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Faszination Seidenstrasse, Schluss


 
   

Weniger anstössig sind die reich verzierten Messer in allen Grössen in Lederhalfter, ohne die kein Uygur auf die Strasse gehen würde. Unzählige Stände mit chinesischer Seide, Porzellan, Goldschmuck, Kopferwaren in orientalischem Design und grossen, kunstvoll geschmiedeten Messingschatullen versetzen einem in eine Welt von 1001 Nacht. Die Strassen der Gandwerker sind nicht minder reizvoll. Die Instrumentemacher formen über Kohlefeür dünne Holzplatten, um sie dann zu Dutars oder Rawabs, klassischen Uygur-Saiteninstrumenten, zusammenzusetzen und sie mit Schlangenleder zu überziehen oder mit feinsten Intarsien aus Edelhölzern oder Perlmutt zu verzieren. Schmiede hämmern aus einem Stück Kopferblech Kochtöpfe oder formen aus Zink massive Türbeschläge, die wie Relikte aus dem Mittelalter aussehen.

Egal ob Schreiner, Drechsler, Schuhmacher, Silberschmied, Sattler oder Glasgiesser, jeder arbeitet auf der Strasse und in jedem Betrieb sind mehrere Generationen einer Familie am Werk. Die heissen Stunden um die Mittagszeit verbringe ich zusammen mit den Locals, am liebsten auf dem schattigen Balkon des klassischen Teehauses. Für ein paar Kwai gibts dort eine Kanne Tee, die dann laufend mit heissem Wasser aufgefüllt wird. Ein wundervoll entspannender Ort, um einen Nachmittag in Schneidersitz auf den mit Teppichen belegten Plattformen sitzend, das Chaos der Marktszene zu beobachten, Briefe zu schreiben oder mit den Leuten zu sprechen. Faszinierend betrachte ich die Gestalten, die aus einem Historienfilm entsprungen zu sein scheinen und bin immer ein bisschen aufgeregt, wenn sie mich auf Uygur ansprechen.

Ab und zu setzen sich Englischlehrer aus der Mittelschule zu mir, um über die Mittagszeit ihr spoken english? etwas aufzubessern, versorgen mich aber im Gegenzug mit allerlei Hintergrundinformationen, fungieren als übersetzer oder liefern Details über meine Person an die interessierten Gäste. Später, wenn die Abendsonne die zweistöckigen, uralten Lehmhäuser im Wohnquartier der Altstadt in ein goldenes Labyrinth verwandelt, wird ein Spaziergang durch die engen Gassen zum Traum eines Fotografen. überall tummeln sich Scharen von Kindern in traditionellem Outfit, kitschigen Kleidchen, splitternackt, herausgeputzt oder völlig verdreckt, die sich darum reissen, vor der historischen Kulisse abgelichtet zu werden.

Hohe Mauern umschliessen kleine Innenhöfe, manchmal steht eine der massiven Türen offen, so dass man einen kurzen, atemberaubenden Blick auf das liebevoll gepflegte Stückchen Privatleben der Uygurs werden kann. Waschplätze mit Handpumpen sind mit Kübeln voller Blumen eingefasst, daneben kleine Granatapfel-Bäume in voller Frucht, überall hängt Wäsche und entlang der Wände sind Teppiche ausgelegt, auf denen die Alten sitzen und diskutieren.

Oasen der Ruhe in diesem verschachtelten Wirrwarr von Gassen, Balkonen, Stallungen und Wohnräumen. Fliegende Händler mit Eselskarren voller Früchte und Gemüse holpern über die unebenen Gassen oder diskutieren mit Gruppen von Kundinnen über die Gerüchte des Tages. In dunklen, von Rauch geschwärzten Räumen wird deas frische Nan-Brot mit langen Metallhaken aus den Tandoori-öfen gefischt, die alte Fraudes Bäckers hebt den Rock, um mir das Weckselgeld fürs Brot auf Kniehöhe aus ihren dicken Nylonstrümpfen zu graben.

Seit der Zeit der Karawanen scheint sich hier wenig verändert zu haben, der Mythos der Seidenstrasse lebt. Der eigentliche Höhepunkt einer Reise nach Kashgar stellt aber der legendäre Sonntagsmarkt dar. Frühmorgens treffen tausende von Farmern aus der Region auf ihren Karren in Kashgar ein und verwandeln das ganze Gebiet östlich des Tuman Rivers in den grossartigsten Markt, den ich je gesehen habe. Verschiedene Zugänge führen zu den mannigfaltigen Sektionen, in denen so ziemlich alles verkauft wird, was man sich vorstellen kann: Sättel, Zaumzeug, Seile, Seide, Baumwolle, Güte, Pfannen, Töpfe, frische Gemüse, Berge von Melonen aus Hami, Trauben aus Trupan, Körbe voller Pfirsiche, Granatäpfel und Feigen, Haufen von secondhand Kleidern, alte Radios, Fernseher und Tonbandgeräte in voller Lautstärke.

