Bangkok, Dezember 2001

Liebe Freunde

Für den Schnelleser möchte ich gleich vorwegnehmen, dass wir unser Projekt endlich realisiert haben und dass wir für die Weiterführung des Kinderheims Spenden benötigen. Am Ende dieses Artikels befinden sich alle notwendigen Angaben. Wer ein bisschen mehr Zeit hat, dem möchte ich nachfolgend erklären, was seit der ersten Idee vor einem Jahr alles passiert ist:

Begonnen hatte die Geschichte letzten Dezember mit dem Gedanken, möglichst vielen Kindern einen kostenlosen Schulunterricht anzubieten. Viele Bedingungen waren zu erfüllen, eine davon war, das Geld so schnell als möglich vorzuweisen um eine Bewilligung zu erhalten. Die Reaktionen auf den Spendenaufruf in die Schweiz waren überwältigend, das Projekt sehr schnell finanziell abgesichert. Der einzige Haken war, dass die verantwortliche Behörde plötzlich nur noch Probleme sah. In China kann es Jahre dauern, bis man eine Bewilligung für eine Schule bekommt, soviel Zeit hatte ich aber mit fremden Geld in den Händen nicht und so musste eine andere Lösung gesucht werden, da ich die ganze Geschichte nicht einfach so vergessen und das hier dringend benötigte Geld in die Schweiz zurücksenden wollte.

Wir entschieden uns, während unserer ersten Reise in Merhabas Heimatort Hulja, während der wir völlig unerwartet nach muslimischer Tradition getraut wurden, den Familienmitgliedern von unserem Vorhaben zu erzählen. Unser Hilferuf führte zu langen Diskussionen, bei denen es um bestehende Projekte drehte, die man unter Umständen unterstützen könnte. Zwei davon schauten wir uns gemeinsam an und fanden, dass sich dort jemand selber verwirklichen möchte. Das Geld sollte sinnvoller eingesetzt werden. So setzten wir uns wieder in der Küche der Eltern zusammen und versuchten, erst mal genau zu definieren, welche Art von Kindern eigentlich unterstützungswürdig sind. Obwohl mittlerweile sozialistisch organisiert, leben die Uyguren in Xinjiang nach wie vor in einer Art Clan-System. Dabei kann es vorkommen, dass eine Familie eines gutsituierten Clans in existentielle Schwierigkeiten gerät, weil zum Beispiel der Ernährer und Vater einer fünfköpfigen Familie plötzlich verstirbt, wie es in Merhabas Clan schon der Fall war. Alle angehörenden Familien helfen dann gemeinsam, für die Hinterbliebenen Haus, Arbeit und Schulausbildung zu organisieren. Seit Jahren nimmt unsere Familie jeweils ein Kind einer solchen Familie bei sich auf und ermöglicht so die Schul- und Berufsausbildung. Nun gibt es aber vor allem auf dem Land Clans, die finanziell nicht so gut dastehen und die in Not geratene Mitglieder nur knapp durchfüttern können. Für Schule und Ausbildung bleibt da nichts mehr übrig, die Zukunft einer Familie ist damit für immer verbaut. Oft haben die Kinder nicht einmal eine Geburtsbescheinigung, ohne die sie weder in einer Schule aufgenommen, noch in einem staatlichen Betrieb angestellt werden. Sie existieren offiziell nicht einmal. Eine Heirat in bessre Verhältnisse ist in einer solchen Situation aussichtslos, der Kampf um die Existenz beginnt. Da gibt es kein soziales Auffangnetz mehr, nur noch Armut. Besonders schlimm davon betroffen sind die Kinder, die um eine grundlegende Ausbildung beraubt werden und sich ihr tägliches Brot selber erarbeiten müssen. Dieser Art von Kindern wollen wir helfen, das steht fest, aber nur wie?

