perfekt und keener spuckt auf den Boden.

Kurz vor dem Ende der Nathan Road steigen wir aus und als wir durch den Metroschacht mitten ins Nachtleben von Hongkong reinpurzeln, haben wir glasige Augen. Ich fühle mich gerührt wie ein Dreijähriger, der zum ersten mal vor einem Weihnachtsbaum steht. Wow, das ist Hongkong! Wir machen uns gleich auf die Suche nach einer budgetgerechten Unterkunft, was uns zu zwei dubiosen Wohnsilos treibt. Im ersten ist uns die Ansammlung zweifelhafter Gestalten zu hoch, im zweiten handeln wir ein Zimmerchen im zehnten Stock mit drei Betten, Dusche und WC auf unschlagbare 60 HK$ pro Nase runter. Wir lassen alles stehen und liegen und pilgern zum nahegelegenen Pier. Falls ihr schon mal in Hongkong mart, dent ihr wahrscheinlich das Gefühl, das erste Mal nachts von Kowloon nach Hongkong Island rüberzublicken. Einfach atemberaubend. Ich habe wahrscheinlich noch nie soviel elektrisches Licht auf einmal gesehen.
 
Am nächsten Morgen händigt mir im Touristenbüro eine topfreundliche Angestellte eine kostenlose Stadtkarte aus und ermittelt mir via Computer, wo die grössten Büchergeschäfte und die besten Fotolaboratorien sind. Danach mache ich mich in meinen Sommerklamotten bei einer leichten Brise vom Meer auf den Weg Richtung Reisebüro, dass mir telefonisch zugesichert hat, ein Businessvisa zu organisieren. Im marmorausgelegten Bürohochhaus strecke ich dem freundlichen Manager meinen Pass entgegen und ordere ‘einmal Typ F, sechs Monate, Multiple Entry, bitte’.

Der Mann schaut sich sicherheitshalber meinen Pass an, wobei sein Lächeln verschwindet, er auf meine vier Verlängerungen zeigt und meint, dass mit diesen Stempeln meine Chancen auf ein neues Visa äusserst gering seien. Er will es aber trotzdem versuchen und verspricht eine Antwort diesen Abend. Damit habe ich ja nun wirklich nicht gerechnet. Wo soll ich denn hin, wenn nicht zurück nach China? Ich nehme eine Fähre nach Hongkong Island und gehe spazieren um erst mal nachzudenken. Ich kämpfe mich durch die Einkaufs- und Businessstrassen Richtung Victoria Peak. Die Szenerie verändert sich, je weiter ich mich vom Meer entferne. Ich schlendere durch offene chinesische Märkte, gehe immer mehr Treppen hoch, bis ich die Wolkenkratzer durch das schattige Grün subtropischer Vegetation sehen kann.

Bald stehe ich in einem botanischen Garten, wandle durch einen Bambuswald, sehe mir Vögel in grossen Käfigen an, die ich noch nie zuvor gesehen habe und beobachte eine Orang-Utan-Familie bei ihren täglichen Turnübungen. Selbstverständlich alles klinisch sauber, englisch beschriftet und ohne Eintrittspreis. Hongkong macht mir wirklich Eindruck. Als ich bei Sonnenuntergang völlig verschwitzt wieder den Marmorpalast betrete, tue ich das mit dem guten Gefühl, erst mal abzuwarten und mir dann erst Sorgen zu machen. Als mir dann der strahlende Manager meinen Pass entgegenstreckt und meint, dass es doch keine Probleme gegeben habe, kann ich mir in etwa vorstellen, wie mein nächstes halbes Jahr aussehen wird. Kann eigentlich gar nichts mehr schiefgehen.

