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Bei den Kumanis (Schluss)


 
    Vitu

Wieder einmal lerne ich viele Leute mit interessanten Geschichten kennen. Hier scheint aber, im Gegensatz zu anderen Orten, jeder irgenswie speziell drauf zu sein. Westler als auch Inder. Ein weiser Inder erzählt mir, dass Kasar Devi eines der drei Löcher im kosmischen Gürtel sei und man somit von hier aus einen direkten Zugang zum Universum habe. Wie auch immer, der Ort hat was Magisches. Viele der Inder, die ich kennenlerne, waren zuvor jahrelang in Ashrams, so philosophieren wir manchmal nächtelang über Spiritualität und ich stelle jeweils hundert Fragen. Besonders angetan hat es mir dabei Vitu. Der rebellische Altachtundsechziger, immer noch gestylt im Stil der damaligen Intellektüllen, stammt aus einer stinkreichen und angesehenen Sikh-Familie und hat in seiner Vergangenheit für viel Aufsehen gesorgt. Als promovierter Psychologe und Philosoph unterrichtete er zürst, wurde aber wegen seinen ungewöhnlichen Methoden wieder rausgeschmissen. Als Ressortleiter bei der Indian Times war er solange erfolgreich, bis er seihnen ersten Artikel veröffentlichte. Er wurde auf der Stelle verhaftet. Danach stellte er während mehreren LSD-Trips mit zwei Schriftstellern einen Gedichtband zusammen, der auch gleich einen Verleger fand. Darauf hin verfasste er wirre Bücher mit Titeln wie 'The diferent ways to love my mother', für die sich kein Schwein interessierte. ImKampf gegen des Establishment zog er sich in den Untergrund zurück und zog Einzelaktionen, mit die Besetzung einesTelefon Exchange inkl. Besprayung der Wände mit den Namen unbekannter indischer Philosophen und Sanskrit-Experten, durch. Bei dieser Aktion war sogar ein französisches Fernsehteam anwesend, das mit den Bildern beweisen wollte, dass es in Delhi eine Underground-Szene gibt. Vor drei Jahren entschloss sich dann seine Familie, dem Treiben des Filius ein Ende zu setzen und schickten ihn mit einer monatlichen Rente von 16000 Rs. Und einem Suzuki Jeep in die Verbannung. Einzige Bedingung: er darf sich nur noch in schwachbesiedelten Gegenden aufhalten und keinen Radau mehr machen. So ist es etwas still geworden um den Mann, der sich Vitu, Edwin, und Chopps nennt, in Wirklichkeit aber ganz anders heisst. In stilsicherem, indisch akzentuiertem Englisch spricht er ausschliesslich druckreife Sätze. Auf konkrete Fragen antwortet er gewöhnlich mit philosophisch verschlüsselten Zitaten, deren Bedeutung mir teilweise erst nach Studen oder gar nicht bewusst wird. Er hat die Fähigkeit, jede Diskussion mit ein paar Worten auf eine komplett andre Ebene zu bringen. Besondern wenn wir stoned, das ist Vitu meistens, mit einer Gruppe von anderen Leuten zusammensitzen, kann er die Leute augenblicklich zum Lachen oder zum Nachdenken bringen. Obwohl er zur Zeit eine tiefe Sinneskriese durchmacht. Manchmal lässt er durchblicken, dass ihm an seiner jetzigen Situation nicht vielt liegt und er ziemlich Ratlos ist, wie er denn sein ganzes Wissen sinnvoll nutzen könnte.

Er kann nicht begreifen, dass ein so grosser Junge wie ich noch in einem Indianerzelt leben will und versucht mich ständig zu überreden, den freien Raum neben ihm zu beziehen. Er fühlt sich oft sehr alleine. Ich liebe die Abende in seinem Zimmer mit fliessendem Wasser, wenn wir in Konzertlautstärke Pink Floyd, Led Zeppelin, Greatful Death und Jimmy Hendrix hören, er mit die Songtexte wiederholt und wir dann rauchend darüber nachdenken. Oder wenn er mir die Guru Gita in die Finger drückt und ich, fasziniert von dem Umstand, dass ich begreife, dass ich eigentlich gar nichts begreife, stundenlang die einzelnen Mantras zu deuten versuche. Antworten von Vitu auf meine Fragen stiften nur noch mehr Konfusion. Zwischendurch brausen wir dann in seinem Jeep durch die Gegen, manchmal nur um schnell einen Lassie bei einem besonders guten Shop zu trinken. Bei den Einheimischen ist er sehr beliebt. Er kauft zwischendurch mal einem Kid ein Fahrrad, damit es die Milch der Farm einfacher ins Dorf bringen kann oder montiert bei Wasserknappheit einen grossen Tank auf seinen Jeep, füllt das Ding an einem Fluss und versorgt dann die Baürn regelmässig mit Wasser. Vitu ist aber nur ein Beispiel an ungewöhnlichen Typen, die sich hier ober rumtreiben.

