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Bei den Kumanis


 
   

Gute Aussichten

Ein absoluter Knüller ist meine Technicolor-iMax-Supersurround-Aussicht an unverbaubarer Lage. Ich mittendrin, fest auf der Erde und rundrum nur Natur. Die Hügel sind an ihrem Fuss mit Naturterrassen bedeckt, die man eher in Indonesien vermuten würde. Sie schlängeln sich wie ein breiter brauner Fluss durch die Täler. Weisse Quader mit graün Dächern, die alten Nepali-Häuser der Kumanis, wirken wie Felsen im Strom. Die braunen Felder gehen über in spärlich bewaldete Hügel, die sich in langen Ketten in mehreren Ebenen bis zum Horizont hinziehen. Die Pinien schimmern golden im Abendlicht, der Waldboden reflektiert mit seiner Kupferfarbe als Kontrast. Wenn die Wettergötter gut gesinnt sind und uns kleinen Sündern wieder einmal einen Blick darauf gewähren, wo die ultimative Energie herkommt, haben wir freie Sicht auf die Schneebedeckten Eigenaten im Norden. Nanda Devi, der götliche Berg, fällt nicht nur auf, weil er mit seinen 7'900 Metern der höchste Berg Indiens ist. Der Gipfel in der Form eines Schädels und an der Nordseite einfach erkenn- aber unerklärbar zwei riesige Augen, eine Nase und ein lächelnder Mund. Das daraus entstehende Gesicht in verschwommenem Grau blickt einem auf magische Weise direkt an.

Ständig verändert sich die Szenerie, als ob jemand mit der Fernbedienung spielen würde. Vorallem die Wolken in bissarsten Formationen können den Ausdruck der Landschaft schalgartig verändern. Zieht ein Sturm mit dem nahenden Sonnenuntergang auf, glühen anschliessend gigantische graü Wolken nach dem Unwetter wie Berge im Abendhimmel. In solchen Momenten ist man dann schlicht sprachlos.

Auf den Terrassen um mich herum spriessen unzählige Arten von Pflanzen um die Wette und werden auch gleich von den Ziegen und Kühen wieder dezimiert. Es herrscht eine Menge Betrieb hier. Bienen lümmeln um blühende Sträucher, Fliegen geben sich wilde Paarungskämpfe, riesige Käfer summen schwerfällig durch den allgemeinen Luftverkehr, Schmetterlinge in allen Formen und Farben erlaben sich am Abwaschwasser und die Bodentruppen suchen nach Essbarem. Und mindestens einmal am Tag krabbelt die ganze Bande irgendwann mal über mich weg. Die Viecher könnten ja ein schönes Leben haben, wenn da nicht die Vögel wären. Die sind hier reichlich vertreten und das in umfangreichen Ausführungen. Märchenhafte Himalaya-Fasane, vorwitzige Beos, prachtvolle Adler und Geier, kleine Vögel in leuchtendem Rot, Blau, Grün oder Gelb. Atemberaubende Luftkampfszenen finden statt. Sonst gehts eigentlich recht friedlich zu. Den Skorpion im Bett hätte ich nicht gebraucht. Und Deran soll mal nachts einem Leoparden fast auf den Kopf gepinkelt haben. Aber Deran war sicher wieder mal stoned. Leoparden essen eh nur Hunde, Ziegen und kleine Kinder. So eine überdosis Ire würde denen nicht gut bekommen.

Bei den Kumanis

Bei einem Ausflug zum Ende der Ridge kommen wir vom Weg ab und folgen einem gut ausgebauten Pfad den Hang runter. Die Berglandschaft präsentiert sich uns von ihrer schönsten Seite. Die Terassen in verschiedenen Grün- und Brauntönen, die Schiefersteine der Maürn auf beiden Seiten des Weges und der Boden glitzern golden und silbern, einzelne Kakteen von riesenhaftem Wuchs und knorrige Nadelbäume runden das Bild der Landschaft perfekt ab. Als Kontrast dazu sitzen die Bauernmädchen und --Fraün in ihren klassisch gemusterten Saris und leuchtend farbigen Hosenkleidern im Schatten, grüssen ausgesprochen freundlich und rufen zwischendurch wieder im sonderbaren Singsang ihre Ziegen und Kühe zusammen. Wir beobachten alte Frauen, die sich den ganzen Tag mit ein und derselben Kuh beschäftigen. Kinder in Schuluniformen begegnen uns. Baürn in der Kurta mit Neru-Käppi. Frauen mit geflochtenen Körben voller Reisstroh, Gras oder Holz tänzeln mühelos in ihren Flip-Flops den steinigen Pfad runter. Jeder möchte ein paar Worte wechseln, unser Hindi ist aber wirklich nur fürs Chai-bestellen geeignet. Wir blicken auf ein paar malerische Steinhäuser runter. Wir blicken runter und fragen uns gespannt, wie wohl die Leute dort leben. Von überall her wird uns zugewunken und gerufen. So gehen wir zum ersten Haus, bewundern das zweistöckige uralte Gebäude im Nepali-Stil mit der massiven Steintreppe und den blau gestrichenen Holzteilen. Ein altes Weib kommt zu uns, fragt etwas auf Hindi, das wir natürlich nicht verstehen. Bald begreife ich, dass mir das Grosi Dope verkaufen will! Das ganze Dorf läuft zusammen um ein bisschen mit uns zu quatschen, was für uns nicht gerade eine einfache Situation ist. Mit ein paar Zaubertricken begeistere ich die Kinder, danach schleichen wir uns wieder davon. Hindi lernen wäre die Lösung. Beim Aufstieg glanzen die Steine im Nachmittagslicht, ein Weg wie in einem Märchen. Dieses Himalaya-Gestein hat schon was aussergewöhnliches. Mir kommt wieder in den Sinn, dass dieser Ort unter einem Loch im elektromagnetischen Netz, das sich um die ganze Erde spannt, sein soll. Hier darfs also ruhig ein bisschen anders aussehen.

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      "Toms Reisen" © by Tom Schaich