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Die Jahrtausendparty (Fortsetzung)


 
   

Am nächsten Morgen auf den Strassen verschlägt es mir dann fast die Sprache. Breite Strassen, kaum ein Fahrzeug, Alleen mit mächtigen, schattenspendenden Bäumen, alte Fraun in farbigen Saris, die das Laub der Bäume zusammenkehren und verbrennen, während die Strahlen der Morgensonne im Rauch des Feürs golden glitzern. Fassaden von Gebäuden aus dem 16. Jh., der Zeit der Portugiesen, dazu üppige tropische Vegetation in den natürlichen Gärten und immer eine würzige Briese vom Meer. Eine wahrlich faszinierende Stadt.

Dem Ufer entlang stehen mächtige kranähnliche Holzgestelle mit Fischernetzen,mindestens drei Stockwerke hoch, die ständig ins Wasser gesenkt und wieder heraushoben werden. Der Fisch wird direkt auf einem kleinen Auktionsplatz dem meistbietenden verkauft. Ich setzt mich auf die Holzplanken eines Fischernetzes, beobachte die Szene und diskutiere mit den Fischern Tee trinkend und Bidi rauchend über die Sorgen des Fischerlebens.

Enge Gassen mit Kunstgalerien (ja, sowas gibts in Indien) und Strassencafes machen einen Spaziergang in Cochin ebenso unumgänglich wie das geschäftige Judenviertel, wo die Händler auf den Säcken ihrer Gewürze und Getreide sitzen. Neben einem Maharaja-Palast mit filigran gemalten Szenen aus dem Ramayana, einer uralten Synagoge und ein paar Kirchen kann man auch einen der zahlreichen Antiquitätenhändler besuchen.

Das Angebot ist umwerfend! Antike und halbantike Möbel im kolonialstil, prachtvoll geschnitzte Tempeltore mit hinduistischen Motiven, massive Säulen mit filigranen Ornamenten und jede Menge Edelsteine. Ich liebe diesen Stil. Insgeheim rechne ich mir schon aus, wieviel ich mit der Fracht für eine besonders schöne Türe bezahlen müsste. Endlich funktioniert auch mal das indische Postsystem. Erstmals erhalte ich richtige Briefe aus der Heimat.

Welch eine Freude, endlich mal einen Beweis in der Hand zu halten, dass es meine alte Welt wirklich noch gibt. Bisher konnte ich diesen Konkakt nur via bis zur unpersönlichkeit digitalisierten E-Mails aufrecht erhalten. Der Unterschied ist doch frappant und ich muss sagen, dass ich gerne über einen Monat auf eine solche Nachricht warte. Eine weitere positive Beeinflussung meines Gemütszustandes ist mein Zimmer in der Villa mit dem Garten am Meer. Es ist zwar alt und verlebt, strahlt duch seine gewaltigen Dimensionen und den wenigen, schlichten, aber massiven Möbeln einen ungehäuren Charme und eine magische Ruhe aus.

In der Mitte des etwa sieben auf sieben Meter grossen Steinbodens steht ein Doppelbett mit Moskitonetz, darüber erhebt sich das Dachgebälk bis auf eine Höhe von etwa sechs Metern. Bad und Vorraum sind duch grosse Flügeltüren miteinander verbunden und nehmen ungefähr dieselbe Fläche wie der Hauptraum in Anspruch. Die vielen Fenster sind mit einem ausladenden Vordach vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt, so wird es zwar nie richtig hell, dafür bleibt es immer schön Kühl im Raum.

Nachts ist zu den süssen Klängen von Miles Davis 'Flamingo Sketches' aus meinen Walkman Boxen nur das Rauschen des Meeres zu hören und die Briese des Meeres vermischt sich mit dem würzigen Duft der Räucherstäbchen. Eine Inspiration zum Schreiben oder einfach nur um dort zu sein. Mein Freund Manfred hat mir mittlerweile per E-Mail (manchmal ist es eben doch noch praktisch) durchgegeben, dass er sich in Arambol, Goa, niederlassen wird. Ich buche ein Ticket für den Bus nach Mangalore und verbringe eine mehr oder weniger stressfreie Nacht mit Dormicum im sogenannten 'VIP-Bus' auf der Landstrasse.

Mangalore gefällt mir am nächsten Morgen auf anhieb nicht. Ich lasse mich von den Rickschafahrern überreden, zum Bahnhof zu gehen, überlege dann kurz und kaufe noch völlig übernächtigt eine Karte nach Margao. Weitere sieben Stunden Fahrt stehen mir bevor. Meine Entscheidung wird von einer wunderschönen Landschaft mit üppigen Reisfeldern, kargen Felsen, Flüssen und Seen belohnt.

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      "Toms Reisen" © by Tom Schaich