Indianerleben

Mittlerweile mache ich auf einsamer Indianer im Gebirge. Tabea ist weitergezogen und ich geniesse die Einsamkeit, habe wieder mit Yoga und Meditation begonnen und vorallem die vorherige Schlafstelle als funktionale Einmann-Behausung umgestaltet. Erst mal hab ich unter der öffnung der Tippi-Spitze eine schicke Feürstelle in den Boden eingelassen, mit grossen flachen Steinen umrandet und von Aussen mit einem Rohr unterirdisch belüftet. So kann ich bei Regen den Innenraum trocken halten und von der etwas erhöhten Schlafplattform aus gemütlich im Bett liegend kochen. Priviant, Holz und Kochgeschirr ist regensicher im Tippi untergebracht und die Ausrüstung auf Steinregalen oder an Leinen übersichtlich geordnet. Zwei Tage anhaltender Regen haben mich erfinderisch gemacht. Und ausserdem macht es einfach Spass, nach Monaten exzessiven Abhängens und auch sonst nicht wirklich konstruktivem Tuns, wieder mal Werkzeug in die Hand zu nehmen und was damit anzustellen. Was in diesem Fall besonders reizvoll ist, da es sich um mein eigenes 'Haus' handelt. Und so was von Grund auf nach eigenen Ideen und Vorstellungen zu gestalten, das kann man nicht alle Tage. Also ich ginds saugemütlich bei mir. Und die Atmosphäre Nachts im Tippi wurde ich glatt als Synonym für Gemütlichkeit einstufen. Zum Beispiel bei Neumond, wenn die Sterne zum greifen nahe scheinen, Sternschnuppen in Salven üben den Himmel flitzen und die Milchstrasse wie ein amerikanischer Highway über einem durchzieht. Die Plache zum Zelteingang ist geöffnet, von drinnen gällt ein schwacher Lichtkegel auf den mit Bambusrohren und Steinplatten eingefassten und mit Stroh bedeckten Vorplatz. Im Innenraum ist es leicht rauchig, eine Kerosin-Lampe spendet schwaches Grundlicht, zwei Kerzen beleuchten die Kochstellte. Kurz nach dem Anzünden des Feür wirds wohlig warm und auch bei tiefen Temperaturen draussen liege ich im T-Shirt rum. Die Räucherstäbchen glimmen, aus den Lautsprechern erklingt sanfte Musik und vermischt sich mit dem Zirpen der Grillen. Im Kerzenschein glitzert ein Bild von Shiva und das Stroh im Zelt leuchtet golden. Ich liege auf dem Bet, ein Kaffee in der Hand, lese oder schreibe ein bisschen, strecke zwischendurch den Arm aus, um in der Tomatensauce mit Tunfisch zu rühren. Das Essen schmeckt mir hier oben wieder ausgezeichnet und ich vermute, dass das verlorene Gewicht von Varanasi bald wieder aufgebaut ist. Selber kochen ist immer noch die beste Variante. Nach dem Essen muss ich mich nur einmal der Länge nach drehen um mit dem Oberkörper draussen dem dem Vorplatz zu liegen und in der kühlen Nacht in den Sternenhimmel zu blicken.

Mittlerweile sitze ich in der Gluthitze von Delhi und hab schon wieder viele andere Dinge im Kopf. Am Samstag gehts los nach Pakistan, von dort über den Karakoram Highway nach China, weiter über die Seidenstrasse und dann runter nach Laos. Ein etwas anderer Trip. Wird jedenfalls viel zu berichten geben.

Da die Versorgung mit E-Mail in diesem Gebiet der Erde nicht gerade optimal ist, werde ich in den nächsten vier Monaten kaum zu einem Computer kommen. Wer mir schreiben will, kann das an meine Heimadresse machen, die Briefe werden anschliessend regelmässig an mich weitergeleitet.

Tom Schaich
c/o Heinz Schaich
Hegi 390
CH-4625 Oberbuchsiten
Switzerland

Bis bald.

Gruss
Tom

 

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      "Toms Reisen" © by Tom Schaich