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Mal kur einen Stempel organisieren,
Teil 2


 
   

Xian, Januar 2001

Lächerliche 15 Stunden im Nachtzug bringen mich zu der sagenumwobenen ‘Wiege der chinesischen Zivilisation’, Xian, wo ich erst mal ein bisschen ausruhen will. Xian war nicht nur über 1000 Jahre die Hauptstadt des Reichs der Mitte sondern auch der Ausgangspunkt der Handelskaravanen auf der Seidenstrasse. Vor 1500 Jahren soll Xian die grösste und kosmopolitischste Stadt der Welt gewesen sein. Händler, Künster, Soldaten, Pilger und Gesandte aus allen Teilen Asiens und darüber hinaus prägten das Bild dieser reichen und multikulturellen Metropole zu dieser Zeit. Was wird davon noch übrig sein?

Die zwölf Meter hohen Stadtmauern, die gleich gegenüber des Bahnhofs in den Himmel ragen und das alte Zentrum in einem Umfang von zwölf Kilometern umschliessen, geben mir einen ersten Eindruck, als ich Xian am Morgen des Silvesters erreiche. Die Hotels sind völlig überteuert, das Dormitory, im Keller und ohne Heizung, voller verwegener Backpacker, die nach dem Südostasien Pancake Trail noch einen kurzen Abstecher zur guten alten Seidenstrasse machen. Ein ziemlich langweiliger Holländer überredet mich zu einem Spaziergang durch die Stadt. Er inszeniert seine publikumsträchtigen Spässe mit den chinesen mit professionellem Kalkül, schliesslich war er in seinem früheren Leben Verkaufstrainer. ‘I know what people like’.

Wir kämpfen uns stundenlang durch überfüllte Shopping-Strassen, stossen zwischendurch auf einen Glockenturm oder eine Pagode, die wie kleine unberührte Inseln im Meer des Einheitsbreis des ungebremsten Fortschritts stehen. Ist ja ganz nett hier. Nur, wer die Inseln betreten will, um etwas von Geist der chinesischen Kultur zu erleben, dem wird der Eintritt mit horrenden Ticketpreisen verwehrt. Wir fliehen in einem Bus aus dem Verkehrs- und Verkaufschaos zur Big Goose Pagoda.

Hunderte von Souvenirshops säumen den Weg zur Pagode, Touristen gibts nur wenige und die Ladenbesitzer sind entsprechend verzweifelt. Ich finde die Touristenschiene zur Zeit ganz angenehm und von chinesischem Kunsthandwerk habe ich bisher nicht viel gesehen. So schaue ich mich gründlich um, wechsle mit den Shopbesitzern meine dreissig Worte chinesisch und bin fasziniert von den vielen Kalligraphien und Malerien mit chinesischer Tusche. Zum Spass feilsche ich ein bisschen und erstehe völlig erstaunt eine gut drei Meter lange Original-Kalligraphie für den lächerlichen Preis von zehn Dollar. Glücklicherweise schaffe ich es anschliessend, das Ding in meinem Rucksack zu verstauen.

Wir überwinden uns, den astronimischen Eintrittspreis zur Pagode zu bezahlen, schliesslich ist man ja nur einmal hier. Die Gebäude im Innern wurden bis zur Unkenntlichkeit restauriert. Der Mönch im Souvenirshop für spiritülle buddhistische Musik und Literatur macht die fehlende Ambience nicht wett und die Coca Cola Sonnenschirme des integrierten Besucherrestaurants verwandeln diesen einst heiligen Ort in unwiederbringbare Geschichte. Mir reichts gründlich und beschliesse, mein Geld künftig in sinnvollere Dinge zu investieren und gehe eine Pizza essen. China scheint auch die letzten Zeugen seiner glanzvollen Vergangenheit zerstört zu haben, wenn auch dismal auf eine subtilere Art und Weise.
 
Abends wollen die vereinigten Backpacker ihr hart erarbeitetes Budget mittels Neujahrsparty in eriner teuren Disco künstlich reduzieren. Auf die Nummer habe ich absolut keinen Bock. Ein Engländer scheint gleicher Meinung zu sein, was ihn mir auf Anhieb sympathisch macht. Wir schnappen uns je eine Flasche Bier und viele Zigaretten und machen es uns in seinem Zimmer gemütlich. Der Typ entpuppt sich als Geigenbauer, der in London Stradivaris repariert und eine Kollegin, die in irgendeiner Ecke Chinas als Lehrerin arbeitet, besuchen will. Er hat einiges zu erzählen und als wir uns bei einem Zimmermädchen nach der Uhrzeit erkundigen, erfahren wir, dass das alte Jahrtausend seit zwei Stunden nun endgültig Geschichte sei. Das hält und nicht davon ab, unser Gespräch noch bis in die frühen Morgenstunden weiterzuführen. Ein Rutsch in ein neues Jahr ganz nach meinem Geschmack.
 
