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Im Bedford Truck den Karakorum Highway hoch


 
   

Impressionen aus Pakistan (5): Polo auf dem Shandurpass

Szenenwechsel. Dass wir den Pass erreicht haben, realisieren wir zuerst gar nicht. Wir fahren durch eine lange, breite Ebene, umgeben von Bergen, ein Blechschild sagt uns, dass wir auf dem 3800 Meter hohen Shandurpass angelangt sind. Nach wenigen hundert Metern gelangen wir zum Poloplatz, genau auf der Grenze zwischen den Distrikten Gilgit und Chitral, wie auch der Grenze zwischen dem von Pakistan administrierten Teil von Kashmir und dem eigentlichen Mutterland.

Letztes Jahr mussten aus diesem Grund die Spiele infolge Grenzgefechten mit Indien abgesagt werden. Die Situation, die wir dort vorfinden, kann am ehesten mit einem unkontrollierten Flüchtlingslager verglichen werden. Auf einer Fläche von eniem guten Quadratkilometer stehen in einem wilden Wirrwarr mehrheitlich UNHCR-Zelte. Die verkaufen die Afghanis günstig in ihren Flüchtlingslagern an der Grenze, weil sie längst in bessere Behausungen umgezogen sind. Zwischen den sandfarbenen Dächern hat sich eine Heerschaar von Restaurantbesitzrn und Händlern angesiedelt.

Clevere Geschäftsleute haben mit Kieselsteinen Mauern gebaut, diese mit Tüchern bedeckt, den Innenraum mit Teppichen und dicken Kissen ausgelegt und bieten in der behaglichen Atmosphäre süssen Tee feil. Ein bisschen weiter schneidet der Metzger einem Rind mit einem grossen Messer die Kehle durch und häutet es dann zwischen zwei Pfosten aufgespannt. Die Gemüse- und Früchtehändler werden nicht müde, den allgegenwärtigen Staub von ihren Wassermelonen, Mangos, äpfeln, Aprikosen, Pfirsichen und Pflaumen abzuwischen. Der Barbier rasiert seine Kunden vor einem Kieselsteinhaufen, an dem ein Spiegel befestigt ist, als ob er das schon immer so gemacht hätte. Köche bereiten in riesigen Kübeln auf mächtigen Feürn unmengen von Ziegencurry und Rindfleisch mit Kartoffeln zu. Ein Alptraum für Vegetarier.

Sogar ein kleiner Bazar hat sich etabliert, an dem es von Wolldecken, Zeltblachen und Kerosinlampen über Billigschmuck, Hankampfwesten und geschmuggelten Afghanteppicken bis zu Küchenuhren und Teetassen alles zu kaufen gibt. Überall brausen Jeeps durchs Gelände und wirbeln dicke Staubwolken auf. Mitten in diesem Chaos stehen wir ohne Zelt, Jeep und Schlafsack und haben wieder mal keinen Plan. Wir schauen uns in diesem Durcheinander ein bisschen um. Hier scheint es weder Campingaufsicht, Marktkommission noch Strassenpolizei zu geben. Schon bald locken uns clevere Chitralis in ihre "Hotels", die meistens aus einem rissigen UNHCR-Zelt mit Plache am Boden und einer dicken Decke drauf bestehen. Wir sichern uns einen Schlafplatz für knapp einen Franken und überlassen dort unsere Rucksacke dem Schicksal. Erst mal raus aus dem Wildwestcamp.

Etwa einen Kilometer entfernt sitzen wir schon in absoluter Stille an einem dukelblauen Bergsee, die Ufer mit saftig grünem Gras bewachsen, dahinter Teppiche von kleinen gelben Blumen mit mächtigen Kieselsteinen dazwischen. Hinter dem See erheben sich mehrere Sechstausender, mittendrin der imposante weisse Gipfel des 6500 Meter hohen Bunizom. Wir können uns von diesem Anblick nichs losreissen, kehren immer wieder zurück, um das Spiel des Lichts an den Felswänden zu verschiedenen Tageszeiten zu beobachten. Diese entdlosen Weiten hatten für mich aber einen gewaltigen Nachteil. Ich hatte Durchfall, Toiletten gab es nicht, Wasser nur an wenigen Stellen und geschützte Plätze wie Felsen oder Kieselsteinmaürn waren kilometerweit entfernt. So legte ich täglich, mit einer Wasserflasche unter dem Arm eine gawaltige Strecke zurück, immer in Konkurrenz mit den Pakistanis, die in gleicher Absicht unterwegs waren.

Nach einer einigermassen angenehmen aber arschkalten Nacht im staubigen Zelt steht uns das erste Plolspiel bevor. Das Spiel soll von Dschengis Kahn erfunden worden sein, der seinen siegreichen Reitern erlaubt haben soll, mit den Köpfen der Feinde rumzukicken. In einer leicht abgeänderten Form nennt sich das in Pakistan Freestyle-Polo und wird in den afghanischen Flüchtlingscamps noch mit Ziegenköpfen gespielt. Hier in Shandur wird natürlich ein Ball verwendet, schliesslich erwartet man General Pervez Musharraf, Aga Khan und die ganze Snobiety aus dem Punjab. Seit über fünfzig Jahren treten auf dem höchsten Pologround der Welt Teams auf Gilgit und Chitral gegeneinander an, obwohl Gilgit bis auf wenige Ausnahmen immer gewinnt.

Zuerst spielen Mannschaften aus zwei Dörfern gegeneinander. Zwei mal sechs wilde Burschen auf nervösen Pferden, die nur aus Muskeln zu bestehen scheinen. Im Hemd und Jeans, ohne irgendwelchen Schutz, jagen die Reiter, ihre Schläger mit dem langen Stiel schwingend über das Feld, versuchen mit aller Gewalt an den Ball zu kommen. Alles ist erlaubt, das spiel wird nicht unterbrochen. Ein Spieler kann sein Pferd nicht stoppen und reitet in Publikum, ein anderer wird von seinem Pferd überrollt und danach weggetragen. Scheisegal. Ein jeder will hier pakistanischer Held werden und dann in den Westen ziehen. Dennoch ist es schier unglaublich, wie diese Burschen reiten können. In der zweiten Halbzeit dann liefern sich die Kontrahenten mehrere staubige Scharmützel in grossen Gruppen. Reiter und Pferd haben sich zuvor etwas verausgabt. Gilgit gewinnt schliesslich, der beste Torschütze reitet solange mit erhobenem Stock im Galopp übers Feld, bis ihm keiner mehr zuschaut.

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"Toms Reisen" © by Tom Schaich