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Hallo Leute,
Ich melde mich zurück aus der Welt der unbegrenzten Möglichkeiten und möchte über ein Erlebnis berichten, das mich die letzten sechs Wochen beschäftigt hat. Ich lebte im Himalaya, in der Nähe von Almora, in einem Tippi und hab dabei so einiges erlebt. Was ich Euch diesmal vorsetze ist nicht ein Bericht über diese Zeit, sondern sind Auszüge aus meinem Tagebuch. Die Berichterstattung erhebt deshalb keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wer die ganze Story hören will, muss sich irgendwann mal einen Abend Zeit nehmen. Das ist auch der Grund, warum ihr so lange nichts mehr von mir gehört habt. Ich musste unter anderem herausfinden, welche Form der Schreiberei mir am besten liegt. Und die hab ich nun vorläufig gefunden. Ich hoffe, es gefällt Euch.

Auch von der Zeit bevor ich mich in die Berge zurück zog gäbe es einiges zu Berichten. Wilde Parties in Bombay, zehn Tage Silent Retreat mit Vipassana Meditation in Jaipur, eindrückliche Festivals und jahrtausende alte Kultur in Varanasi. All das ist zwar minutiös niedergeschrieben, behalte ich aber vorläufig zurück, da es nichts zur Sache tut.

Da fliegt mir doch das Blech weg

Ich freue mich aufs Tippi-Leben draussen in der Natur. Der erste Chai vom Lagerfeuer schmeckt ausgezeichnet. Doch die Freude hält nicht lange. Wir sitzen gemütlich auf unserem Plätzchen vor dem Zelt und beobachten die Light-Show bei den weit entfernten Hügeln. Dort schepperts ganz schön. Die Blitze züngeln wie Lichtschwerten um die Berge, die pechschwarzen Wolken tronen wie verwester Blumenkohl über dem Geschehen. Wir sind ja glücklicherweise weit weg vom Schuss. Denken wir und vergessen, dass wir es hier nicht mit einem schweizer Gewitter zu tun haben. Plötzlich dreht sich der Wind und wird schnell stärker. Wir räumen schnell alles zusammen und verbarikadieren uns behelfsmässig im Tippi. Schnell merken wir, wie instabil die Konstruktion ist. Es bläst überall hinein, der Canvas flattert unkontrolliert in den Böen. Wir unternehmen immer noch hilflose abdichtungsversuche, als die beiden Jungs schreiend durch den Regen angerannt kommen. Wir realisieren jetzt erst überhaupt, wie stark dieses Umwetter ist. Die Blitze sausen in nächster Nähe in schneller Reihenfolge nieder, es ist stockfinster, der Wind bläst den Regen und den Hagel waagerecht über den Hügel. Rasch packen wir das Wichtigste zusammen und verlassen das Zelt. Während das Tippi hinter uns weggeweht wird, tuschen wir den glitschigen Hang hoch. Deep kommt völlig aufgeregt angerannt, reisst mir die Taschenlampe aus den Fingern und rennt mit den Jungs nochmals runter um das restliche Gepäck raufzuholen. Simran, Deran und Rick sind bereits im Zimmer, ihr Tippi hats ebenfalls erwischt. Ziemlich niedergeschlagen sitzen wir in der runde und keiner traut sich überhaupt das Thema Zelt anzusprechen.

Als Belohnung für das Scheisswetter von gestern Nacht schnekt uns der Wettergott freie Sichtauf Nanda Devi und die anderen Schneegipfel. Ein gigantischer Anblick. Die Reste des Tippies hängen nass und verdreckt an der Terrasse, das Stroh liegt völlig nass noch dort. Es ist zum heulen. Glücklicherweise spricht jeder bei der ersten Runde Chai draussen in der Morgensonne vom Wiederaufbau. Deep meint, er stelle beide Tippies locker in zwei Stunden auf, verabschiedet sich dann kurz und taucht den ganzen Tag nicht mehr auf. Wir wollen nicht einfach rumstehen und beginnen, die grossen Risse im Canvas mit starkem Kunststofffaden zu nähen. Danach versuchen wir gleich noch die mächtigen Bambusstangen neu zu ordnen. Schlussendlich schaffen wir es, alle Stangen auf ein Mass zu kürzen, neu zu verschnüren, das Gerüst aufzustellen, das Bündel neu zu verschnüren, die Stangen im Boden zu verankern, den Canvas hochzuziehen und schlussendlich so um das Gerüst zu wickeln, dass das Gewebe schön straff gespannt ist. Zur Krönung spannen wir den Zeltstoff mit kleinen Baubussttäbchen bei jedem Pfosten ab und beschweren den übrigen Stoff von innen mit schweren Steinen. Eine saubere und ansprechende Arbeit, Swiss Style eben. Als Deep dann gegen Abend doch noch auftaucht hauts ihn fast um. Er inspiziert die Arbeit im Detail und kopiert dann unsere Ideen frech am anderen Tippi. Endlich können wir Nahrungsmittel für die Köche einkaufen. Abends koche ich aus einr Büchse Amul-Käse mittels Bratpfanne und Deckel ein Fondü mit Geschwellten und Braunbrot. Wir kommen uns vor wie im Schlaraffenland.