Am nächsten Tag lasse ich die Terracotta-Arme, einer der bedeutendsten Touristenattraktionen weltweit, grosszügig sausen. Die Höhe des Eintrittspreises betrachte ich bereits als Investition in die Entwicklung Chinas, die ich persönlich nicht mehr verantworten kann. Dafür finde ich eine enge Gasse mit vielen Kundshandwerkern wo ich weitere Tuschezeichnungen und ein altes Werbeplakat erstehe. Danach klappere ich Bücherläden ab, um endlich ein geeigentes Buch für den Deutschunterricht zu vinden.

In Urumqi hatte ich mich während Wochen per Internet halb tod gesucht. Im gelobten Osten Chinas soll man aber alles bekommen, was das Herz begehrt. Xian ist aber Fehlanzeige. Die allgemeine Abzockerei hier geht mir eh auf die Nerven und so besteige ich wieder mal den Zug für meine zweite Etappe von Xian nach Guangzhou. Dreissig Stunden Richtung Südostasien, einem Teil der Erde, den ich früher mal meine zweite Heimat genannt hatte.
 
Im Zug treffe ich ein Paar aus Holland, das auch schon ein gutes Jahr unterwegs ist und Richtung Hongkong will. Die mitreisenden Chinesen scheinen eine andere Rasse als ihre Artgenossen aus den Nordwestlichen Privinzen zu sein. Andere Gesichtsform, dunklere Hautfarbe, westlichere Kleidung und vergleichsweise anständige Manieren. So führe ich bei einer Zigarette im Vorraum des Waggons manch ein kurzes Gespräch in Englisch.

Es wird deutlich wärmer, die kargen Äcker werden langsam grün und zum ersten mal seit einem halben Jahr sehe ich wieder einen dicht bewachsenen Hügel. Vereinzelte kleine Dörfer schiessen vorbei, deren Architektur man wahrscheinlich als traditionell chinesisch bezeichnen dürfte. An den Bahnhöfen werden vermehrt leckere, frisch zubereitete Gerichte feilgeboten. Der Süden naht. Am nächsten Morgen sehe ich dann durz nach Sonnenaufgang Reisfelder und Wasserbüffel. Wie unendlich langweilig ist doch das Fliegen im Vergleich zu einer solchen Zugfahrt, auch wenn mir Rückblickend die Landschaften Indiens stärker beeindrucken vermochten. Wenn du aber fünf Monate im Niemandsland verbracht hast, erklärst du jeden eingetopften Ficcus Benjamin als Naherholungsgebiet. Ich habe längere Gespräche mit einem Chinesen namens Michael aus Guangzhou. Er gibt mir viele Tips, wie ich nach Hongkong komme und er rät mir, gleich nach dorthin weiterzureisen, da Guangzhou fast gleich teuer wie die ehemals britische Kronkolonie sei. Bianca und Klaas, meine beiden holländischen Reisebegleiter haben dasselbe vor und so beschliessen wir, den Trip gemeinsam zu machen.
 
In Guangzhou scheint die Sonne und es ist warm. Am Hauptbahnhof herrscht ein Chaos, wie ich es nur von Indien her kenne. Zehntausende von Menschen drängen in Massen, sitzen auf ausgebreiteten Decken auf dem Boden und spielen Karten, stehen einfach nur rum oder hängen sich an ankommende Zuggäste, um Hotelzimmer, Stadtpläne oder was auch immer zu verkaufen. Ein Meer von schwarzen Haaren und Schlitzaugen soweit das Auge reicht. Ich erkenne darunter viele Nationalitäten. Tibeter, Mongolen, Uygurs, Kasaken, Kirgisen etc. Wie ich später erfahre, ist ein Grossteil der Leute aus den ärmeren Provinzen im Norden und Westen in den reichen Süden gereist, um Arbeit zu finden.

Viele haben für die Fahrt ihr ganzes Erspartes investiert. Miachäl begleitet uns durch das Chaos und hält die fliegenden Händler in barschem Ton von uns Fern. Erwarnt uns ‘they’re all liars, don’t trust them’ und organisiert uns ein Taxi, dass uns direct zum Busstap nach Hongkong bringen soll. In einem Fünfsternehotel buchen wir unseren Luxusbus, der uns direct nach Kowloon bringen soll. Gleich nebenan sichte ich ein goldenes ‘M’ und Minuten später habe ich einen original Big Mac zwischen den Zähnen. Quality! Draussen spenden mächtige Bäume mit saftig grünen Blattern Schatten und ich habe das Gefühl, dass ich mir die Stadt genauer anschauen sollte.

zu Teil 3

 

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      "Toms Reisen" © by Tom Schaich