Small Navigation Tom
     


Im Bedford Truck den Karakorum Highway hoch


 
   

Impressionen aus Pakistan (6)

Zur Siegerehrung beweisen ein paar wagemutige Jungs von der pakistanischen Luftwaffe, dass die eigentlich keine Ahnung haben, wie man in einem Fallschirm oder mit einem Deltasegler von einem Berg springt und dann auch sicher landet. Der erste Fallschirmspringer segelt zum Ende des Polofelds und wird dann vom Schirm einige Meter über den Beden geschleift. Der zweite knallt aus gut zwei Metern auf den Hintern und muss weggettragen werden. Nummer Drei schwebt in eine Schar Zuschauer und wird dort von begeisterten Brüdern in Empfang genommen. Die Begeisterung lässt nach, als Deltasegler Nummer Eins nach ein paar hilflosen Steuerungsversuchen in die VIP-Tribüne knallt.

Von nun an rennt die Menge wild durcheinander, wenn ein Segler nur schon von weitem, im hilflosen Kampf mit der Aerodynamik, zu sehen ist. Ich komme mir vor wie beim Kamikazeangriff auf Pearl Harbour. Wenn die Deltas wenige Meter über den Köpfen der panischen Menge hinwegsausen, schreien die Muselmänner laut "Allah", raffen ihre Pijamas hoch und rennen noch schneller. Wir lachen Tränen, die Party hier ist wirklich erste Sahne. Am nächsten Tag spielt dann das B-Team aus den Städten Gilgit und Chitral. Es geht etwas gesitteter zu und her, das Publikum ist zahlreicher. Gilgit führt in der ersten Halbzeit 5:1.

Wir stehen auf dem Hügel mit den Chitralis, da sich die ganzen Blödmänner von Phandar auf der Gilgitseite eingefunden haben. Ja, und in der zweiten Halbzeit schiest Chitral dann acht Tore hintereinander. Wir schreien mit den Chitralis, die ihr Glück kaum fassen können, bei jedem Tor. Nach dem Sieg rennen wir mit aufs Feld und werden von der Polizei mit Stöcken und Schilden zurückgetrieben, nachdem wir die Chitrali-Reiter aus den Sätteln gehoben und durch die Menge getragen haben.

Nach drei Tagen auf dem Pass, Tag und Nacht mit Staub bedeckt, dass die Nase beim Atmen schmerzt und die Augen brennen, tagsüber der brennenden Sonne ausgesetzt, dass die Lippen aufspringen und bluten und meinen Magenproblemen bin ich so ausgelaubt, dass ich mich schnellstmöglich irgendwo erholen will. Wir kaufen günstig einen Platz auf der Bank einer Pickupladefläche,hüllen uns in Tücher und treten die staubige Fahrt nach Chitral an.

Frust in Chitral

Zehn Tage ohne vernünftiges Essen und sauberes Wasser und der ständige Durchfall haben das letzte Stückchen Energie aus mir herausgepumpt. Ich kann mich kaum mehr auf den Beinen halten, der Rucksack scheint Tonnen zu wiegen. Chitral interessiert mich nicht, ich will nur eine Dusche und ein Bett und das möglichst schnell. Das von Jacoob empfohlene Guest House ist der übelste Punjabi-Treff den ich je gesehen habe. Die nächsten 24 Stunden schlafe ich sozusagen durch, schütte dazwischen literweise Dehydrationsflüssigkeit mit Supradyn in mich hinbein.

Am nächsten Tag gehe ich ein bisschen durchs Dorf. Die Hektik macht mir zu schaffen und die Leute nerven mich in dieser Stimmung nur. Da sind wir ja ganz schön in der Scheisse. Ein langweiliger Ort, meine Darmflora am Arsch, Tony mit einer Infektion am Fuss und keine Aussicht auf Besserung. Das muss der Reiseblues sein, an einem abgelegenen Ort, umgeben von kahlen Bergen, keine Leute, die wir kennen, ein beschissenes Hotel. Und zu Hause Sommer, Grillparties, Jazz-Festivals und lauschige Abende in den Strassencafes von Basel, bevor man sich in einem trendigen Club ein paar Biere reindrückt und dann abshaked. Was mach ich denn in diesem verfluchten moslemischen Pakistan?

Die nächsten Tage verbringen wir im Hotelzimmer, schlaff, müde, demotiviert, kraftlos und unentwegt rauchend. Ein Trip zu den dunkeln Seiten des Reisens. Draussen ist es verdammt heiss, die Punjabis machen ununterbrochen Lärm. Ganze Gruppen treffen laufend von Shandur ein, bleiben ein bis zwei Tage und gehen dann zu den lustigen Leuten von Kalash weiter. Die Rumreiserei macht mir definitiv keinen Spass mehr und einen wirklich schönen und interessanten Platz, wo man einen Monat abhängen kann, scheint es in den Northern Aereas nicht zu geben.

Ziemlich enttäuschend alles hier. Ich will sauberes Essen, nette Leute und ein Paltz zum Abhängen. Chitral ist es definitiv nicht. Nach vier Tagen Gefängnis schleppen wir unsere alten Knochen ins Chinnar Inn und beziehen einen schönen Raum mit lauschigem Garten davor und verlassen unsere neue Oase der Ruhe kaum mehr. Bis auf meine Besuche im alten Fort, das schon ziemlich ramponiert unter riesigen Bäumen über dem Fluss steht. Der Zutritt ist zwar verboten, ein Wächter lässt gegen Abend aber immer das Tor offen und grüsst mich bei meinen Besichtigungen immer herzlich.

Wenn sich die Sonne senkt und golden durch die Bäume glitzerd, ist das Licht im Fort besonders schön. Die alten, teilweise zerfallenen Maürn scheinen wieder lebendig zu werden, die Mannschafts- und Offiziersunterkünfte werden mit Licht durchflutet, auf den mächtigen Bäumen tauschen tausende von Vögeln in einem ohrenbetäubenden Konzert die Neuigkeiten des Tages aus, davor donnert das milchige Gletscherwasser den Fluss runter. Der Geist des alten Forts lebt immer noch.

weiter

[ 1 ] [ 2 ] [ 3 ] [ 4 ] [ 5 ] [ 6 ] [ 7 ]

 

 

 

     



 

 

      "Toms Reisen" © by Tom Schaich