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Kontraste (Fortsetzung)


 
   

Zwischendurch versorge ich ihn mit kleinen Leckereien aus meiner Küche, er bringt mir dafür jeweils Feürholz für meinen Ofen. Nach diesen Anstrengungen sitze ich erst mal ein bisschen in die Morgensonne und lese. Durch lautes Husten kündigt sich Bibi an. Der 47jährige deutsche Antiquitätenhändler hat schon die ganze Welt bereist, ist mittlerweile todkrank und setzt sich auf einem Grundstück auf der Farm ein Denkmal in Form eines aus Stein gebauten sechseckigen Turms gleich neben dem Wasserfall.

Bibi wirkt mit seiner Art wie knapp dreissig. Er ist stehts gut gelaunt, macht Witze, motiviert die Leute und geht mit einem solchen Effort an die Arbeit, dass man das Gefühl hat, er könne Berge versetzen. Wenn ich daran denke, wie es um seine Gesundheit bestellt ist, beeindruckt mich dieser Mensch mit seinem überzeugenden Optimismus unglaublich.

Gegen Mittag gehe ich den steilen Pfad zu Nevils Haus hoch. Nevil ist der Besitzer und geistige Vater der Karuna Farm. Nach seinen Ideen wird hier rein biologisch agebaut, Abfall entsorgt und der Strom aus Solarpannels gewonnen. Revolutionär für Indien. Nevil ist gegen 50 und sieht aus wie Moses auf dem Berg. Mit seinen langen graün Haare mit gebräunter Stirnglatze, dem mächtigen grauen Bart, den weiten weissen Hosen und einem lilafarbenen Shirt würde er die Rolle des heiligen in jedem Bombay-Movie bekommen.

Von dort kommt er auch. Ein grossgewachsener Parse (Anhänger Zaratustras, das sind die, die die Leichen der Toten den Geiern zum Frass vorwerfen um die Elemente nicht zu verunreinigen) aus reicher Familie, erzogen nach dem vedischen System. 17 Jahre verbrachte er in einem Ashram und wurde dann zum Auftreiben von Spendengeldern nach Europa geschickt, wo er mit seinem freakigen Aussehen in einem Lada die Strassen unsicher machte.

Anschliessend verwirklichte er sich den Traum von der Farm. Er freut sich immer über Besuch , ist ein sehr interessanter Gesprächspartner und liebt Diskussionen über Spiritualität, Meditation oder einfach nur banale Dinge wie Marketing. Zum Mittagessen findet sich Chippie ein, der Chef der Küche. Er ist über 50, hat dichtes schwarzes Haar und einen ebensolchen Bart, was eigentlich gar nicht so richtig zu den knochigen 40 Kilo Lebendgewicht passt.

Aufgewachsen in einer Schuhmacherfamilie in Bangalore, hat er danach einen grossen Teil seines Lebens auf der Strasse verbracht, unter anderem auch in Kalkutta. Gelegenheitsjobs als Schuhmacher hielten ihn am Leben, ständige Alkoholexzesse löschten es jeweils fast wieder aus. So hat ihn Neville in der Farm aufgenommen, striktes Alkoholverbot verhängt und ihn als Koch und guten Kumpel eine Beschäftigung verschafft.

Zum Mittagessen gibt immer Reis und Dahl, einem faden Linsenbrei, dazu etwas verkochtes Gemüse und Papadam. Kein kulinarischer Höhenflug, aber ausgewogen und nahrhaft, da hier nur vegetarisch gegessen wird. Um diese Zeit ist es immer heiss, jedenfalls solange die Sonne scheint. Das Wetter kann sich innerhalt bon Minuten ändern. Dunst von den heissen, schwülen Städten der Ebene steigt auf, bedeckt mit bizarren Formen die umliegenden Gipfel, dringt durch die Fenster und Türen ein.

Es regnet selten, wenn dann heftig, so dass man fast gänzlich von der Umwelt abeschlossen ist. Oder auch nur ein bisschen, so dass es bei meiner Hütte kräftig runter schüttet und bei Nevil oben die Sonne scheint. Ich kann Stunden damit verbringen, draussen zu sitzen und das Spektakel der Wolken und des Lichtes zu verfolgen. Gegen Abend wird es kühl. Ich mache Feür im Ofen, ziehe meine Thermo-Kleidung an.

Mit dem Einbruch der Dunkelheit kommen die Vögel mit lautem Zwitschern von ihren Tagesausflügen zurück und setzen sich auf die Bäume nieder. Die Lichter der Dörfer und Städte in der Ebene werden sichtbar, der Mond erscheint und die ersten Sterne werden sichtbar. Eine Aussicht wie von einem Flugzeugcockpit im Landeanflug. Atemberaubend, mind blowing! Fledermäuse machen jagd auf Beute und fliegen im Abstand von wenigen Zentimetern um meinen Kopf.

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      "Toms Reisen" © by Tom Schaich