Sri Lanka, 11. Oktober 1999

Paradies mit Schattenseiten

Hallo Leute

Wie die Zeit vergeht. Einfach unglaublich. Meine Reise in Sri Lanka ist beendet, und ich bin schon seit ein paar Tagen im Süden Indiens. Seit meiner Luxus-Frachtschiffreise ist einiges mit mir passiert. Ich bin ein richtiger Backpack-Traveller geworden. Einer, der in 3-Franken-Zimmern ohne Bettdecke und sonstigen Luxus übernachtet, in einheimischen Restaurants für ein paar Rupien Rice+Curry von Hand isst, in überfüllten, klapprigen Bussen, vollgestopft mit Einheimischen stundenlang auf einer Holzbank reist und mit ein paar wenigen Ausnahmen nur mit Singhalesen zusammen ist (erfahrene Traveller mögen für diese Beschreibungen nur ein Lächeln übrig haben).

Das Beste dabei ist: Es geht mir ausgezeichnet, ich bin nicht krank geworden, und ich kann auf den gewohnten Luxus verzichten, ohne dass mir etwas fehlt. Wer hätte das gedacht. Es kommt mir vor, als hätte ich viele Jahre danach gesucht, so einfach zu leben. Der Kauf eines Päckchens Zigaretten für 2 Franken kommt mir schon als eine unglaubliche Investition vor. Beim Durchlesen meines Reisehandbuchs für Sri Lanka hatte ich mir sehr viel vorgenommen. Die Insel, etwas grösser als die Schweiz, bietet ja unglaublich viele Sehenswürdigkeiten. Ich studierte mir die traumhaftesten Routen aus. Gesehen habe ich davon, um es schon vorweg zu nehmen, nur einen ganz kleinen Teil. Mir war es wichtiger, das Land und die Leute wirklich kennenzulernen und zu verstehen, als einfach nur zu sehen.

In diesem Sinne habe ich so viele Menschen mit eindrücklichen, faszinierenden und schockierenden Geschichten kennengelernt und so viel erlebt, dass ich, um diese Eindrücke zu vermitteln, ein Mail schreiben müsste, das mindestens zehnmal so lange wie die Beschreibung der Schiffsreise ausfallen würde. Da ich aber weiss, dass die meisten von Euch arbeiten müssen (schwer vorzustellen) und ich in meinem Beruf gelernt habe, mich kurz zu fassen, möchte ich mich auf die Begebenheiten beschränken, die mir am wichtigsten erscheinen und die mein Bild von Sri Lanka nachträglich prägen werden.

'Schuld' an dieser Art das Land zu erleben, war sicher mein Einstieg bei der Familie von meinem Freund Rohan, die am Rande von Colombo in Dehiwala in einem schönen grossen Haus an einem ruhigen, wenig befahrenen Weg wohnt. Umgeben von vielen interessanten Nachbarn und üppiger Vegetation leben Vater und Mutter, welche unermüdlich um mein Wohl besorgt waren, eine Schwester mit ihrem Mann und 2 Kindern, einem Bruder sowie einer tamilischen Familie friedlich zusammen. Ich wurde in der grossen, luxuriösen und modernen Wohnung von Rohan und Irene untergebracht. Begrüsst wurde ich gleich mit dem Nationalgericht Rice and Curry. Der Reis mit den verschiedenen vegetarischen Curryz, Fisch und Saucen (Rind- und Schweinefleisch wird im ganzen Land kaum gegessen) werden mit den Fingern gegessen.

Jeden Versuch, dem Touristen Messer und Gabel zu reichen, schlug ich aus und schaufelte die glitschige Masse ungeschickt zum Mund. Ich lebte mich schnell in den Alltag der Singhalesen ein. Ich fuhr mit dem Bus in die Stadt, mit Freunden am Wochenende an den nahegelegenen Strand und in den Zoo, besuchte Tempel und Museen oder schlenderte einfach nur durch die Strassen von Dehiwala, wo mich die Leute schon nach kurzer Zeit freundlich grüssten. Auch sonst sind die Srilankesen äusserst nett, von überall her ist ein freundliches 'Hello' zu hören, und meine familiäre und berufliche Situation habe ich einige hundert mal heruntergeleiert.

Die unvermeidlichen Schlepper erkennt man mit der Zeit sehr schnell und beachtet sie einfach gar nicht mehr. Anfangs schien mir, dass mir jeder hier etwas verkaufen will. Mit Rohans Bruder Shantha unternehme ich einen Ausflug ins Hochland zur Stadt Kandy. Die Zugfahrt dorthin, durch eine wunderschöne dschungelartige Landschaft mit malerischen Hügeln voller Teeplantagen, ist alleine schon eine Reise wert. Wir besichtigen einige Tempel und ein Waisenhaus für Elefanten und übernachten dann bei Freunden mitten in einer Plantage mit angrenzendem Reisfeld wie im Paradies. Nach diesem tiefen Einblick in die Mentalität und das Leben der Singhalesen habe ich Lust auf die schönen Strände im Süden.

