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Paradies mit Schattenseiten (Fortsetzung)


 
   

Das wären wir wahrscheinlich noch wochenlang weiter gewesen, wenn nicht Garnt nach Indien und die Berliner zu einer Rundreise weiterfuhren. Ich fuhr nach Galle weiter, einer malerischen alten, von den Holländern mit einem Fort bewehrten Stadt. Bei der Besichtigung kam ich bei einer alten Moschee vorbei. Der Muezzin sah mich von weitem und rief mich hinein. Zuerst zeigte er mir das ganze Gebäude und danach setzten wir uns auf den Marmorboden des Gebetsraums und diskutierten eine ganze Weile über Gott (bzw. Allah) und die Welt. Nach und nach stellte er mir verschiedene ältere Persönlichkeiten vor, die zum Gebet vorbeikamen. Die Diskussionen wurden immer wie interessanter, die Themen tiefgründiger und heikler.

Die Regierung und die Politik des Landes wurde ebenso auseinandergenommen wie die Rolle der Moslems im Land. Ich verbrachte schlussendlich einen ganzen Nachmittag dort und nahm einen unvergesslichen Eindruck über den Islam mit. Noch ganz benommen von der Begegnung setzte ich mich ans Meer. Ein paar Jugendliche gesellten sich zu mir, und schon war ich im nächsten Gespräch, denn sie waren auch Moslems.

Jedenfalls wurde ich am nächsten Tag zum Mittagessen eingeladen. Ich wurde in meinen verschwitzten Traveller-Klamotten abgeholt und einen Hügel hochgefahren. Plötzlich bogen wir in die Einfahrt zu einer grossen Villa ein. Ich meinte zu meinem Begleiter, er solle keine Spässe machen, er meinte nur, dass er hier wohne. Im Haus der ärztefamilie Perera wurde ich mit ausgesuchter Freundlichkeit empfangen. Die Dame des Hauses begrüsst mich im tadellosen Sari, dezentem Goldschmuck und akzentfreiem Englisch. Nach einem fürstlichen Mahl konversieren wir lange über die gesundheitliche Lage in Sri Lanka. Ich komme mir jedenfalls ziemlich schäbig und deplaziert vor, verbringe so einen Nachmittag umgeben von Luxus und reise dann Richtung Norden nach Deniyaya weiter.

Das Dorf liegt am Rande des Singharaja Rainforest, wo ich in einem familiären Guest House übernachte. Der Gastgeber bietet sich als Führer durch den Regenwald an und weiss über Fauna und Flora bescheid wie ein Bio-Professor, in ausgezeichnetem Englisch notabene. So unternehme ich einen ganztägige Wanderung auf schmalen Tramppelpfaden mitten im Dschungel, vorbei an gigantischen, mit Farnen, Orchideen und oberschenkeldicken Lianen bewachsenen, jahrhundertealten Urwaldriesen und hunderten von verschiedenen weiteren Pflanzenarten, malerischen Wasserfällen, jeder Menge Vögel, Affen, Schlangen, Schmetterlingen, daumendicken Tausendfüsslern, Spinnen, Ameisen und unzähligen anderen Insekten.

Die Geräuschkulisse ist faszinierend, der Schweiss läuft in Strömen, Blutegel saugen sich überall fest, Flüsse müssen durchwatet werden. Ich fühle mich wie Klein-Indiana-Jones. Der Eindruck wird mit dem Einsetzen des Monsunregens noch verstärkt. Das Wasser sammelt sich auf dem natürlichen Dach und klatscht dann in grossen Tropfen auf uns nieder. Der ganze Boden scheint zu dampfen. Was für ein Erlebnis! Am nächsten Tag bin ich so erschlagen, dass ich nicht mehr weiss, wohin ich weitergehen soll. Es muss etwas in der Natur sein.

Pali, mein Dschungelführer, berichtet mir von seinem Freund Bandula, der weit oben im Hochland in einer verlassenen, sehr armen Gegen mitten im Dschungel ein Waisenhaus aufbaut und meint, ich solle ihn doch einfach besuchen. Ich bin sofort einverstanden und mache mich auf eine beschwerliche 12-stündige Reise mit Lastwagen, Bussen, Motorrädern, Traktoren und schlussendlich zu Fuss, bis ich das Gelände von 'Little Smile' in Koslande erreiche. Das Projekt wird vom deutschen Fernsehjournalist Michael Kreitmeyr durch die Hälfte seines Gehaltes und von Spendenaktionen des Bayrischen Rundfunks finanziert.

Es soll in der ersten Phase 20 Kindern von extrem armen Witwen Unterkunft, Essen und Ausbildung bieten. Angegliedert ist eine Frucht- und Pfefferplantage, die nach 5 Jahren Anlaufzeit das Waisenhaus mitfinanzieren soll. Michael kam auf die Idee der Institution, als er bei einer Reise in diese sehr arme Region eine Frau nach der Einnahme von Rattengift elend verenden sah, weil sie nach dem Tod ihres Mannes die Familie nicht mehr ernähren konnte. Bandula hat sich nach einer schweren Krankheit zum Ziel gesetzt, seinen Mitmenschen in Not wo auch immer zu helfen.

Als sein Vater starb war er 11 Jahre alt. Er musste jahrelang auf Reisfeldern und als Maurergehilfe Schwerstarbeit leisten, um die Familie ernähren zu können. Mit 16 Jahren wurde er von einem ausgewanderten Deutschen als Hausboy angestellt, lernte die Sprache, Kochen und deutsche Gründlichkeit. Nach sechs Jahren kehrte der Deutsche zurück in die Heimat, hinterliess Bandula eine ansehnliche Summe, von der er sich Land und Teesetzlinge kaufte.

Eine lange Dürreperiode machte seinen ganzen Besitz zunichte und verzweifelt reiste er in den Süden an die Strände, um mit seinen Deutschkenntnissen Touristen anzusprechen und Rundfahrten zu organisieren. Er machte sich schnell einen Namen als Guide, der das Land vor allem hinter den Kulissen des Tourismus kennt. So lernte er Michael kennen, der ihn nach langjähriger Freundschaft nun als Sekretär, Stratege, Architekt, Bauführer, Einkäufer, Organisator und Vertrauensperson für das Projekt 'Little Smile' einsetzte.

Und so lernte ich Bandula nun kennen. Ein ruhiger, sanfter, mit seinen 42 Jahren schon ergrauter, kleiner Mann mit sorgenvoll-freundlicher Miene. Er wohnt in dem grossen künftigen Gästehaus mit den beiden ehemaligen Soldaten Anil und Soisa, welche als Maler, Köche und Security-Guards arbeiten. Im Haus stehen überall Gerüste, wenige Möbel, der Boden ist schmutzig, nur das Notwendigste zum Leben ist vorhanden. Ich fühle mich aber trotzdem sofort wie zuhause.

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      "Toms Reisen" © by Tom Schaich