Ein neues zu Hause in einer grossen Familie sollten sie bekommen, wo sie sich sorgenlos auf die Schule konzentrieren könnten. Danach sollten sie in der Lage sein, eine Arbeit finden zu können, die das Einkommen für die ganze Familie sichert, was längerfristig dem ganzen Clan zu gute kommt. Oft gingen diese Kinder in der Vergangenheit unregelmässig zur Schule und haben so Mühe, dem Unterricht zu folgen. Eine gute Betreuung der Kinder würde somit ein wichtiger Bestandteil sein. Ich habe die Idee, irgendwo ein Haus zu mieten, mehrere Kinder aufzunehmen, von erfahrenen Personen betreuen zu lassen und in die staatliche Schule zu schicken. Der Vorschlag scheint vorerst für alle Sinn zu machen. Mein Schwiegervater Nurmuhemmet verspricht mir, die Machbarkeit abzuchecken, ein Budget aufzustellen und die Resultate in die Schweiz weiterzuleiten, wohin wir von meiner Familie eingeladen wurden. Nurmuhemmet schaut sich verschiedene Schulgegenden an und sucht nach geeigneten Gebäuden. Die Lokalitäten mit viel Raum, wie wir uns das vorgestellt hatten, waren nur weit weg auf dem Land zu haben und in der Nähe der Schulen waren die Mieten sehr hoch. Ausserdem plagte Nurmuhemmet nach wie vor der Gedanke, dass man mit dem Geld äusserst sparsam umgehen musste und dass die Person, die dem Haus vorstehen würde absolut vertrauenswürdig sein müsste.

Auf unserer wundervollen Hochzeitsreise in die Schweiz erfahren wir bei mehreren langen Telefongesprächen nach China mit Begeisterung, dass meine Schwiegereltern mit dem Gedanken spielen, das Kinderheim in ihren eigenen Räumlichkeiten einzurichten. Die Voraussetzungen könnten besser nicht sein. Meine Schwiegereltern sind beides erfahrene Physiklehrer der Mittelstufe, Vater Nurmuhemmet hatte sogar viele Jahre als Rektor einer Mittelschule gearbeitet und ist aus gesundheitlichen Gründen frühzeitig pensioniert worden. Er arbeitet nun nebenamtlich für einen Cousin Merhabas, dem eine Früchteplantage gehört, als Buchhalter. Dem Vater macht die Arbeit sichtlich Spass, er liebt es, mit dem Fahrrad durch die Stadt zu fahren um bei Behörden vorzusprechen, bei der Bank vorbeizugehen und Abends die Buchhaltung nachzuführen. Also Sohn eines ‘Helpe’, dem religiösen Oberhaupt einer Gemeinde, geniesst er Respekt in der ganzen Stadt. Ausserdem ist er ein leidenschaftlicher Handwerker, Gärtner und mittlerweile Grossvater, der Kinder über alles liebt. Mutter Sahibjamal ist der Boss für alles, was im Haushalt passiert und unternimmt gerne zwischendurch eine Reise nach Kasachstan oder Pakistan um Produkte einzukaufen, die sie in China weiterverkauft. All ihre vier Kinder sind bereits verheiratet, aus dem Haus und leben bis auf eines in der grossen Stadt. Die Eltern haben das Gefühl, dass mittlerweile alles Leben aus dem Haus gewichen ist und spielen mit dem Gedanken, das Haus zu verkaufen um eine kleine Wohnung mit Zentralheizung zu kaufen, weil die kleinen Öfen für Holzkohle im harten Winter mit zunehmendem Alter immer beschwerlicher am brennen zu halten sind. Die Zeit scheint exakt richtig zu sein, das Anwesen der Familie mit neuem Leben zu erfüllen und den Eltern die sehnlichst vermisste Grossfamilie zurückzugeben. Eigentlich hätten wir schon viel früher auf die Idee kommen sollen. Für unser Projekt besteht so die absolute Sicherheit, dass die Kinder in besten Händen sind und das Geld äusserst sparsam mit exakter Kontrolle verwaltet wird.

Wir stellen ein erstes Grobbudget auf und rechnen, dass wir zehn Kinder aufnehmen könnten, die von einer vollamtlichen Haushälterin und einer pädagogischen Fachkraft, die mehrere Stunden täglich bei den Hausaufgaben hilft und Nachhilfeunterricht erteilt, betreut werden. Dafür müssten fünf Räume im U-förmigen Gebäude neu hergerichtet werden: je ein Schlafraum für Mädchen, Knaben und die Betreuerinnen, eine Küche und ein Badezimmer. Die Kinder müssten dreimal am Tag vitaminreiches Essen bekommen, ein Bett zum Schlafen haben und regelmässig in einer guten Schule unterrichtet werden. Wir kalkulieren jedes Detail, holen Preise ein und stellen ein Budget für ein Jahr zusammen. Schnell merken wir, dass das vorhandene Geld aber nicht lange reichen würde, obwohl Nurmuhemmet sich entschlossen hatte, den ganzen Umbau der Gebäude auf seine eigene Kappe zu nehmen. Was sollen wir also tun?