Die Familie will mich kaum gehen lassen. Ich muss mich fast losreissen und nehme den Zug der Küste entlang, um die Insel von nun an alleine zu entdecken. In Akurala wohne ich zwei Tage in einem Zimmer in einem einfachen Haus und geniesse den wunderschönen Strand. Danach gehe ich weiter nach Hikkaduwa, einem Touristenort, der aber wegen der Regenzeit ausgestorben ist.

Dort wohne ich zusammen mit Grant, einem quirligen, aufgestellten Neuseeländer, der sein Land zum ersten Mal verlassen hat, direkt am Meer. Dort lernen wir Susanne, Manuela (beide reisten und arbeiteten 6 Monate in Indien) und Gunter aus Berlin kennen. So waren die Nächte von interessanten und anregenden Diskussionen über Indien und das Reisen allgemein geprägt. Tagsüber relaxten wir beim Sonnenbaden, schwimmen, lesen und schreiben und schauten den wunderschönen Sonnenuntergängen zu. Es hat unheimlich Spass gemacht, mit diesen interessanten und netten Leuten zusammenzusein.

Das wären wir wahrscheinlich noch wochenlang weiter gewesen, wenn nicht Garnt nach Indien und die Berliner zu einer Rundreise weiterfuhren. Ich fuhr nach Galle weiter, einer malerischen alten, von den Holländern mit einem Fort bewehrten Stadt. Bei der Besichtigung kam ich bei einer alten Moschee vorbei. Der Muezzin sah mich von weitem und rief mich hinein. Zuerst zeigte er mir das ganze Gebäude und danach setzten wir uns auf den Marmorboden des Gebetsraums und diskutierten eine ganze Weile über Gott (bzw. Allah) und die Welt. Nach und nach stellte er mir verschiedene ältere Persönlichkeiten vor, die zum Gebet vorbeikamen. Die Diskussionen wurden immer wie interessanter, die Themen tiefgründiger und heikler.

Die Regierung und die Politik des Landes wurde ebenso auseinandergenommen wie die Rolle der Moslems im Land. Ich verbrachte schlussendlich einen ganzen Nachmittag dort und nahm einen unvergesslichen Eindruck über den Islam mit. Noch ganz benommen von der Begegnung setzte ich mich ans Meer. Ein paar Jugendliche gesellten sich zu mir, und schon war ich im nächsten Gespräch, denn sie waren auch Moslems.

Jedenfalls wurde ich am nächsten Tag zum Mittagessen eingeladen. Ich wurde in meinen verschwitzten Traveller-Klamotten abgeholt und einen Hügel hochgefahren. Plötzlich bogen wir in die Einfahrt zu einer grossen Villa ein. Ich meinte zu meinem Begleiter, er solle keine Spässe machen, er meinte nur, dass er hier wohne. Im Haus der ärztefamilie Perera wurde ich mit ausgesuchter Freundlichkeit empfangen. Die Dame des Hauses begrüsst mich im tadellosen Sari, dezentem Goldschmuck und akzentfreiem Englisch. Nach einem fürstlichen Mahl konversieren wir lange über die gesundheitliche Lage in Sri Lanka. Ich komme mir jedenfalls ziemlich schäbig und deplaziert vor, verbringe so einen Nachmittag umgeben von Luxus und reise dann Richtung Norden nach Deniyaya weiter.

Das Dorf liegt am Rande des Singharaja Rainforest, wo ich in einem familiären Guest House übernachte. Der Gastgeber bietet sich als Führer durch den Regenwald an und weiss über Fauna und Flora bescheid wie ein Bio-Professor, in ausgezeichnetem Englisch notabene. So unternehme ich einen ganztägige Wanderung auf schmalen Tramppelpfaden mitten im Dschungel, vorbei an gigantischen, mit Farnen, Orchideen und oberschenkeldicken Lianen bewachsenen, jahrhundertealten Urwaldriesen und hunderten von verschiedenen weiteren Pflanzenarten, malerischen Wasserfällen, jeder Menge Vögel, Affen, Schlangen, Schmetterlingen, daumendicken Tausendfüsslern, Spinnen, Ameisen und unzähligen anderen Insekten.

