11. Dezember 1999

Kontraste

Hallo Leute

Hörte das letzte Mail ziemlich apruppt auf, hatte das hauptsächlich damit zu tun, dass ich zuwenig Geld ins Internet-Cafe mitgebracht habe. Sorry also für die Unterbrechung. Hier nun der versprochene zweite Teil.

Szene: Die Karuna-Farm in einem verlassenen Tal auf 1600 Metern Höhe, inmitten von Bananenstauden und Kaffeepflanzen mit atemberaubender Aussicht auf Berge und Tal. Eigentlich wollte ich ja nur ein paar Tage bleiben, schlussendlich wurde ein ganzer Monat daraus. Nicht, weil es dort besonders viel anzuschaün oder zu tun gab, sonder einfach, weil mir die Atmosphäre gefiel.

Vielleicht beschreibe ich am besten anhand eines normalen Tagesablaufs, was ich dort so getrieben habe. Um 5.30 Uhr ist die beste Zeit zum Aufstehen. Eigentlich noch mitten in der Nacht, am Himmel ist aber bereits ein schmales, blutrotes Band über den ganzen Horizont zu sehen, Frösche quaken, Grillen und Zikaden zirpen. Kein anderes Geräusch stört die Ruhe.

Es wird langsam heller, bis, kurz bevor die Sonne erscheint, plötzlich alles Gegrille und Gequacke aufhört. Für ein paar lange Sekunden ist es absolut still. So still, dass man das Schweigen hören kann. Ein Summen in den Ohren. Dann erwachen die Vögel. Zürst zwitschert einer, ein anderer antwortet, dann sind es zehn, dann tausend. Ein ganzes Konzert zur Begrüssung der Sonne. Der rote Ball steigt langsam auf und hüllt das ganze Tal in ein sanftes Licht.

Die Arbeiter der Farm stehen auf. Ich gehe zurück in meine Hütte mit dicken Wänden aus Stein, Blechdach, Betonboden, kleinem Ofen, kleiner Küche, verwanztem Bett und Badezimmer mit Plumpsklo. Zürst Wasser zum Waschen im grossen Aluminiumtopf erhitzen, währenddem Kaffee kochen. Es ist noch ziemlich kühl um diese Zeit. Im Badezimmer mische ich das heisse Wasser mit kaltem vom Wasserfall und übergiesse mich mit einem kleinen Eimer damit.

Zum Frühstück koche ich Pfannkuchen, Chapatti, Rührei, Toast, esse dazu Müsli, Butter und selbstgemachte Pfirsichkonfitüre. Wie zu Hause. Die drei Hunde der Farm stehen jeweils in einer Reihe vor der Tür und beobachten jeden Bissen genaustens. Selbstverständlich wird gerecht geteilt. Maishwari, die 18jährige Hausangestellte kommt vorbei. Sie ist die Tochter eines benachbarten Farmers und wird so lange hier arbeiten, bis die Familie genug Geld zusammen hat, um sie zu verheiraten.

Dummerweise hat sie noch eine ältere Schwester die nicht nur älter, sonder auch ziemlich hässlich ist. Und bis die nicht unter der Haube ist, geht eh nichts. Maishwari kann nicht einfach gehen, sie hüpft entweder oder rennt und lacht dabei immer. Sie bringt mir immer exakt nach dem Frühstück meinen Anteil an der Milch von Nachbars Kuh, die nur 8 Liter pro Tag hergibt.

Etwas später schaut Chocka mit seiner grossen Machtete unter dem Arm vorbei. Der kleine, sehnige, grauhaarige Wächter und gute Seele der Farm ist taubstumm. Ich koche ihm einen Chai, wir sitzen zusammen und unterhalten uns ein bisschen über Wildschweine, die die Pfanzungen heimgesucht haben oder über seine und meine Familie. Alles, ohne ein Wort zu sagen. Nur mit Zeichensprache. Da spielt es auch keine Rolle, dass er keine Englisch versteht.

Zwischendurch versorge ich ihn mit kleinen Leckereien aus meiner Küche, er bringt mir dafür jeweils Feürholz für meinen Ofen. Nach diesen Anstrengungen sitze ich erst mal ein bisschen in die Morgensonne und lese. Durch lautes Husten kündigt sich Bibi an. Der 47jährige deutsche Antiquitätenhändler hat schon die ganze Welt bereist, ist mittlerweile todkrank und setzt sich auf einem Grundstück auf der Farm ein Denkmal in Form eines aus Stein gebauten sechseckigen Turms gleich neben dem Wasserfall.