Abends gehen wir auf die Suche nach etwas Essbarem, was ing Hongkong gar nicht so einfach ist, wenn man mit schmalem Budget reist. Es gibt zwar vom Planeten Holywood bis zum Swiss Chalet alles, was das Herz begehrt, nur dass die Preise so hoch wie in Zürich sind. So richten wir unsere Geschmacksnerven Richtung MacDonalds und KFC aus, die ein fast unschlagbares Preis-/Leistungsverhältnis bieten. Von den unzähligen Discos und Live-Konzerten wagen wir gar nicht erst zu träumen und legen uns früh schlafen.
 
Hongkong fasziniert mich so sehr, dass ich ein paar Tage bleiben will. Ich kaufe einen Teil meines Essens im Supermarkt und gehe nur zu Fuss, womit ich meine Ausgaben im Griff behalten kann. Zuerst lasse ich meine belichteten Filme von Pakistan und Kashgar in einem professionellen Labor entwickeln. Ich bin ziemlich gespannt, ob aus den Bildern von all den faszinierenden Menschen und den Landschaften trotz mehrmaligen X-ray Checks was geworden ist. An einem sonnigen Morgen wandere ich auf denVictoria Peak und verbringe dort einen ganzen Tag mit Spaziergängen durch diese grüne Oase mit der einmaligen Aussicht auf Hongkong aus der Vogelperspektive. Die Shopping-Komplexe mögen mich irgendwie nicht sonderlich begeistern. Schliesslich brauche ich nichts. Ich decke mich mit dem wichtigsten ein, was wir in Urumqi benötigen: Kaffee, Schokolade, Gewürze und Frischhaltefolie. Mit Käse stopfe ich mich präventiv voll, weil ich den nicht gut transportieren kann.

Eine herbe Enttäuschung erlebe ich in den Bücherläden: Lehrmittel für den Deutschunterricht sind nur in englisch und nicht in Mandarin erhältlich und alle Bücher im Bereich Ficition und Non-Fiction sind teurer als in Europa. Wird also nichts aus den gemütlichen langen Leseabenden in Urumqi. Dafür kommt die Entwicklung meiner Fotos ganz manierlich raus. Die Filme hatten keinen Schaden genommen und die Kamera, meine geliebte Yashica T5, scheint nach wie vor einwandfrei zu funktionieren. Ich zweifle einzig an meiner eigenen Fähigkeit, gescheite bilder zustande zu bringen. Ich nerve mich bei jedem tollen Sujet, dass ich durch Nichtbeherrschung der Belichtungsautomatik versaut habe. Dennoch finde ich unter dem ganzen Ausschuss, der nur noch sentimentalen Wert hat, ein paar ansehliche Aufnahmen, die ich gleich vergrössern lasse.
 
Ich besuche noch viele Parks und Märkte, um noch einmal so richtig Südostasien zu tanken. Nachher erwartet mich ein hartet Winter bis Mai. Den Tag vor meiner Rückreise verbringe ich auf einer kleinen Insel, etwa eine Stunde per Boot von Hongkong entfernt. Die Siedlung dort könnte von einer Mittelmeer-Insel stamen, die Vegetation erinnert mich an den Süden Thailands. Hier spielt sich das Leben ruhig und gemächlich ab, Männer sitzen mit Strohhüten und kurzen Hosen draussen und diskutieren, Autos sind nicht erlaubt. Kaum jemand, ausser mir, ist auf den schmalen Pfaden den Klippen entlang unterwegs.

Es ist schon verdammt lange her, seit ich so saubere Luft geatmet habe. Ich stosse auf eine verborgene Bucht mit bezauberndem Sandstrand, eingefasst in üppige Vegetation. Ich lasse die Wellen der Südchinesischen See um meine Beine tänzeln und träume von der Robinson-Nummer auf der einsamen Insel. Ich setze mich auf einen Felsen, blicke aufs Meer und denke nach. Eigentlich ist alles ganz einfach. Ein kurzes E-Mail nach Urumqi und ein spottbilliges Ticket nach Bangkok trennt mich vom Paradies. Meine Freunde würden mich wahrscheinlich sogar verstehen. Ich komme aber zum Schluss, dass das, was ich in Urumqi vorhabe, irgendwie mehr Sinn macht und dass ich wahrscheinlich anschliessend die einsame Insel noch viel geiler finden werde.