Massen von Leuten drängen sich durch die Strassen, laufend kämpfen sich Eselskarren, vollbeladen mit Passagieren vom und zum Markt, durch das Chaos und versuchen durch lautes OEposh, posh!?-rufen den Weg durch die Menge zu bahnen. Herden von Tieren werden durch die Strassen Richtung Tiermarkt getrieben. Dort stehen sie dann auf einer riesigen Fläche zusammengebunden, Bullen, Esel, Schafe, Ziegen, Kühe und Kamele in allen Arten und Preisklassen. Fajikische und kirgisische Reiter galoppieren ohne Sattel über den matschigen Grund und demonstrieren so eindrücklich ihre Fähigkeiten und die Vözüge der Pferde.

Ein Durchkommen zwischen den Händlern, Käufern und dem Vieh ist kaum möglich, überall wird verhandelt, gefeilscht und die Zähne und Hintern der Tiere untersucht. Manch einer wird unter dem Gelächter der Händler von einem wilden Bullen oder einem nervosen Pferd in den Schlamm gestossen und verlässt dann völlig verdreckt die Bildfläche. Die Atmosphäre ist ausgelassen, festlich, die umliegenden Restaurants qüllen über von Gästen, die sich nach einem guten Kauf vor der Heimreise stärken.

Laufend wird mir von lachenden Händlern eine kleine Schafherde oder ein Eselgespann angeboten. Ein kräftiges Maultier mit galenzendem Fell handle ich auf rund 150 Franken runter, ein massiges Schaf mit fettem Hintern könnte ich für läppische 40 Franken mitnehmen. Schlussendlich verlasse ich den Markt ohne neün Begleiter und höre noch lange in der Ferne das klingen der Glocken der Pferdegespanne und das Tosen des Geschreies der Händler. Obwohl China ruft und ich noch soviel erleben möchte, fällt es mir schwer, von Kashgar Abschied zu nehmen. Assaf macht sich mit einem mulmigen Gefühl im Magen auf die beschwerliche und illegale Reise, per Anhalter und vorbei am Mount Kailash, nach Tibet.

Ich habe zusammen mit Jake einen 32-Stunden-Trip nach Urumqi vor mir, was mich auch nicht gerade motiviert. Schlussendlich beruhige ich mich aber mit dem Gedanken, dass die Fahrt durch die Wüste im Zug um ein Mehrfaches angenehmer ist, \als der wochenlange Ritt auf einem Kamel, wie es die frühen Reisenden getan haben. Vorbelastet vom Cjhaos indischer Bahnhöfe und Züge, bin ich aber dann vom chinesischen Pendant ziemlich überrascht.

In Kashgar, wo täglich ein Zug die Station verlässt und einer ankommt, finde ich ein gigantisches und blitzsauberes Bahnhofsgebaüde vor und das Perron wird zum verabschieden der Passagiere mit sanfter Musik beschallt. Im inner des Zuges gehts dann gleich weiter. Für Zucht und Ordnung in den Waggons sorgt ein Heer von uniformierten Beamtinnen, die bei der Abfahrt des Zuges alle in Achtungsstellung vor den Türen stehen. Im Hard-Sleeper hat jeder Passagier anrecht auf eines von drei übereinanderliegenden Betten mit blütenweissen Laken, Wolldecke, Kissen und Frottiertuch. Heisses Wasser ist ständig kostenlos erhältlich, der Boden wird andaürnd aufgewischt und die Toiletten und der Waschraum sind fast in schweizerischem Zustand.

Jeder Halt des Zuges daürt solange, dass man gemütlich aussteigen, die Knochen stricken, ein Bier trinken und etwas zu Essen kaufen kann. So macht Zugfahren Spass, die Reise wird zum Vergnügen und man kann sich voll auf anregende Gespräche, Lesen oder natürlich auf die Landschaft konzentrieren. Die besteht zwischen Kashgar und Urumqi hauptsächlich aus Steinwüste, Sanddünen, kahlen Hügeln, heruntergekommenen Siedlungen und vereinzelten Industrieanlagen. Die wirkliche Schönheit der Landschaft erkennen ich aber erst, als Nachts zum Schalfen die Lichter gelöscht werden.

Dann erst merke ich, dass draussen der Vollmond die Wüste in ein surreales Traumland verwandelt hat. Die Wirklichkeit wird durch ein sanftes Licht verhüllt, vor dem Fenster spielt ein Film von Licht und Schatten, weiche Formen in schwarz/weiss. Eine Begegnung mit der Wüste der besonderen Art.

Gruss,
Tom

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      "Toms Reisen" © by Tom Schaich