Bibi wirkt mit seiner Art wie knapp dreissig. Er ist stehts gut gelaunt, macht Witze, motiviert die Leute und geht mit einem solchen Effort an die Arbeit, dass man das Gefühl hat, er könne Berge versetzen. Wenn ich daran denke, wie es um seine Gesundheit bestellt ist, beeindruckt mich dieser Mensch mit seinem überzeugenden Optimismus unglaublich.

Gegen Mittag gehe ich den steilen Pfad zu Nevils Haus hoch. Nevil ist der Besitzer und geistige Vater der Karuna Farm. Nach seinen Ideen wird hier rein biologisch agebaut, Abfall entsorgt und der Strom aus Solarpannels gewonnen. Revolutionär für Indien. Nevil ist gegen 50 und sieht aus wie Moses auf dem Berg. Mit seinen langen graün Haare mit gebräunter Stirnglatze, dem mächtigen grauen Bart, den weiten weissen Hosen und einem lilafarbenen Shirt würde er die Rolle des heiligen in jedem Bombay-Movie bekommen.

Von dort kommt er auch. Ein grossgewachsener Parse (Anhänger Zaratustras, das sind die, die die Leichen der Toten den Geiern zum Frass vorwerfen um die Elemente nicht zu verunreinigen) aus reicher Familie, erzogen nach dem vedischen System. 17 Jahre verbrachte er in einem Ashram und wurde dann zum Auftreiben von Spendengeldern nach Europa geschickt, wo er mit seinem freakigen Aussehen in einem Lada die Strassen unsicher machte.

Anschliessend verwirklichte er sich den Traum von der Farm. Er freut sich immer über Besuch , ist ein sehr interessanter Gesprächspartner und liebt Diskussionen über Spiritualität, Meditation oder einfach nur banale Dinge wie Marketing. Zum Mittagessen findet sich Chippie ein, der Chef der Küche. Er ist über 50, hat dichtes schwarzes Haar und einen ebensolchen Bart, was eigentlich gar nicht so richtig zu den knochigen 40 Kilo Lebendgewicht passt.

Aufgewachsen in einer Schuhmacherfamilie in Bangalore, hat er danach einen grossen Teil seines Lebens auf der Strasse verbracht, unter anderem auch in Kalkutta. Gelegenheitsjobs als Schuhmacher hielten ihn am Leben, ständige Alkoholexzesse löschten es jeweils fast wieder aus. So hat ihn Neville in der Farm aufgenommen, striktes Alkoholverbot verhängt und ihn als Koch und guten Kumpel eine Beschäftigung verschafft.

Zum Mittagessen gibt immer Reis und Dahl, einem faden Linsenbrei, dazu etwas verkochtes Gemüse und Papadam. Kein kulinarischer Höhenflug, aber ausgewogen und nahrhaft, da hier nur vegetarisch gegessen wird. Um diese Zeit ist es immer heiss, jedenfalls solange die Sonne scheint. Das Wetter kann sich innerhalt bon Minuten ändern. Dunst von den heissen, schwülen Städten der Ebene steigt auf, bedeckt mit bizarren Formen die umliegenden Gipfel, dringt durch die Fenster und Türen ein.

Es regnet selten, wenn dann heftig, so dass man fast gänzlich von der Umwelt abeschlossen ist. Oder auch nur ein bisschen, so dass es bei meiner Hütte kräftig runter schüttet und bei Nevil oben die Sonne scheint. Ich kann Stunden damit verbringen, draussen zu sitzen und das Spektakel der Wolken und des Lichtes zu verfolgen. Gegen Abend wird es kühl. Ich mache Feür im Ofen, ziehe meine Thermo-Kleidung an.

Mit dem Einbruch der Dunkelheit kommen die Vögel mit lautem Zwitschern von ihren Tagesausflügen zurück und setzen sich auf die Bäume nieder. Die Lichter der Dörfer und Städte in der Ebene werden sichtbar, der Mond erscheint und die ersten Sterne werden sichtbar. Eine Aussicht wie von einem Flugzeugcockpit im Landeanflug. Atemberaubend, mind blowing! Fledermäuse machen jagd auf Beute und fliegen im Abstand von wenigen Zentimetern um meinen Kopf.