Erst mal wollen wir eine Bewilligung für unser neuen Kinderheim einholen, denn nur so können wir sicher sein, dass das Projekt über viele Jahre störungsfrei läuft. Erstaunlicherweise geben sich die Behörden äusserst kooperativ, möchten aber die Finanzierung für zehn Jahre auf einem Bankkonto sehen. Eine gerechtfertigte Forderung, denn nur was Bestand hat, ist auch wirklich was Wert. Nur leider übersteigt das unsere finanziellen Möglichkeiten um ein Vielfaches und lässt unser Vorhaben somit sterben. Vater bringt es dann vergit, dass sich die Behörden einverstanden erklären, erst mal ein Jahresbudget für die Bewilligung zu akzeptieren, um uns so mehr Zeit zu geben, Geld aufzutreiben. Nun müssen wir uns definitiv entscheiden, denn wenn wir jetzt weitermachen, müssen wir bereit sein, das Kinderheim mindestens zehn Jahre seriös zu führen und Gelder dafür zu organisieren. Auch am Leben der Eltern wird sich einiges verändern und die Verantwortung für zehn Kinder zu haben wird sicher nicht einfach sein. Die Entscheidung ist eigentlich schon klar und wir beschliessen, wenn immer nur möglich, das Heim auf den 1. September, dem Beginn des neuen Schuljahrs zu eröffnen. Zuvor müssen wir aber erst mal das ganze Geld für ein Jahr zusammensuchen. Ich muss nicht lange bemühen, bis sich eine Bank bereits erklärt, einen grossen Brocken der benötigten Summe zu Spenden und der Rest wird mir von meiner Schwester vorgeschossen. Wir nennen das Projekt ‘Umid Oeyi’, was soviel wie ‘Haus der Hoffnung’ heisst.

Mittlerweile waren wir wieder zurück in China und hatten nicht nur alle Hände voll mit dem Kinderheim zu tun, sondern auch mit den Vorbereitungen für unser Hochzeitsfest und dem Umzug in die Schweiz und so blieb mir weder Zeit noch Kraft, die edlen Spender aus meinem ersten Aufruf über den neuen Zweck um Erlaubnis zu fragen oder mehr Geld mittels neuem Aufruf anzufragen. Das Geld wurde auf ein Konto in China einbezahlt, die Bewilligung erteilt und Nurmuhemmet schwang sich nunmehr täglich auf sein Fahrrad, um mit amtlichem Segen nach bedürftigen Kindern zu fahnden. Unzählige Kilometer radelte er auf holprigen Strassen übers Land, zuerst ohne genau zu wissen, was er schlussendlich vorfinden würde. Die Strategie war, zuerst im Personenstandsregister abzuchecken, welche Kinder nicht zur Schule gehen und dann mit beim Dorfältesten abzuklären, warum sie dies nicht tun. Abends warteten wir jeweils voller Spannung auf seine Rückkehr und diskutierten die einzelnen Fälle. Als wir Anfangs noch gedacht hatten, wir könnten nach bestimmten Kriterien klar entscheiden, wer das Recht hat, in unserem Heim zu leben, merkten wir bald, dass die einzelnen Fälle so unterschiedlich waren, dass wir uns schlussendlich nach unserem Gefühl entscheiden mussten. Die grausamste Aufgabe war dabei, in Not geratene Kinder abzulehnen, weil wir nahe Verwandte fanden, deren Pflicht es eigentlich wäre, sich um die Familie zu kümmern. In diesen Härtefällen konnten wir oft trotzdem helfen, indem wir mit Verwandten sprachen, Schulgeld bezahlten oder einen Rektor überredeten, das Schulgeld ganz zu erlassen.

