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Im Bedford Truck den Karakorum Highway hoch


 
   

Impressionen aus Pakistan (2): Besham

Dort beginnt mein eigentlicher Plan. Ich will von diesem wichtigen Ausgangspunkt zur Durchquerung des Himalayas, auf dem Karakorum Highway, mit einem Truck nach Gilgit hoch fahrten. Aber nicht in einem gewoehnlichen Truck. Es soll einer dieser atemberaubend schönen und kunstvoll verzierten alten Bedford Trucks sein, die es in dieser Variante nur in Pakistan gibt. Auf den ersten Teilerfolg meiner Reise gönne ich mir zuerst mal ein nettes Hotelzimmer und ein feines Nachtessen.

Durch die Hitze und Nervosität kann ich kaum schlafen, stehe um 5 Uhr auf, packe den Rucksack, stelle mich an die einzige Tankstelle und warte. Bis mir der Stoffhändler von nebenan einen Stuhl und Getränke anbietet und wir angeregt diskutieren. Dazwischen studiere ich das Leben auf den Strassen von Besham. Ein staubiges Nest, dass fast nur aus einer einzigen Strasse besteht, dem Karakorum Highway eben, der hier aber gar nicht so grossartig und sagenumwoben aussieht, wie sein Name klingt. Einige Waffenlaeden, in denen es von der Kalashnikov bis zur AK-47 alles zu kaufen gibt, vis-à-vis das Regionalbüro der Mujahideen. Waffenhändler und Terroristen grüssen freundlich. Also nichts zu befürchten. Dafür kein Truck weit und breit.

Im Stoffladen gehen die Leute ein und aus. Nicht, um etwas zu kaufen, sondern um ein bisschen zu plaudern und einen Chai zu trinken. Nach und nach lerne ich das halbe Dorf kennen. Die meisten davon Händler, die an dieser strategisch wichtigen Position Geschäfte mit Schmuggelware aus China betreiben. Ältere, würdevolle und gebildetete Herren, die nie müde werden Fragen zu stellen, interessiert meinen Erzählungen zuhören und meine Ansichten zum Thema Religion und der sozialen Entwicklung im Westen mit Erstaunen aufnehmen. Was aber partout keiner begreifen will ist, warum ich mit einem dieser museumsreifen Trucks die alte Seidenstrasse hochfahren will. Da gibt es doch ausgezeichnet gefederte, gepolsterte, klimatisierte und vor allem schnelle Tourbusse. Die Herren wollen mir sogar das Geld für die Fahrt im Bus geben. Auch die Erklärung, dass ich eine Fahrt in einem Lastwagen viel schöner finde, hilft nichts. Mir bleibt nichts anderes übrig, als eine Geschichte zu erfinden, die meinen Entschluss bekräftigt.

Also erzähle ich, dass mein Vater ein alter Lastwagenfahrer sei und ich schon als Kind ueberall hin mitgefahren sei. Als ich dann beschloss, nach Pakistan zu reisen, musste ich meinem Vater versprechen, den Karakorum mit einem der weltbekannten Bedfords zu befahren. Die Männer mit den grauen Bärten beginnen zu strahlen, umarmen mich, schuetteln mir die Hände, klopfen mir auf die Schulter oder haben Tränen in den Augen. Da habe ich vielleicht etwas zu dick aufgetragen. Das Versprechen gegenueber dem eigenen Vater ist hier sowas wie heilig. Jedenfalls beginnen heftige Diskussionen auf Urdu. Anschliessend werden Boten zu allen Reparaturwerkstaetten, Transportfirmen und zur Tankstelle gesandt, mit der Mitteilung, dass jemand unter allen Umständen mit einem Truck nach Gilgit muss, und jeder Truckfahrer nach dem Zielort gefragt werden soll.

Mittlerweile sitze ich im Hotel des hiesigen Fürsten, dem ganze 20 Busse, 5 Hotels, 2 Trucks und die regionale Pepsi-Vertretung gehört und werde wie ein hoher Gast bewirtet. Ab und zu kommt ein Chauffeur vorbei und sagt, dass er zwar nicht nach Gilgit fahre, mich aber trotzdem mitnehmen möchte. Es scheint wie verfllucht an diesem Tag, niemand scheint nach Gilgit zu fahren. Die Stunden vergehen. Draussen verlässt ein Bus nach dem anderen Besham in die gewünschte Richtung. Ich denke daran, dass ich in zwei Tagen oben sein muss, um mich mit Tony zu treffen. 20. Juli um 11 Uhr vor dem Postamt in Gilgit, meine einzige Chance, den China-Trip gemeinsam zu machen. Nun kann ich aber nicht plötzlich sagen, dass ich trotzdem den Bus nehme, was wäre dann mit dem vermeintlichen Versprechen gegenüber meinem Vater? Scheissstory. Ich warte geschlagene acht Stunden bis ein rundlicher, bärtiger Chauffeur in schmutzigen Shalwar Quamiz auftaucht und sagt, dass er bis Jaglot hochfährt. Von dort sind es nur noch 50 km bis ans Ziel!

Ich badanke mich bei allmeinen Gastgebern und Helfern, schnappe mein Gepäck und stehe vor "meinem" Bedford, farbig bemalt mit Blumen, Adlern, Raketen, behangen mit hunderten von klimpernden Ketten, Fähnchen, Spiegeln und Metallplättchen. Das Führerhaus aus reichverziertem Holz, Schnitzereien im alten pakistanischen Stil. Oberhalb der Führerkabine befindet sich ein mächtiger Ausleger aus Holz, der reichverziert, wie ein Dach bis über die Motorhaube in den Himmel hochragt. In diesem Ausleger ist genügend Platz für einen blinden Passagier, so klettere ich die Kabine hoch und beziehe auf etwa vier Metern Höhe meinen fahrenden Adlerhorst. Mit dicken Decken bereite ich mir ein aeusserst gemuetliches Lager in luftiger Hoehe mit 360 Grad Ausblick. Es kann losgehen!

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      "Toms Reisen" © by Tom Schaich