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Im Bedford Truck den Karakorum Highway hoch


 
   

Impressionen aus Pakistan (4): Jaglot

Gegen drei Uhr morgens gehts weiter. Der Himmel ist voller Sterne, die dünne Sichel des Mondes wirft ein schwaches Licht auf den Indus tief unter uns und die gewaltige Kulisse der Berge. Traum oder Wirklichkeit? Die Luft ist warm, die weite der Berge scheint unendlich. Habe ich jemals so etwas erlebt? Es wird heller, die Sonne wirft ihre ersten Strahlen auf die Gipfel der umliegenden Sechstausender, schnell wird es wärmer.

Wir Frühstücken ausgiebig und danach wirds verdammt heiss auf dem Dach. Ich wickle meinen Kopf in einen mächtigen Turban und versuche, mich so wenig aols möglich zu bewegen. Das bisschen Fahrtwind ist brennend heiss. Die Täler werden breiter, kaum Vegetation, Geröllwüste, ich habe das Gefühl, wir kommen nicht vom Fleck. Ständig muss der Motor mit Waser übergossen werden, ich trinke ununterbrochen Wasser, weil es nichts anderes gibt, dass milchig graue Flusswasser direkt aus dem Indus. Wir werden von einer Polizeipatrouille angehalten.

Die Typen spielen sich mächtig auf, erzählen mir, dass es verboten sei, auf dem Dach mitzufahren. Meine Halskette mit dem Meteoriten von Bibi und den Fingerring mit dem Rubin gefällt ihnen aber ganz gut. Wenn ich ihnen beides überlassen würde, könnten sie noch mal ein Auge zudrücken, sonst müsste ich hier mitten in dieser unwirtlichen Steinwüste bleiben. Ich werde ziemlich sauer. Hab schon viel von der korrupten Polizei Pakistans gehört, einem Überbleibsel vom gestürzten Backshish-Spezialisten Nawaz Sharif. Ich erkläre ihnen, dass ich lediglich das voll und ganz geniessen möchte, was Allah dem Volk von Pakistan geschenkt hat und wenn Allah will, wird er mich auch sicher ans Ziel bringen. Inshallah, nennt sich das. Die Bullen schauen mir tief in die Augen, lächeln und sagen, ich solle mich aus dem Staub machen. Ich wische mir den Schweiss von der Stirne und klettere hurtig zurück in einen Adlerhorst.

Gegen Abend lässt die Kraft der Sonne endlich ein bisschen nach, das Licht wird weicher und lässt die umliegenden Berge in allen Farben erscheinen. Ich habe gerade "The Dark Side of the Moon" von Pink Floyd in den Walkman geschoben und einen Spliff in den Fingern, als wir die Spitze einen Passes erreichen. Auf der anderen Seite breitet sich eine Szenerie vor mir aus, die mir den Atem stocken lässt. Ein kilometerlanges, breites und kahles Tal, der Indus, der sich gut 50 Meter tiefer senkrecht durch den Felsen gefressen hat und sich bis zum Horizont schlängelt. Und dahinter der gigantische, 8600 Meter hohe schneebedeckte Gipfel des K2, des zweithöchsten Berges der Welt.

Weitere Schneegipfel, alle um die 7000 Meter vervollständigen das Panorama Richtung Osten. Ich drehe den Kopf und neben mir erhebt sich in einer Distanz von etwa 20 Kilometern der gigantische 8100 Meter hohe Nanga Parbat, dem sogenannten Killermountain, im Abendlicht. Der Himmel ist nach wie vor stahlblau, eine Herde von Schäfchenwolken gibt den nötigen Kontrast um die Szenerie absolut einmalig zu machen. Ich kann mein Glück kaum fassen.

Alles ist perfekt. Ich stehe auf dem Dach, aus den Kopfhörern klingt "For long you live and high you fly and smiles you'll give and tears you'll cry, and all you touch and all you see is all your live will ever be", ich schreie ins Tal und habe Tränen in den Augen. Wir driften eine gute Stunde durchs Tag. Die Sonne senkt sich immer mehr. Unser Bedford ist das einzige Fahrzeug in der ganzen Umgebung, kilometerweite Einöde. Die Berge erscheinen nun in einem satten Orange, die Schneegipfel leuchten richtiggehend, die Wolken sehen aus wie glühende Kohlen. Es lässt sich in Worten nicht beschreiben, was ich in diesem Augenblick fühle. Ich kome mir in diesem riesigen Tal unendlich klein vor und fühle, wie unendlich gross die Schöpfung ist. Noch Stunden nachher bin ich vollkommen benommen von diesem Erlebnis und habe das Gefühl, auf dem Höhepunkt meiner Reise zu sein.

In Jaglot angekommen, nach 38 Stunden Fahrt durch eine Märchenwelt, will mich Taj Mohammad überreden, nach Skardu mitzufahren. Ich würde nicht auf der Welt lieber tun, aber Morgen wartet Tony auf mich in Gilgit. Taj hat während der ganzen Fahrt alles Essen und sämtliche Getränke bezahlt. Ich will ihm wenigstens 200 Rupees dafür geben, er lehnt aber jegliche Bezahlung strikte ab. Wir umarmen uns brüderlich. Allah sei mit dir, lieber Taj, assalam aleikum.

Ich sitze im Restaurant am Highway, es ist mittlerweile Nacht geworden, niemand scheint um diese Zeit mehr nach Gilgit zu fahren. Ich unterhalte mich ausgezeichnet mit einer Gruppe von Fahrern und Händlern aus dem Norden. Sie überreden mich, auf einer Pritsche auf dem Dach des Restaurants zu übernachten und morgen früh mit dem ersten Transporter weiterzureisen. Wir diskutieren auf unserem luftigen Lager unter dem Sternenhimmel noch lange in die Nacht hinein und die Männer versuchen mich zu überzeugen, dass ich mit meiner Einstellung, trotz meiner Unkenntnis des Arabischen und des Korans, ein echter Muslim bin. Mit dem Argument, dass ich keine Frau zum Einsperren habe, kann ich mich aus der Affäre ziehen. Frühmorgens wird mir ein Transporter organisiert, der mich nach kurzer Fahrt nach Gilgit bringt.

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      "Toms Reisen" © by Tom Schaich