In bisher acht Fällen haben wir uns entschieden, ein Kind für maximal zehn Jahre aufzunehmen, nachdem wir die Familienverhältnisse genau abcheckten. Nurmuhemmet ist erst mal müde vom vielen rumradeln und muss sich nun vor allem um die Organisation des Heims kümmern, bevor wir die zwei vakanten Plätze mit weiteren Kindern füllen können. Die Kindern treffen einzeln im Umid Oeyi ein, manche holen wir ab, andere werden von Verwandten gebracht, es fliessen viele Tränen. Anfangs verkriechen sich die meisten Kinder irgendwo, nach einigen Tagen jedoch ist ein tollender Haufen von drei Buben und fünf Mädchen zusammen, denen man kaum mehr ansieht, dass es ihnen kurz zuvor nicht so gut gegangen ist. Mit dieser Masse von Kindern, die an einem Ausländer äusserst interessiert sind, bin ich am Anfang ziemlich überfordert, finde aber bald heraus, wer welchen Namen trägt. Die Bande wächst mir schnell ans Herz und die wenigen Tage vor dem Start der Schule sind wir ständig zusammen beim Essen, Badminton spielen oder Pink Floyd hören. Das Experiment scheint in der ersten Phase gelungen zu sein und ich kann es kaum erwarten, die Entwicklung unserer Schützlinge mitzuverfolgen.

Nurmuhemmet schafft es sogar, für unsere beiden Kinder ohne Geburtsschein eine Registration zu erhalten, ohne die sie niemals ein normales Leben hätten führen können. Überzählige Kinder werden nämlich bei der Geburt nicht registriert, um einer Strafe zu entgehen. Der Schulausbildung der beiden steht nun nichts mehr im Wege und wir können den Erfolg kaum fassen. Beruhigt reisen wir erst mal zurück nach Urumqi, um ein rauschendes Hochzeitsfest nach Uygur-Sitte zu feiern, unsere Habseligkeiten in Kisten zu verpacken und zu verschiffen und einigen Abschiedsparties beizuwohnen. Die vierzehn Stunden im Bus zurück nach Hulja legen wir diesmal mit unserem Freund Jacob aus England zurück. Jacob begleitete mich im September 2000 während etwa zwei Wochen bis nach Urumqi, wo ich hängen blieb und von wo er nach Hause reiste. Dem Wahnsinnigen viel dann nichts besseres ein, als für unser Hochzeitsfest von Pakistan nach Urumqi über den Karakorum Highway mit dem Fahrrad zu radeln. Mit dem Trip lief es nicht so ganz wie geplant, er wurde ausgeraubt und hatte mit Erschöpfung zu kämpfen. So verpasste er das Fest und kam genau während der Abschiedshysterie in Urumqi an. Der Trip hatte ihm ziemlich zugesetzt, nicht nur weil er dafür zuvor fünf Monate in einer Spitalküche Teller abwusch, um genug Geld zu verdienen. Jakob beschloss kurzerhand, uns nach Hulja zu begleiten, um das Umid Oeyi mit eigenen Augen zu sehen und ein paar Tage unverfälschte uygurische Gastfreundschaft zu geniessen. Wir freuen uns, dass mein ‘alter’ Freund Jacob (es ist eigentlich schon erstaunlich, wie eine Zweiwochenbekanntschaft Spuren hinterlassen kann) soviel Interesse zeigt und dafür den harten Weg in Kauf nimmt. Dazu sind wir natürlich glücklich, unser Projekt dem ersten ausländischen Besucher vorstellen zu dürfen. Als wir im Haus ankommen, sind wir selber erstaunt, wie perfekt sich das Leben dort eingespielt hatte. Die Kinder stehen um sechs auf und gehen um sieben in die Schule, kommen am Mittag zurück, um bis fünf wieder zu lernen. Nach dem Nachtessen toben sich alle aus und setzen sich dann mit einer Mittelschullehrerin für Physik und ihrem Mann, einem Chinesischlehrer zusammen, die mittlerweile als Betreuer für unser Projekt gewonnen werden konnten. Obwohl alle immer noch in einem Provisorium leben, scheint sich niemand am engen Raum zu stören. Vater und Mutter schlafen getrennt mit den Knaben und Mädchen zusammen, sogar Jacob muss sich mit der Schlafstelle für Knaben begnügen, da kein freier Raum mehr zur Verfügung steht.