Gute Aussichten

Ein absoluter Knüller ist meine Technicolor-iMax-Supersurround-Aussicht an unverbaubarer Lage. Ich mittendrin, fest auf der Erde und rundrum nur Natur. Die Hügel sind an ihrem Fuss mit Naturterrassen bedeckt, die man eher in Indonesien vermuten würde. Sie schlängeln sich wie ein breiter brauner Fluss durch die Täler. Weisse Quader mit graün Dächern, die alten Nepali-Häuser der Kumanis, wirken wie Felsen im Strom. Die braunen Felder gehen über in spärlich bewaldete Hügel, die sich in langen Ketten in mehreren Ebenen bis zum Horizont hinziehen. Die Pinien schimmern golden im Abendlicht, der Waldboden reflektiert mit seiner Kupferfarbe als Kontrast. Wenn die Wettergötter gut gesinnt sind und uns kleinen Sündern wieder einmal einen Blick darauf gewähren, wo die ultimative Energie herkommt, haben wir freie Sicht auf die Schneebedeckten Eigenaten im Norden. Nanda Devi, der götliche Berg, fällt nicht nur auf, weil er mit seinen 7¹900 Metern der höchste Berg Indiens ist. Der Gipfel in der Form eines Schädels und an der Nordseite einfach erkenn- aber unerklärbar zwei riesige Augen, eine Nase und ein lächelnder Mund. Das daraus entstehende Gesicht in verschwommenem Grau blickt einem auf magische Weise direkt an.

Ständig verändert sich die Szenerie, als ob jemand mit der Fernbedienung spielen würde. Vorallem die Wolken in bissarsten Formationen können den Ausdruck der Landschaft schalgartig verändern. Zieht ein Sturm mit dem nahenden Sonnenuntergang auf, glühen anschliessend gigantische graü Wolken nach dem Unwetter wie Berge im Abendhimmel. In solchen Momenten ist man dann schlicht sprachlos.

Auf den Terrassen um mich herum spriessen unzählige Arten von Pflanzen um die Wette und werden auch gleich von den Ziegen und Kühen wieder dezimiert. Es herrscht eine Menge Betrieb hier. Bienen lümmeln um blühende Sträucher, Fliegen geben sich wilde Paarungskämpfe, riesige Käfer summen schwerfällig durch den allgemeinen Luftverkehr, Schmetterlinge in allen Formen und Farben erlaben sich am Abwaschwasser und die Bodentruppen suchen nach Essbarem. Und mindestens einmal am Tag krabbelt die ganze Bande irgendwann mal über mich weg. Die Viecher könnten ja ein schönes Leben haben, wenn da nicht die Vögel wären. Die sind hier reichlich vertreten und das in umfangreichen Ausführungen. Märchenhafte Himalaya-Fasane, vorwitzige Beos, prachtvolle Adler und Geier, kleine Vögel in leuchtendem Rot, Blau, Grün oder Gelb. Atemberaubende Luftkampfszenen finden statt. Sonst gehts eigentlich recht friedlich zu. Den Skorpion im Bett hätte ich nicht gebraucht. Und Deran soll mal nachts einem Leoparden fast auf den Kopf gepinkelt haben. Aber Deran war sicher wieder mal stoned. Leoparden essen eh nur Hunde, Ziegen und kleine Kinder. So eine überdosis Ire würde denen nicht gut bekommen.

Bei den Kumanis

Bei einem Ausflug zum Ende der Ridge kommen wir vom Weg ab und folgen einem gut ausgebauten Pfad den Hang runter. Die Berglandschaft präsentiert sich uns von ihrer schönsten Seite. Die Terassen in verschiedenen Grün- und Brauntönen, die Schiefersteine der Maürn auf beiden Seiten des Weges und der Boden glitzern golden und silbern, einzelne Kakteen von riesenhaftem Wuchs und knorrige Nadelbäume runden das Bild der Landschaft perfekt ab. Als Kontrast dazu sitzen die Baürnmädchen und ‹Fraün in ihren klassisch gemusterten Saris und leuchtend farbigen Hosenkleidern im Schatten, grüssen ausgesprochen freundlich und rufen zwischendurch wieder im sonderbaren Singsang ihre Ziegen und Kühe zusammen. Wir beobachten alte Fraün, die sich den ganzen Tag mit ein und derselben Kuh beschäftigen. Kinder in Schuluniformen begegnen uns. Baürn in der Kurta mit Neru-Käppi. Fraün mit geflochtenen Körben voller Reisstroh, Gras oder Holz tänzeln mühelos in ihren Flip-Flops den steinigen Pfad runter. Jeder möchte ein paar Worte wechseln, unser Hindi ist aber wirklich nur fürs Chai-bestellen geeignet. Wir blicken auf ein paar malerische Steinhäuser runter. Wir blicken runter und fragen uns gespannt, wie wohl die Leute dort leben. Von überall her wird uns zugewunken und gerufen. So gehen wir zum ersten Haus, bewundern das zweistöckige uralte Gebäude im Nepali-Stil mit der massiven Steintreppe und den blau gestrichenen Holzteilen. Ein altes Weib kommt zu uns, fragt etwas auf Hindi, das wir natürlich nicht verstehen. Bald begreife ich, dass mir das Grosi Dope verkaufen will! Das ganze Dorf läuft zusammen um ein bisschen mit uns zu quatschen, was für uns nicht gerade eine einfache Situation ist. Mit ein paar Zaubertricken begeistere ich die Kinder, danach schleichen wir uns wieder davon. Hindi lernen wäre die Lösung. Beim Aufstieg glanzen die Steine im Nachmittagslicht, ein Weg wie in einem Märchen. Dieses Himalaya-Gestein hat schon was aussergewöhnliches. Mir kommt wieder in den Sinn, dass dieser Ort unter einem Loch im elektromagnetischen Netz, das sich um die ganze Erde spannt, sein soll. Hier darfs also ruhig ein bisschen anders aussehen.