Guangzhou, Januar 2001

Klaas und Bianca werden nach Kathmandu weiterfliegen, wofür ich sie zugegebenermassen ein bisschen beneide. Ich mache mich auf den Weg zurück nach China, diesmal aber auf die billige Tour. Nach einer kuzen Zugfahrt wtehe ich vor der Grenze zur SAR Shenzhen, überqüre eine Brücke und bin nach ein paar Formularen schwups wieder in China. Das merke ich sogleich, als ich mich nach dem Busstop erkundige und mich kein Schwanz versteht. Shenzhen bietet wohl kaum was, das Hongkong nicht weit besser hätte und so fahre ich direct zurück zur Stadt am Pearl River. Am Bahnhof von Guangzhou wird mir klar, dass ich mir eine saublöde Jahreszeit zum Reisen ausgesucht habe.

Chinesisches Neujahr steht vor der Tür und jeder Chinhese versucht während seinen Ferien nach Hause zu reisen. Der Bahnhof quillt vor Menschen über, das Sicherheitspersonal versucht verzweifelt, der Situation Herr zu werden. Ich gebe mein Gepäck am Bahnhof ab und mache mich auf Ticketsuche. Die Situation an den regulären Schaltern ist hoffnungslos und der Schwarzmarkt scheint komplett ausgetrocknet zu sein. Ich klappere mehrere Reisebüros ab, das einzige, was ich aber bekommen kann, ist ein Ticket für einen Zug, der zwei Tage später nach Xian fährt. Dort wollte ich eigentlich nicht unbedingt zurück, aber es bleibt mir nichts anderes übrig.

Die Zeit dazwischen will ich nicht in der Nähe des Bahnhofs verbringen und so fahre ich mit dem Taxi durch die ganze Stadt Richtung Süden zu einer Insel im Pearl River, wo in den guten alten Zeiten der Chinareisenden die Briten, Portugiesen und andere Handelsnationen ihr Unwesen getrieben hatten. Zu dieser Zeit war es den Ausländern nicht erlaubt, das Festland zu betreten und so haben sich die verhinderten Kolonialherren mit den Profiten aus dem Opium- und Teehandel ziemlich feudal auf der vorgelegten Insel eingerichtet.

Wahrscheinlich bietet die Insel, die mittlerweile durch bauliche Massnahmen nicht mehr als solche wirkt, eines der wenigen Anschauungsstücke kolonialer Architektur in China. Mein Zimmer teile ich mit einem Kanadier, der das Double von John Belushi sein könnte und seiner taiwanesischen Freundin. Der Typ lebte zuvor in Toronto jahrelang mit einem Tai-Chi-Master zusammen, arbeitet nun seit drei Jahren in Taiwan als Übersetzer von Computermanuals und spricht fliessend kalt und warm Kantonesisch und Mandarin. In den folgenden zwei Tagen quatschen wir ununterbrochen und ziehne in den verwinkelten schmalen Gassen vom alten Teil Guangzhous rum.

Wenn ihr euch vorstellen könnt, wie es sein muss, wenn man mit einem kantonesisch sprechenden John Belushi in Kanton (der deutsche Name der Stadt) unterwegs ist, könnt ihr erahnen, welch herrliche Zeit ich dort verbringe. Egal ob Kleinkind, Grossmutter, Businessman oder Shopbesitzerin, der Kanadier quatscht jeden an und kaum jemand will in wieder gehen lassen. In den Restaurants stürmt er jeweils direkt in die Küche und gibt unter grossem Gelächter dem Personal Anweisungen. In den Märkten muss ich nur auf etwas zeigen, das ich nicht kenne und mein Begleiter macht gleich alles für mich ausfindig. Jedesmal versammeln sich unzählige Menschen, die vor lachen Tränen in den Augen haben.

