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Mal kurz einen Stempel organisieren


 
   

Xian, Guangzhou, Hongkong, Dezember und Januar 2000/2001.

Nach dreissig Tagen Ramadan feiern die Uygurs Rosey Hait, eines der wichtigsten moslemischen Festivals. Drei Tage lang werden Besuche abgestattet und dabei soviel gegessen, bis man fast platzt. Sozusagen jeder, der mich hier kennt, will mich zu diesem Festtag zu sich nach Hause einladen. Die heikle Entscheidung, welchen der Einladungen ich schliesslich folgen soll, löst sich von selbst. Am ersten Tag der Völlerei, am 28. Dezember, stehe ich mit voller Ausrüstung am Bahnhof und nehme vorserst Abschied von Urumqi. Ab 15. Januar sollte ich meine eigenen Kurse als Lehrer beginnen und wenn ich schon soviel Geld für die Reise nach Hongkong ausgebe, will ich wenigstens ein bisschen was von China sehen.

Wenn ich bedenke, dass ich total ganze neun Tage und Nächte im Zug verbringen werde, bleibt nicht viel Zeit für sight seeing übrig. Die erste Etappe führt von Urumqi in 32 Stunden nach Lanzhou, der Hauptstadt der Provinz Gansu. Das Ticket dafür hat mir Merhaba einen Tag zuvor in der hoffnungslos überfüllten Ticket-Halle am Schalter für Mitglieder der Armee organisiert. Was sie dabei nicht dedacht hat ist, dass Armeeangehörige im Zug einen separaten Waggon zugewiesen bekommen. Ich gucke somit wahrscheinlch genauso dumm aus der Wäsche wie die mitreisenden Offiziere, als ich den Zug betrete.

Ein Bleichgesicht mit Bart, weiten schwarzen Kleidern und Rucksack passt irgendwie nicht ins idyllische Bild reisender Soldaten. Kurz nach der Abfahrt nimmt einer mit Bürstenschnitt und goldenen Sternen auf den Achseln seinen ganzen Mut und seine paar Wörter englisch zusammen und fragt mich freundlich, was ich hier eigentlich verloren habe. Auf die Antwort ‘my good friend is bigt armyman’ klopft er mir lachend auf die Schulter, meint ‘very good’ und erzählt es gleich seinen Kameraden weiter. Von unn an werden mir von allen Seiten Nüsse, getrocknete Früchte, Brot und Eier zugesteckt und heisses Wasser für meine Instant-Nudelsuppen organisiert. Welcome to the club.
 
Es tut gut, endlich wieder mal unterwegs zu sein, auch wenn sich dieser Trip ziemlich stark von den vorangegangenen unterscheidet. Ich merke, wie sehr ich das Leben auf Achse vermisst habe. Zeit zum Nachdenken habe ich auf der Fahrt mehr als genug, auf Lesen habe ich keine Lust. So sitze ich stundenlang am Fenster und bekomme zu spüren, dass Urumqi wirklich ‘in the middle of nowhere’ liegt. Dreissig Stunden Richtung Westen nach Kashgar und 30 Stunden im Zug Richtung Osten nach Lanzhou bieten bezüglich Landschaft wenig Abwechslung. Sand, Steine, Felsen und kahle Hügel. Ab und zu eine kleine Siedlung mit Häusern aus Lehmziegeln, vereinzelte Bauern, die wegen der eisigen Kälte dick eingepackt irgendwie unwirklich aussehen, scheinen auf den kargen Äckern einem sinnlosen Unterfangen nachzugehen.

Nach Sonnenauf- und vor Sonnenuntergang verwandelt das diffuse Licht die Einöde aber in ein Meer von Farbschattierungen, ungewöhnlichen Formen und die Wüste scheint plötzlich zu Leben. Alleine schon für diese Bilder lohnt es sich, so lange im Zug zu sitzen. Ich habe das Gefühl, genau das Richtige zu tun, freune mich darauf, Neues zu entdecken und nach so langer Zeit endlich China zu sehen. Xinjiang soll ja mit dem wirklichen China nicht viel zu tun haben. Ein paar Stunden vor der Ankunft in Lanzhou versuche ich herauszufinden, wie die Stadt denn so ist. Ein paar Offiziere sind dort aufgewachsen und auf meine Frage, ob Lanzhou eine schöne Stadt sein, meinen sie kurz und trocken ‘no’. Das ist insofern erstaunlich, da sonst normalerweise die Chinesen jedes weissgekachelte Toilettenhaus als ein Meilenstein des Fortschritts betrachten. Ich entschliesse mich kurzerhand, die Stadt auszulassen und so schnell als möglich weiterzureisen.

So marschiere ich dann nach der Ankunft gleich zu den Ticketschaltern, erstehe auf dem Schwarzmarkt innerhalb von zwei Minuten ein Ticket für den Nachtzug nach Xian und habe erst noch zwei Stunden Zeit, mir Lanzhou anzuschauen.
 
Dass Gansu eine arme Prvinz sein soll, wird einem in der Hauptstadt Lanzhou verdeutlicht. Vernachlässigte Gebäude, die Strassen verschmutzt mit wenigen Autos, die Leute in einfachen Kleidern. Die Stadt scheint Charakter zu haben. Unter der spärlichen Strassenbeleuchtung schlendere ich durch die Strassen und setze mich dann in ein heruntergekommendes Restaurant. Das Personal sitzt um einen Kohlenofen und der einzige Gast bittet mich an seinen Tisch, wo er mir sein Essen und sein Bier offeriert. Das ist mir schon lange nicht mehr passiert. Niemand spricht ein Wort englisch, aber wir verstehen und ausgezeichnet. Ich bereue es nun, dass ich gleich weiterreisen muss.

zu Teil 2

 

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      "Toms Reisen" © by Tom Schaich