Die Zeit ist gekommen, um den Tag mit interessanten Gesprächen bei guter Musik in Bibis Bude zu auszuklingen. Gegen 20 h treffen wir uns alle warm eingepackt in der kleinen, kalten, rauchigen Küche, sitzen auf der Treppe, auf dem Boden oder kleinen Hockern und essen die Chapati mit Alu Gobi oder sonst einem Curry von Hand aus hochrandigen Blechtellern.

Nach dem Essen ergreift meist Nevil das Wort und eröffnet so die Diskussionen, die meistens bis tief in die Nacht in seinem kleinen ungeheizten Zimmerchen mit Bergen von Papier fortgesetzt werden. Nachts ist eine vielzahl von Fröschen, Schlangen udn sonstigem Getier unterwegs, Vor einiger Zeit wurde in der Nachbarschaft sogar ein Leopard gefangen. Auch Bären werden ab und zu gesichtet. Ein wahrhaftig aussergewöhnlicher Ort.

Während meiner Anwesenheit mache ich viele Spaziergänge auf der Farm, werde von benachbarten Framern zum Essen eingeladen und gehe so einmal in der Woche in die Stadt im einzukaufen. Den Weg kann ich entweder auf Bibis Enfield-Motorrad in 45 Minuten oder zu Fuss durch den Wald, mit dem Milchwagen bis zur Busstation und mit dem Bus in die Stadt in 2 Stunden zurücklegen. Ein langer Weg, wenn man mal Zigaretten vergessen hat...!

Zwischendurch besuchen immer wieder Gäste indischer und westlicher Herkunft die Farm. Interessante Begegnungen und niemals Langeweile. Manfred, ein Freund Bibis aus Deutschland, quartiert sich für längere Zeit ein. Er verbrachte fast die Hälfte der 46 Jahre seines Lebens mit Reisen, wobei er sich seinen Lebensunterhalt mit dem Handel von Silber und Edelsteinen verdient. Er hat ein schier unerschöpfliches Reservor an Lebenserfahrung und Geschichten über ferne Länder und Leute.

Wir schliessen schnell Freundschaft udn verbringen unzählige Stunden mit tiefgründigen Gesprächen und Diskussionen. Er ist auf der einen Seite ein praktisch denkender Typ, auf der anderen Seite ein feinfühliger Romantiker, der auch über noch so kleine Dinge philosophieren kann. Wir beschliessen, bis zum Ende dieses Jahres gemeinsam weiterzureisen. Der Abschied vom friedlichen Leben und den Leuten der Karuna Farm fällt mir zwar schwer, andererseits freü ich mich über die gemeinsame Reise.

Wir verlassen die Farm mit vielen Versprechen auf eine Rückkehr und reisen mit Jeep, Bus und Zug von Kodaikanal über Madurai nach Trivandrum, kommen dort nach etwa 18 Stunden an und nehmen gleich eine Rickshaw nach Kovalam , wo ich vor 2 Monaten meine Indienreise begonnen habe... Freudige Begrüssung von Sebastian und Pinu im Güsthouse. In ein paar Stunden von den Bergen an den Strand mit vielen Touristen, das ist schon was. Ziel ist, dass wir und hier ein paar Tage von der Reise erholen, ich währenddem mein Visa verlängere, das am 23.12. abläuft und dass wir dann während ca. 2 Wochen die Westküste hoch bis Gö reisen, um dort Weihnachten und Neujahr verbringen.

Am Tag nach meiner Ankunft in Kovalam fahre ich mit Sebastian zum Office des Commissioners in Trivandrum. Der Beamte blickt kurz in meinen Pass und meint dann, dass er aufgrund neür Regelungen mein Visa nicht verlängern kann. Alles Flehen und die Aussicht auf viel Backschisch helfen nichts. Für mich bricht kurz eine Welt zusammen. Ich muss aus Indien raus in ein anderes Land und dort ein neüs Visa beantragen.

Eine Destination vorziehen will ich nicht, das würde die Philosophie meiner Reise völlig durcheinanderbringen. Die einzige Möglichkeit ist also, den günstigsten Flug nach den Malediven zu buchen. Am nächsten Tag sitze ich schon im Landeanflug auf die malerischen Islands im indischen Ozean. Am Flughafen kaufte ich mir zuvor einen Lonley Planet Handbuch um überhaupt eine Ahnung zu haben, wohin ich da gehe. In Male muss ich mich zürst mal daran gewöhnen, dass alles etwa 10 Mal teurer als in Indien ist, keine Abfallberge rumliegen, die Leute nich auf die Strasse spucken und nach neuster westlichen Mode gekleidet sind. Schrecklich.