Ständig stoppen wir in irgendwelchen kleinen schäbigen Restaurants um immer wieder neue Gerichte zu kosten. Ich erkläre die kantonesische Küche als eine der besten der Welt. Wir schaffen es, in einem wunderschönen buddhistischen Tempel nach Torschluss dem abendlichen Chanting der in prächtige Tücher gehüllten Mönche vor den riesigen goldenen Buddha-Statuen beizuwohnen und danach erst noch vom Abt persönlich begrüsst zu werden. Nachts sitzen wir in einem Park und während mir Belushi seine Tai Chi Kenntnisse demonstriert, versammeln sich die anwesenden Chinesen und applaudieren.

Wir sprechen viel über Taiwan und China, er interessiert sich sehr für die Situation der Minoritäten im Nordwesten. Durch seine Bekanntschaft erhalte ich ein anderes Bild von China und den Chinesen. Der Reiz dieses Landes liegt definitiv in den Leuten selber und ohne die nötigen Sprachkenntnisse kommt man nicht weit. Oder beschräkt sich eben auf die ‘Sehenswürdigkeiten’, von denen meines Erachtens nicht viel übrig geblieben ist.
 
In Guangzhou finde ich dann endlich auch ein geeignetes Lehrmittel für meinen Unterricht. Der Inhalt des vom Goethe-Institut entwickelten Kurses ist zwar knochentrocken und könnte einem die Lust auf die deutsche Sprache gehörig verderben, dafür machen wenigstens die Dialoge und der Aufbau, im Gegensatz zu entsprechenden Werken ‘Made in China’, einigermassen Sinn. Während des Unterrichts werde ich den Inhalt schon etwas aufmotzen können. So habe ich nun alles für meine Rückkehr zusammen und kann mich beruhigt auf die Reise machen.

Der Zug nach Xian ist bis zum letzten Platz ausgebucht und die Gänge mit Gepäck vollgestopft. Fast die Hälfte der Passagiere meines Waggons sind Studenten, die über Neujahr nach Hause reisen, der Rest ist zum selben Zweck unterwegs. Viele sprechen englisch und so wird es eine recht kurzweilige Fahrt, auch wenn mir der junge Mittelschüler aus Shenzhen, dessen Vater eine grosse Firma besitzt und der nur im Zug sitzt, weil alle Flüge ausgebucht sind, während Stunden mit idiotischen Fragen, die immer mit ‘what’s your favorite…’ beginnen, gründlich auf die Nerven geht. Eine Managerin aus Xian prophezeit mir, dass ich in Xian grosse Schwierigkeiten haben werde, zu dieser Zeit ein Ticket nach Urumqi zu bekommen und stellt mir zwei Geschäftsleute aus Urumqi vor,die auch dringend nach Hause müssen.

Die beiden schauen vertraünswürdig aus, sprechen aber kein Wort Englisch. Kurz vor Ankunft schärft mir die Managerin noch mal ein, die beiden nicht aus den Augen zu lassen und ihnen überall hin zu folgen. Den Bahnhof in Xian verlassen wir dann über irgendwelche Hintertüren und befinden uns plötzlich in einer Art Hotel. Ich willige ein, mit den beiden ein Zimmer zu teilen, an der Rezeption gibt man ihnen aber zu verstehen, dass es in China verboten ist, dass ein Ausländer im Zimmer eines Eiheimischen schläft. Na ja, im Zug war es ja möglich, aber so einen Schwachsinn gibt es eben nur in China.

Gegen zehn Uhr nachts machen wir uns auf Ticketsuche. An den Schaltern das blanke Chaos. So wandern wir einige Zeit durch die Nacht bis zu einem dubiosen Eingang, hinter dem sich ein dubioser Schalter und eine Menge dubioser Gestalten befinden. Ein verwegener, junger Kerl mit Handy erscheint und einer meiner Begleiter begrüsst ihn wie einen alten Freund und steckt ihm gleich teure Zigaretten zu. Ein längeres Gespräch findet statt und der Jüngling sagt immer nur ‘meiyou’, was soviel wie ‘habe ich nicht’ bedeutet. Schlussendlich aber freudiges Händeschütteln, noch mehr teure Zigaretten und wir legen 400 Mäuse pro Nase auf den Tisch, worauf wir einen Notizzettel mit etwas Gekritzel erhalten. Die Tickets sollen dann ‘miantian’ kommen.

