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Bei den Kumanis


 
    Wasser

Es wird immer heisser, das Wasser rarer. Aus dem Wasserhahn fliesst nunmehr ein dünner Starhl, der nicht mehr alle Kübel zu füllen mag. Die Baürnfamilie unterhalb der Wasserstelle hat gegen fünfzehn der 15-Liter-Blechkanister zu füllen und steht schon um drei Uhr an. Da können wir und die Jungs nichts dagegen ausrichten. Die Jungs müssen mittlerweile jeden Morgen zur Qülle im Tal runter und je 30 Liter hochschleppen. Eine unglaubliche Leistung, ich komme mir dagegen schwach und schlapp vor. Wir sammeln all unsere Plastikflaschen zusammen und versuchen so, dass uns ein paar mitleidsame Locals am Hahn vorlassen, um ein paar Liter zu zapfen. Das Spühlwasser nehmen wir aus den Wasserlöchern im Tal mit, die wir bei unseren Ausflügen finden. Fast täglich verlassen Westler die Gegen, der Wasserknappheit überdrüssig, um in ein nettes Güst House in Paparsali oder Almora umzuziehen. Von den übriggebliebenen Leuten gehören wir wahrscheinlich zu denen, die am Schlimmsten dran sind. Bei den Familien bekommt jeder mindestens zehn Liter pro Tag. Wenn man nicht kocht ein absoluter Luxus. Es gibt Leute, die unseren Durchhaltewillen bewundern, andere wenden sich verständnislos ab. Egal, wir halten mit viel Optimismus durch und geniessen jeden Tropfen Wasser, den wir finden können. Simran hat sogar angefangen, als Gastgeschenk ein paar Flaschen Tabwater mitzubringen. Wenn sie dann in ihre Tasche greit um den kostbaren Stoff auszupacken, glänzen unsere Augen jeweils wie an Weihnachten.

Beizerleben

Deep ist die ganze Zeit schon wegen der Hochzeit seines Bruders aufgeregt. Als ältester Sohn hat Deep viele Dinge zu organisieren und Verantwortung zu übernehmen. Da seine Familie nicht gerade zu den ärmsten Baürn gehört und seine Mutter gar Dorfvorsteherin ist, soll eine dreitägige Riesenfete nach dem Motto 'koste es was es wolle' stattfinden. Das bedeutet sicher, dass Deep und die Jungs, die seine Nachbarn sind, drei Tage nicht hier sein werden und wir eigentlich auch eingeladen sind. Wir vereinbaren mit Deep, dass wir zweit Tage aufs Restaurant aufpassen und einen Tag Hochzeit reinziehen. Wir haben spontan vorgeschlagen, auch zu kochen. Einmal im Leben ein Restaurant im Himalaya zu führen, das ist schon was.

In der Küche des Nanda Devi Cafes siehts aus wie in einem Schweinestall. Im düsteren Licht scheint alles schwarz zu sein, eine dicke Schicht von Russ und Fett bedeckt alle Flächen, das Geschirr teileweise nicht abgewaschen und voller Mücken. Die spärlichen Zutaten sind in diversen Taschen und Säcken gut versteckt oder liegen faulend rum. Deep kann zwar ausgezeichnet kochen, von Sauberkeit versteht er aber gar nichts. Zum ersten mal wird uns das bewusst, als ein paar Inder auftauchen, denen wir zwei Portionen Maccaroni mit Tomatensauce aufschwatzen. Es gibt keine einzige Ablagefläche, behelfsmässig rüsten wir auf dem Boden und auf dem Gasherd, in der Schweiz müssten wir als Restaurateure dafür mindestens ein Jahr hinter Gitter. Aber die Inder sind sich ja einiges gewohnt. Von Rüstmesser bis zu den Pfannen über die einezelnen Zutaten müssen wir alles zusammensuchen. Die Gäste warten und haben Hungen. Improvisation ist angesagt. Wie macht man überhaupt eine Tomatensauce ohne Tomatenpüree? Meine Mitköchin weiss Bescheid, ich rüste dafür das Gemüse. Dafür verwechselt die das Salz mit dem Zucker, in dieser Hektik verständlich. Ich versuche die Sauce mit Ketchup, Salz und undefinierbaren indischen Gewürzen zu retten. Das Resultat geht Richtung süss-saür und wird schmerzlos serviert. Auf den Schrecken gönnen wir uns auch gleich eine Portion. Mit Schmelzkäse in der Sauce schmeckt das Ganze schlussendlich lecker. Unsere Gäste ordern Ketchup zum Nachwürzen! Blasphemie. Im grossen und ganzen herrscht nicht viel Betrieb. Ein paar Cold Drinks hier, ein paar Chips dort. Es bleibt viel Zeit zum philosophieren und rumhängen.

Der zweite Tag in charge wird etwas stressiger. Nicht wegen den beiden Vegetable Omeletts für die Kanadier (Prädikat excellent), die ich schen fast routinemässig am Nachmittag hinzaubere. Auch nicht wegen den Chais, für die wir wegen drei Beutel schlechter Milch geschlagene vierzig Minuten brauchen. Mehr wegen des Sturms, der während der Bestellung bereits im Anmarsch ist. Wir wissen, dass es ein Wettlauf mit der Zeit werden wird. Abwechselnd rennen wir zwischen Bestellung, Kochen und Servieren runter, um das Tippi sturmbereit zu machen. Nach dem letzten Desaster haben wir schon ein bisschen Paranoya. Die Gäste verabschieden wir dann mit den ersten Regentropfen. Das Tippi ist mittlerweile mustergültig vorbereitet und während wir und in der Küche über die Reste hermachen, denken wir darüber nach, dass wir gerade für gute dreiviertelstunden Schufterei läppische zwei Franken eingenommen haben. Was soll's, schlussendlich brauchen wir die Kohle eh nicht und wenigstens einmal im Leben fürs Kochen bezahlt zu werden ist auch keine schlechte Erfahrung.

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      "Toms Reisen" "Toms Reisen" © by Tom Schaich