Auf der Botschaft erklärt man mir freundlich, dass ich auf das Visa 4 Tage zu warten habe. Was tun? Ich habe bald Geburtstag und befinde mich inmitten einer der schönsten Inselgruppen der Welt. Also checke ich ein paar Abenten ab und buche dqann 5 Tage in einem Luxusresort auf einer kleinen Insel. Schon am Nachmittag bringt mich das Speedboat nach Meeru Island, einem Teil des North Male Atolls. Von weitem ist nur der schneeweisse Sand und ein Wald von Palmen zu erkennen, das Wasser ist smaragsfarben, das Boot scheint darauf zu schweben.

Zur Ankunft gibts einen Begrüssungs-Cocktail in der mit Sand bedeckten offenen Lobby, danach werde ich in mein Zimmer gebracht. Es verschlägt mir fast die Sprache: ein riesiger Raum mit geschmackvollen Rattanmöbeln und edlen Stoffen, Klimaanlage mit Fernbedienung, riesiges Badezimmer mit 24h-Warmwasser, eine sandbedeckte Verande, die gleich zum Strand raus führt. Welch ein Kontrast zu meiner Hütte in den Bergen (die ich aber eigentlich mehr mochte).

Dreimal täglich Schlemmerbuffet vom Feinsten mit allem, was das Herz begehrt (jedenfalls das der Pauschaltouristen). Es amüsiert mich, das vorwiegend europäische Publikum in Diskussionen über den Sinn des Reisens zu verwickeln. Die finden mich dann jeweils ziemlich kurios und bezahlen mir nachts sämtliche Rechnungen in der Bar. Die Tage verbringe ich mit schwimmen und schnorcheln. Die Unterwasserwelt der Malediven ist alleine eine Reise wert. Hunderte von verschiedenen Arten von Fischen in allen Farben, Mustern und Formen, die man sich nur vorstellen kann. Sonderbare Kreaturen fesseln mich stundenlang unter Wasser. Ich kann mich kaum sattsehen.

Den Abdruck der Taucherbrille sieht man noch beim Nachtessen. Es genügt oft schon, nur im seichten Wasser zu spazieren und schon schwimmt einem ein kleiner Riffhai vor die Füsse oder man schreckt einen Stachelrochen auf. Noch nie zuvor habe ich eine so intensive Begegnung mit der Unterwasserwelt erlebt. So tanke ich Luxus, geniesse die Bekanntschaften mit den Fischen und Urlaubern, gehe abends in die Disco und reise dann wieder nach Male', wo ich innerhalb eines Tages ein nigelnagelneues Visum für 6 Monate in meinen Pass gedrückt bekomme.

Als ich nach Indien zurückfliege, kommt es mir vor, als ob ich nach Hause komme. Hier fühle ich mich richtig wohl, und hier warten noch unglaublich viele Interessante Begegnungen auf mich. Und vor allem ist hier mein Geld wieder etwas wert. Ich freü mich richtig, als mich der Rickshaw-Wallah auf der Fahrt zurück nach Kovalam nach Strich und Faden bescheissen will, streite lange mit ihm, freü mich über meinen Sieg.

In Kovalam fülle ich mir den Magen erst mal wieder kräftig mit Indian-Food, setze mich stundenlang an meinen Chai-Stand und höre mir die Sorgen der Strandverkäufer an. Erst jetzt merke ich so richtig, wie gut mir dieses Land gefällt. Trotz dem ganzen Dreck und den ständigen Komplikationen. Ein paar Tage werde ich noch in Kovalam verbringen und dann endlich nach meinem ursprünglichen Plan weiterziehen. Wer weiss, was bis Goa noch alles dazwischenkommt?

Das wärs für dieses Jahrtausend. Ich hab gehört, in Goa solls ne Party geben und die will ich nicht verpassen. Darüber dann aber erst wieder im Januar. Ich wünsche Euch allen eine wunderschöne Weihnachten bei einigermassen erträglichen Temperaturen und einen guten Rutsch ins Jahr 2000. Peace.

Gruss
Tom

PS: Ich habe nun definitiv rausgefunden, dass das indische Postsystem scheisse ist. Bisher hat kein einziger Brief den Weg zu mir geschafft. Umleitungsanträge sind unterwegs, passieren tut nix. Falls ihr etwas per Post schicken wollt, sendet mir doch einfach zürst ein E-Mail, dann geb ich die Adresse durch. Nach wie vor bin ich unter folgender Adresse erreichbar: tomschaich@yahoo.com