Vater ist mit der Planung des Umbaus des rechten Flügels beschäftigt und ist überzeugt, dass der Bau mit ein paar Arbeitern zusammen in wenigen Wochen fertig gestellt sein wird. Mutter hilft beim Kochen bis das Team zusammen mit der Haushälterin etwas besser eingespielt ist und rennt ständig zum Markt, um Bettzeug und Stoffe einzukaufen. Die beiden Frauen nähen und stopfen die Schlafmatten für die Kinder sogar eigenhändig, um Geld zu sparen. Alle sind so beschäftigt, dass wir kaum Zeit haben, alle Beteiligten zum Dank zum Essen einzuladen. Jacob ist begeistert von was er erlebt und sieht. Er bestellt bei Mutter eine Schlafmatte, da er findet, dass er noch nie auf etwas besserem geschlafen hatte. Mutter lehnt seine Bezahlung ab und als Dank dafür kauft Jacob für die Kinder etwa vierzig Bücher für die Einrichtung einer kleinen Bibliothek, selbstverständlich mit ein paar englischen Klassikern.

Der Abschied von zu Hause fällt nicht nur Merhaba schwer. Wir wissen nicht, wie lange es gehen wird, bis wir diesen Ort wieder besuchen können. Der Gedanke ans Umid Oeyi erfüllt uns aber mit der Freude, etwas Gutes getan zu haben, dass uns für immer mit diesem Stück Erde verbindet.

Wir haben aber noch viel mit unserem Projekt vor, nicht nur, dass nach wie vor zwei Plätze zu belegen sind. Ich habe bereits die Bücher für einen Englischkurs für Kinder gekauft und ein Freund von mir, ein ausgebildeter Englischlehrer, wird die Lektionen führen, sobald die Kinder sattelfest in der chinesischen Sprache sind. Zudem haben wir vor, den Kindern einen Computer zu kaufen, damit sie möglichst früh mit dieser Materie vertraut werden.

Für rund fünfzehntausend Franken haben wir ein komplettes kleines Kinderheim aufgebaut und eingerichtet und können ein Jahr lang für sämtliche Ausgaben aufkommen. Falls nichts aussergewöhnliches passiert. Alle weiteren Jahre werden dann erheblich günstiger sein, da wir die einmaligen Investitionen nicht mehr kalkulieren müssen. Obwohl mir dieser Betrag aus meiner jetzigen Perspektive enorm hoch scheint, erkenne ich beim Betrachten der einzelnen Details, dass wir für sehr wenig Geld etwas Beachtliches auf die Beine gestellt haben. Das wäre ohne die eiserne Sparsamkeit meiner Schwiegereltern und dem Ziel, alles einfach und zweckmässig einzurichten, nicht gelungen. Ganz und gar nicht gelungen wäre es, wenn nicht Ihr, die unermüdlichen Leser meiner Berichte, uns unter die Arme gegriffen hättet. Denn ohne Geld läuft auch in China gar nichts. Wenn ich jetzt wieder danach frage, hat das damit zu tun, dass ich das Budget für dieses Jahr ausgleichen muss und eventuell schon Geld für das nächste Jahr sammeln kann.

Ich verbürge mich wiederum persönlich, dass jeder Rappen sinnvoll und nur für die Kinder eingesetzt wird. Es gibt keinen Verwaltungsaufwand und keine Spesen. Wir erhalten vierteljährlich von meinen Schwiegereltern einen Buchhaltungsauszug, den ich bei Interesse gerne zeige. Mit Eurer Spende schenkt Ihr den Kindern eine solide Ausbildung mit der Aussicht auf eine gute Arbeit und der Chance eines besseren Lebens vieler Menschen, die diese Kinder einmal unterstützen können. Ich weiss, dass die schnöde Form des elektronischen Mails kaum die Art ist, wie man um Geld bittet. Ich bin aber nach wie vor in Thailand und verspreche, künftige Sammelaktionen etwas stilvoller zu gestalten. Sollte sich ein Spender der ersten Aktion mit dem Einsatz seines Geldes fürs Umid Oeyi nicht einverstanden erklären, werde ich das Geld zurückerstatten.

Im Namen der Kinder, meiner Schwiegereltern und meiner Frau möchte ich mich hiermit für all Eure Unterstützung bedanken. Ich wünschte, in Zukunft würden viele von Euch die Reise nach Hulja auf sich nehmen, um mit eigenen Augen zu sehen, warum ‘Umid Oeyi’ ‘Haus der Hoffnung’ heisst.