Mir kommt langsam der Verdacht, dass meine Begleiter wirklich so bescheuert sind, auf diesen alten Trick reinzufallen. Die Ticketübergabe soll am Abend des nächsten Tages stattfinden, einige Stunden vor Abfahrt des Zuges. So habe ich nochmals einen Tag in Xian, den ich dazu nutze, ein paar Dinge für meine Freunde einzukaufen. Ein strahlend schöner Wintertag. Ich habe noch genau zwei Tage, bevor mein Unterricht beginnen sollte und keine Ahnung, was in Urumqi zur Zeit abgeht. Zum vereinbarten Zeitpunkt stehen wir wieder vor dem dubiosen Schalter, der Junge mit Handy ist selbstverständlich nicht aufzutreiben. Man führt uns in ein schmuddeliges Hinterzimmer mit Bett und TV, in dem schon ein paar andere Leute warten und sich dabei schwachsinnige Kung-Fu-Filme ansehen. Ich muss mir zwei der hirnrissigen Streifen reinziehen, bis endlich der Typ auftaucht, nach einem kurzen Gespräch aber gleich wieder verschwindet.

Meine Begleiter scheint der Optimismus nach dem Auftritt etwas verlassen zu haben. Ich habe mich ausgeklinkt, schaue noch einmal gut eine Stunde den wild durch die Luft fliegenden Schauspielern zu, bis endlich auf einen Hongkong-Movie mit englischen Untertiteln amgeschaltet wird, bei dem alle bis auf die Zähne bewaffnet sind und sich gegenseitig im Akkord umlegen. Der Streifen ist so absurd, dass ich mir das Lachen nicht verkneifen kann. Beim grossen Showdown kann ich nicht mehr und brülle los, was das anwesende Publikum mit gebanntem Blick offensichtlich nicht nachvollziehen kann.

Eine Stunde vor Abfahrt des Zuges taucht unser Mittelschul-Mafiosi wieder auf und streckt uns triumphierend drei Tickets entgegen. Nochmals Zigaretten und wir machen uns im Laufschritt zurück Richtung Hotel. Ist ja wiedermal gut gegangen. Wir erreichen den Zug pünktlich und es ist mir ziemlich egal, dass meine Pritsche gleich neben der Toilette liegt. Die läppischen fünfundvierzig Stunden bis nach Hause schaffe ich auch so locker.

Am nächsten Morgen begrüsst mich die Wüste mit dunkelblaüm Himmel und strahlendem Sonnenschein, an den Bahnhöfen ist es wieder bitterkalt und zu essen gibts nur noch Instant-Nudelsuppen. Das Wetter hält zwei Tage so an und ich freü mich auf Urumqi. Ein kleines Kind, das als blinder Passagier in unserem Abteil mitreist, erklärt mich für ziemlich bescheuert, weil ich kein Chinesisch spreche und versucht mir, mittels seinen Primarschulbüchern, Pinying beizubringen. Zur Belohnung für korrekte Betonung bekomme ich Süssigkeiten. Eine gemütliche Reise, wenn auch vielleicht doch ein bisschen lang.
 
Als wir am 15. Januar kurz vor Urumqi sind, werfe ich mal einen Blick in mein Deutschbuch, sage mir dann aber, dass die Schule den Kurs bestimmt bereits verschoben hat, weil ich noch nicht aufgetaucht bin. Bei der Einfahrt in Urumqi verschwindet dann die Sonne hinter einer dicken Schicht Smog und es wird deutlich kälter. Obwohl ich meinen Begleitern versuche klar zu machen, dass ich mich in der Stadt bestens auskenne und mein Hotel nur eine Busstation vom Bahnhof entfernt liegt, bestehen sie darauf, dass ich nicht von ihrer Seite weiche.