Die Geräuschkulisse ist faszinierend, der Schweiss läuft in Strömen, Blutegel saugen sich überall fest, Flüsse müssen durchwatet werden. Ich fühle mich wie Klein-Indiana-Jones. Der Eindruck wird mit dem Einsetzen des Monsunregens noch verstärkt. Das Wasser sammelt sich auf dem natürlichen Dach und klatscht dann in grossen Tropfen auf uns nieder. Der ganze Boden scheint zu dampfen. Was für ein Erlebnis! Am nächsten Tag bin ich so erschlagen, dass ich nicht mehr weiss, wohin ich weitergehen soll. Es muss etwas in der Natur sein.

Pali, mein Dschungelführer, berichtet mir von seinem Freund Bandula, der weit oben im Hochland in einer verlassenen, sehr armen Gegen mitten im Dschungel ein Waisenhaus aufbaut und meint, ich solle ihn doch einfach besuchen. Ich bin sofort einverstanden und mache mich auf eine beschwerliche 12-stündige Reise mit Lastwagen, Bussen, Motorrädern, Traktoren und schlussendlich zu Fuss, bis ich das Gelände von 'Little Smile' in Koslande erreiche. Das Projekt wird vom deutschen Fernsehjournalist Michael Kreitmeyr durch die Hälfte seines Gehaltes und von Spendenaktionen des Bayrischen Rundfunks finanziert.

Es soll in der ersten Phase 20 Kindern von extrem armen Witwen Unterkunft, Essen und Ausbildung bieten. Angegliedert ist eine Frucht- und Pfefferplantage, die nach 5 Jahren Anlaufzeit das Waisenhaus mitfinanzieren soll. Michael kam auf die Idee der Institution, als er bei einer Reise in diese sehr arme Region eine Frau nach der Einnahme von Rattengift elend verenden sah, weil sie nach dem Tod ihres Mannes die Familie nicht mehr ernähren konnte. Bandula hat sich nach einer schweren Krankheit zum Ziel gesetzt, seinen Mitmenschen in Not wo auch immer zu helfen.

Als sein Vater starb war er 11 Jahre alt. Er musste jahrelang auf Reisfeldern und als Maurergehilfe Schwerstarbeit leisten, um die Familie ernähren zu können. Mit 16 Jahren wurde er von einem ausgewanderten Deutschen als Hausboy angestellt, lernte die Sprache, Kochen und deutsche Gründlichkeit. Nach sechs Jahren kehrte der Deutsche zurück in die Heimat, hinterliess Bandula eine ansehnliche Summe, von der er sich Land und Teesetzlinge kaufte.

Eine lange Dürreperiode machte seinen ganzen Besitz zunichte und verzweifelt reiste er in den Süden an die Strände, um mit seinen Deutschkenntnissen Touristen anzusprechen und Rundfahrten zu organisieren. Er machte sich schnell einen Namen als Guide, der das Land vor allem hinter den Kulissen des Tourismus kennt. So lernte er Michael kennen, der ihn nach langjähriger Freundschaft nun als Sekretär, Stratege, Architekt, Bauführer, Einkäufer, Organisator und Vertrauensperson für das Projekt 'Little Smile' einsetzte.

Und so lernte ich Bandula nun kennen. Ein ruhiger, sanfter, mit seinen 42 Jahren schon ergrauter, kleiner Mann mit sorgenvoll-freundlicher Miene. Er wohnt in dem grossen künftigen Gästehaus mit den beiden ehemaligen Soldaten Anil und Soisa, welche als Maler, Köche und Security-Guards arbeiten. Im Haus stehen überall Gerüste, wenige Möbel, der Boden ist schmutzig, nur das Notwendigste zum Leben ist vorhanden. Ich fühle mich aber trotzdem sofort wie zuhause.

Schon am ersten Abend sitzen wir bei mehreren Kannen Tee und vielen Zigaretten bis in den Morgen hinein zusammen. Bandula berichtet über das Projekt, Sri Lanka und seine Landsleute. Interessant dabei ist, dass er als Singhalese mit einem tiefen Einblick in die westliche Kultur messerscharf abstrahieren kann und mir Zusammenhänge und Begebenheiten so verständlich darlegen kann. Dabei sind seine Deutschkenntnisse extrem hilfreich. Viele Beobachtungen, die ich auf meiner bisherigen Reise machen konnte, wurden mir nun klar und fügten sich langsam zu einem gesamtheitlichen Bild über die Situation im Lande zusammen. So verbringen wir Abend für Abend mit Unmengen vorzüglichem Broken Orand Peckoe Schwarztee.

