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Fazination Seidenstrasse, Teil 2


 
   

Damit die Uygurs nicht ganz vergessen, wer hier der Chef im Laden ist, haben die Chinesen südlich der Altstadt mit einer vierspurigen Paradestrasse ein Anschauungs-Beispiel sozialistischen Fortschritts und somit ein Haufen gesichtsloser Architektur hingepflastert. Breite Fussgängerzonen auf beiden Seiten der Strasse, die von omnipräsenten Putzkolonnen klinisch sauber gehalten werden, locken gut betuchte Businessmen and ^women und solche, die es gerne sein wollen, zum ultimativen Kaufrausch in den wahlreichen schicken Boutiqün, gestylten Barbier-Shops, chinesischen Fastfoodrestaurants, Shoppingarkaden, zuckersüssen Bäckereien, lärmenden Elektronikshops und den Wedding-Centers, in denen das lifestylebewusste junge Paar von der kompetenten Beratung, dem kitschigen Outfit über den standesgemässen Haarschnitt bis zum Foto- und Videoshooting inclusive blumengeschmückter Luxuskarosse für den schönsten Tag im Leben verpasst bekommt.

Auf der Strasse gibt sich jeder cool und kosmopolitisch. Anzüge, Kravatten, Deux Pieces, Designerjeans, Sonnenbrillen, Miniröcke, Plateauschuhe, Radouhr, alles schön nach westlichem Muster und selbstverständlich Made in China. Handys nerven in den unglaublichsten Melodien, der Blick zum Pager ist Routine, jeder scheint pausenlos telefonieren zu müssen. Der Gipfel der chinesischen Kultur in diesem Teil der Stadt ist sicher der Peoples Square mit seiner 18 Meter hohen Statü des Vorsitzenden Maos, der mit erhobenem rechten Arm im klassischen VP-Outfit gen Horizont blickt. Rundherum tonnenweise Marmor, heroisch aufgeschichtet, mit vielen goldenen Inschriften und roten Fahnen mit gelben Sternen.

Bei Sonnenuntergang wird der imposante Platz durch ein ausgeklügeltes Soundsystem mit einem Potpuri aus westlicher klassischer Musik mit modernem Beat beschallt. Die surreale Stimmung wird durch eine Lichtshow verstärkt, die an ein farbiges Feürwerk erinnern soll. Werr dann vom Mao-Denkmal her die überqürung der vierspurigen Paradestrasse überlebt, darf dann auf dem riesigen Square nach herzenslust Tanzen oder einfach nur die einmalige Atmosphäre geniessen.

Chinesen entscheiden sich fast ausschliesslich, vorallem die ältere Generation, fürs Tanzen. Das findet in Gruppen zu gut 50 Opas und Omas statt, die alle in ein und demselben Schritt lockere Hüftschwünge und gekonnte Piroütten wagen. Ein Bild für Götter. Ich muss mir jeweils auf die Zunge beissen, um nicht gleich loszubrüllen. Für den aufmerksamen Leser, der meine bisherige Philosophie des Reisens begriffen hat, mag es ziemlich absurd klingen, dass ich meine erste Zeit in Kashgar, bevor ich überhaupt einmal die Altstadt gesehen habe, in dieser sterilen Plastikwelt verbringe. Hier wird der Wert eines Menschen wieder nach Aüsserlichkeiten und Einkommen bestimmt und damit kenne ich mich bestens aus.

Die Marketingmaschine läuft auf Hochtouren und alles ist schön konsumentengerecht aufbereitet. Die Wohlstandsgesellschaft hat mich zurück, willkommen zu Hause. Mein Rucksack ist halbleer, die Kreditkarte immer noch gut geladen, ich kann mir alles kaufen, was ich will. Stundenlang schlendere ich durch Shoppingcenters und Boutiqün, bestaune mit grossen Augen das immense Angebot. Ich finde, dass es Millionen von Dinge gibt, die jeder haben will, aber kein Mensch braucht. Was soll den das ganze eigentlich? Was mir wirklich fehlt ist Salami, Käse, Jazz und die Weltwoche. Das gibts hier aber nicht.

So bleibt die VISA in der Tasche, der Rucksack angenehm leicht und das beruhigende Gefühl, dass ich ja eigentlich alles haben könnte. Stadtdessen mache ich mich auf Entdeckungsreise durch die chinesische Küche. Endlich wieder herrlich duftender Reis mit knackig frischem Gemüse, Pilze in allen Ausführungen, frisch gebratene Hähnchen und Enten, Spuppen, Teigtaschen und Nudeln bis zum Abwinken.

Alles frisch zubereitet, köstlich gewürzt und saugünstig. Ich schlage mir den Bauch täglich mehrmals voll und versuche, wieder etwas Substanz auf meine pakistangeschädigten Knochen zu bringen. Eines Abends beschliessen wir, mal so richtig auf die Pauke zu haün und gehen in ein fettes chinesisches Restaurant. Die haben dort dann auch gar nichts, was wir mit unserem bisschen Mandarin bestellen können, so marschiert Assaf kurzerhand in die Küche und kommt bald strahlend mit dem Chefkoch zurück, der uns persönlich die Hand schütteln will.

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      "Toms Reisen" © by Tom Schaich