Vor dem Bahnhof wartet dann einer dieser fetten LandCruiser Station Wagon V8 mit allen Schickanen auf uns. So erhalte ich eine Ersteklasse-Fahrt durch den Abendverkehr ins gute alte Xinjiang Hotel. Ich bedanke mich herzlich bei meinen Betreuern, ohne die ich wahrscheinlich immer noch in Xian sitzen würde und revidiere meine Meinung über die Chinesen nochmals. Ich werde vom Hotelpersonal als alten Stammgast herzlich begrüsst und an der Rezeption erhalte ich ohne zu fragen dasselbe Bett im selben Zimmer. Renjing, unser Etagenmädchen, dem wir seit Monaten versuchen Englisch beizubringen, will mir vor Freude über meine Rückkehr fast um den Hals fallen, bezieht gleich mein Bett frisch und füllt die Thermnoskanne mit heissem Wasser. Welcome back home.

Es ist fünf Uhr, Frank scheint das Zimmer gerade erst verlassen zu habe, wahrscheinlich für den Abendunterricht von sechs bis acht. Ich werfe meinen Rucksack aufs Bett und rufe bei der Schule an. Dort scheint man meine Ankunft sehnlichst zu erwarten und die Freude ist gross. Der Hörer wird von einem zum anderen weitergereicht, um mich zu begrüssen, keiner will mir aber über meinen Stundenplan Auskunft geben. Merhaba sagt mir dann, dass man bereits eine Nachmittagsklasse von Englischschülern nach Hause geschickt habe (wusste gar nicht, dass ich Englisch unterrichten werde) und mir niemand getraue zu sagen, dass meine Deutschklasse in einer Stunde beginnen sollte. Ich bin hin und her gerissen.

Was soll ich tun? Ich habe mir meine Ankunft mehr im trauten Kreise von Freunden mit vielen Geschichten und zweifelhaftem Vodka vorgestellt, als im Klassenzimmer. Schliesslich bin ich aber von jetzt an Lehrer und habe eine Aufgabe zu erfüllen. Da gibts nur eins: Augen zu und durch. Ich stele mich kurz unter die Dusche, ziehe die verschwitzten Klamotten aus Hongkong an, weil ich seit der Ankunft in Guangzhou die gleichen Klamotten trage und nie waschen konnte. Das ist der Nachteil, wenn man nur zwei paar Hosen und zwei Hemden besitzt.
 
Die Ankunft in der Schule bricht wie ein Gewitter über mich herein. Die Gänge sind vollgestopft mit Studenten, jeder will mir die Hand schütteln und ein paar Worte mit mir wechseln. Ich mache Frank und Ujahn in der Masse aus und wir fallen uns zur Begrüssung in die Arme. Ich kämpfe mich zum Office durch, drinnen werde ich jubelnd von der Schulleitung und den Lehrern begrüsst. Ich versichere, dass ich ok bin und ich den Unterricht problemlos betreiten könne. Irgend jemand organisiert mir Kopien von Lektion eins aus meinem Buch. Ich nehme das Ganze mehr oder weniger wie in einem Traum wahr und ich merke, dass mir die 45 Stunden im Zug vielleicht doch so was wie einen jetlag beschert haben. Zeit zum Nachdenken bleibt mir nicht, denn schon werde ich in ein Klassenzimmer geleitet, wo mich sechs frischgebackene Deutsch-Studenten erwartungsvoll anblicken. ‘ähäm. Well. Guten Abend. Welcome to this course. I was sitting in the train for quite a long time and haven’t got any plan. I mean, does anybody here understand English? Oh yes, I’m your teacher.’ Ungefährt so beginnt meine Karriere als Lehrer.