Spenden nehmen wir dankbar entgegen.Eine Adresse per e-Mail genügt und ich sende einen Einzahlungsschein per Post. Für Fragen stehe ich jederzeit per Mail und ab 15. Dezember auch wieder persönlich in der Schweiz zur Verfügung.

Tom

PS: In der Beilage sind ein paar Bilder der Kinder und des Heims.

Die Kinder:

Ramila, 9 Jahre alt. Vater und Mutter starben vor kurzem, beide bettelten bei den Metzgereien Innereien zusammen, kochten diese und verkauften sie auf der Strasse. Ramila wurde von der Grossmutter mit vier anderen Kindern betreut, ein Bruder der Grossmutter arbeitet in einer Fabrik und unterstützt die Kinder mit Essen. Ramilas Bruder ging nach Urumqi arbeit suchen uns ist seither verschwunden.

Zileybue, 15 Jahre alt. Ihre Mutter starb vor 9 Jahren, ihr Vater erst vor kurzem. Sie hat drei Brüder, die nie eine Schule besucht haben und als Bauern arbeiten. Zileybue musste im Haus der drei Brüder hart arbeiten, Zeit für die Schule blieb dabei nicht. Zileybue schien bei ihrer Ankunft stark depressiv zu sein, ihr Zustand hat sich aber erheblich gebessert.

Seidullam, 14 Jahre alt. Sein Vater starb vor 12 Jahren, seine Mutter verkauft illegal Kleinwaren auf dem Markt. Die Mutter erhält keine Unterstützung vom Staat, das Geld reichte knapp fürs Essen. Seidullam konnte sich ohne Bücher und mit viel Cleverness durch die Primarschule schlängeln, für die Mittelschule fehlt das Geld. Seidullam arbeitete bereits auf dem Markt, um sich Kleider kaufen zu können.

Mewlan, 11 Jahre alt. Sein Vater starb vor 9 Jahren, die Mutter ist gehbehindert und kann das Haus, das in einem erbärmlichen Armenviertel gelegen ist, nicht mehr verlassen. Seine beiden älteren Geschwister verdienen zwischendurch ein paar Yuan mit Brotbacken, Mewlan arbeitete als Schuhputzer, um sich sein Essen und das Schulgeld selber zu verdienen.

Nijat, 8 Jahre alt. Sein Vater war jahrelang Heroin abhängig und ist wahrscheinlich gestorben, die Mutter ist seit der Scheidung nicht mehr auffindbar. Nijat wurde von einer Tante grossgezogen, die bereits 4 Kinder betreuen muss. Das spärliche Einkommen des Onkels, der als Maurer arbeitet, reichte knapp fürs Essen. Er hatte keine Geburtsurkunde und besuchte nie eine Schule.

Mihriguel, 11 Jahre alt. Ihr Vater starb vor 3 Jahren, ihre Mutter leidet an einer schweren Nierenkrankheit und wird bald sterben. Die Familie erhält eine kleine Unterstützung vom Staat, welche aber nur fürs Essen reicht. Ein Grossvater unterstützt die Familie regelmässig mit Mehl. Mihriguel konnte zwischendurch die Schule besuchen, wenn das Schulgeld erlassen wurde. Nach dem Tod ihrer Mutter hätte sie keine Chance mehr.

Guelmira, 9 Jahre alt. Die Chinesin wurde von einer uygurischen Familie als Kleinkind auf den Strassen Pekings gefunden und nach Hulja mitgenommen. Der Stiefvater starb kurz darauf, die nervenkranke Stiefmutter lebt mit einem neuen Mann zu, der über 70 und schwer krank ist. Guelmira hatte nie zuvor eine Schule besucht.

Gimenguel, 14 Jahre alt. Innerhalb von zwei Jahren starben ihre Mutter und ihr Vater. Ein älterer Bruder wollte in Urumqi versuchen zu arbeiten und ist seither verschollen. Bisher passten die Nachbarn auf Gimenguel auf und sie konnte zwischendurch die Schule besuchen. Keine weiteren Familienangehörigen auffindbar.

Leben im Umid Oeyi:

Morgenessen in der Küche um 6.30 Uhr. Jeden Tag werden Berge von Nan-Brot und Milchtee verschlungen.

Die ganze Bande zusammen vor dem Umid Oeyi, mit Vater Nuermuhemmet und Mutter Sahibjamal.

Chillies für den langen Winter werden vor dem Umid Oeyi getrocknet.