Sechs Uhr morgens beginnen jeweils die Arbeiten auf dem Gelände. Bis zu 50 Arbeiter sind mit der Erstellung der beiden Schlafsääle, Küchen, Angestelltenhäuser, Lagerhütten, beim Rhoden des Geländes, Pflanzen, Brunnengraben, Bauholzsägen, Strassenbauen und Umzäunen des mehrere Hektaren grossen Geländes beschäftigt. Selbstverständelich ohne Maschinen. Ich freunde mich schnell mit den Arbeitern des Dorfes an und schon bald bin ich bekannt wie ein bunter Hund im zwei Kolomenter entfernten Koslande. Da kann der Kauf von Zigaretten schon mal eine Stunde dauern.

Die Leute grüssen mich, sprechen mich an, oder laden mich zum Tee ein. Tagsüber unternehme ich jeweils ausgedehnte Wanderungen in der hügeligen, dichtebewachsenen Gegend, beobachte verschiedenste Tiere oder unterhalte mich einfach nur mit den Leuten, die ständig auf der Strasse anhalten, weil sie meinen, ich hätte mich verlaufen. Die Stille in der Gegend ist phänomenal. Nur die Geräusche aus dem Dschungel sind zu vernehmen.

Fast jede Nacht hören wir aber Schreie, Geschäpper, Geknalle von Feuerwerk: wenn die Elefanten aus dem nahegelegenen Nationalpark auf Futtersuche sind, machen sie sich gerne über Plantagen her. Die Dorfbewohner versuchen jeweils, um ihre Existenz bedroht, die Dickhäuter zu vertreiben. Pro Jahr kommen so gegen 20 Menschen um und viele verlieren ihre Nahrungsgrundlage. Eines Nachts wird die Plantage unseres 300 Meter entfernten Nachbarn verwüstet. Aus dem kurzen Besuch von Bandula wurde schlussendlich eine ganze Woche und eine feste Freundschaft.

Zur Zeit bin ich mit Michael Kreitmeyr in Kontakt, um eine Spendenaktion in der Schweiz durchzuführen. Ich konnte mich von der Seriosität und der Sinnhaftigkeit dieses Projektes überzeugen und möchte mich nun dafür einsetzten. Wer vorher schon Informationen haben möchte, kann mehr unter www.littlesmile.foru.de erfahren.

Per Bus mache ich mich auf den Weg nach Nuwara Eliza, dem stark englisch geprägten, verregneten und kühlen Ort mitten in Teeplantagen auf 1890 Metern gelegen. Die Landschaft und das Klima erinnern stark an die Schweiz im Herbst. Meine Unterkunft im etwas heruntergekommenen ehemaligen Gouverneurssitz aus dem 19. Jh., der von zwei alten singhalesischen Gentlemen geführt wird, die malerischen Märkte, der wundervolle botanische Garten und die Teestunden im alten Grand Hotel bewegen mich zu einem 2tägigen Aufenthalt.

Die Zeit wird langsam knapp. Ich fahre nach Colombo zurück, kaufe ein Ticket nach Indien, weil es aussichtslos ist, mit dem Schiff dorthin zukommen. Beim Checken meiner Mailbox stosse ich auf eine Mitteilung meiner Berliner Freunde, die sich im Süden an einer anderen Beach aufhalten. Kurzentschlossen setze ich mich in den nächsten Zug, komme nachts in Unawatuna am Strand an und laufe im ersten Restaurant gleich meinen Freunden über den Weg.

Die Freude des Wiedersehens ist auf beiden Seiten gross. So verbringe ich die letzten Tage wieder in angenehmer deutscher Gesellschaft direkt am Meer. Ich reise zurück nach Colombo zu 'meiner' Familie und muss natürlich viel erzählen. Am nächsten Morgen nehme ich endgültig Abschied von Sri Lanka und steige in den Flieger nach Trivandrum in Indien.

Eine faszinierende Zeit ist vorbei. Ich lernet ein Paradies mit Schattenseiten kennen und lieben. Die Eindrücke waren sehr intensiv und lassen die Frage aufkommen, ob es überhaupt eine Steigerung gibt. Aber Indien soll ja immer für überraschungen gut sein. Und diese werde ich weiterhin gerne zulassen.

So, das wärs weider mal für eine Weile. Sorry wegen meines miserablen Schreibstils (ich wechsle ständig von der Vergangenheit in die Gegenwart) und den vielen Schreibfehlern. Aber die Athmosphäre in einem Internet-Cafe motiviert nicht zu vielen Korrekturen. Wer mir schreiben möchte kann das bis etwa zum 14.10. (Absendedatum des Briefes) unter folgende Adresse machen:

SCHAICH Tom
poste restante
General Post Office (GPO)
Kochin, Kerala,
India

Gruss
Tom