Bombay, 19. Februar 00

MAGIC HAMPI

Hallo Leute

Mittlerweile bin ich schon in Bombay angekommen und Hampi, dieser magische Ort ist eigentlich schon Geschichte. Die Erlebnisse dort haben aber meine Reise so nachhaltig geprägt, dass ich die vier Wochen Aufenthalt dort mein Leben lang nicht vergessen werde. Es sind viele kleine Erlebnisse, ausserordentliche Spots und interessante Leute, die ausschlaggebend waren, die ich aber in diesem kurzen (sorry, für mich mittlerweile kurzen) Bericht schwerlich wiedergeben kann. Hampi muss man erlebt haben. Ich werde aber trotzdem versuchen, Euch kleinen Eindruck davon zu vermitteln.

Die gut zehn Stunden Busfahrt von Goa nach Hampi in Karnataka waren ein Alptraum. Was sich eigentlich 'Sleeper-Bus' nannte, war in Wirklichkeit ein klappriger Kaninchenstall auf Rädern und darin wurde ich auf meiner handtuchgrossen Pritsche die ganze Nacht von der Hinterachse malträtiert. In Hampi angekommen fühlte ich mich wie frisch überfahren, kombiniert mit einer Sinusitis und einem hartnäckigen Husten muss ich ein jämmerliches Bild abgegeben haben. Egal, hauptsache ich bin endlich an dem Ort, wo mir so viele Leute davon erzählt haben, ich mir aber dennoch kein Bild davon machen konnte. Hampi oder Vijayanagar war einmal die Hauptstadt des grössten hinduistischen Reiches Indiens. Im 16. Jh. lebten dort gegen eine halbe Million Leute und ein Heer von einer Million Söldner soll das Reich von den bösen Muslimen beschützt haben. Dieses Zentrum des internationalen Handels wurde aber trotzdem 1565 von einer Horde Sultane mit Begleittrupp geplündert und in einem gewaltigen Blutbad weitgehend zerstört. übriggeblieben sind gegen tausend Einwohner, unzählige beeindruckende Ruinen von Tempel- und Befestigungsanlagen, die von der UNESCO zum Erbe der Menschheit erklärt wurden und eine Landschaft, die auf dieser Erde wahrscheinlich einzigartig ist. Am auffälligsten sind sicher die unzähligen Hügel, aufgeschichtet aus gigantischen kieselsteinförmigen Felsen, die je nach Sonneneinstrahlung rötlich, golden oder ockerfarben scheinen. Was aussieht, als habe der Gott Hanuman zwischendurch mal mit Steinen gespielt, ist wahrscheinlich durch die Bewegung eines gewaltigen Gletschers aus der Eiszeit entstanden. Andere meinen, es sei ein gewaltiger Fluss gewesen, wieder andere machen einen Meteoriten für die Form und Anordnung der Steine verantwortlich. Wie dem auch sei, der Anblick ist atemberaubend und ich komme mir vor wie eine Ameise in einem ausgetrockneten Flussbett. Weit und breit stöhrt keine Siedlung und keine Strasse die Szene, deshalb ist es an fast allen Stellen absolut still und ruhig.. Die Hügel liegen auf einer riesigen Ebene, die fast ausschliesslich mit Reis bepflanzt wurde, dazwischen sieht man Kokospalmehn, Wälder aus Bananensträuchern und Flüsse, die das karge Land mit genügend Wasser versorgen. In den wenigen Siedlungen der Reisbaürn findet ein Leben wie vor 2000 Jahren statt. Büffel und Ochsen sind die Maschinen, Hände und einfache Hacken die Werkzeuge. Fraün in bunten Saris setzen mit gebäugtem Oberkörper in langen Reihen sindend die Setzlinge, während die Männer im benachbarten Feld mit mehreren Ochsengespannen hintereinander das Feld pflügen. Ich möchte den Ausdruck nicht schon wieder verwenden, aber hier siehts wirklich aus wie im Paradies!

In Hampi angekommen, machen wir uns erst mal auf die Suche nach einer Unterkunft und überqüren in Hampi den Fluss mit einer Fähre, die aussieht wie ein überdimensionierter Einkaufskorb aus Bambus. Am anderen Ufer, gleich neben den Reisfeldern, befinden sich dann ein paar wenige Güsthouses. Viele Traveller, es ist schliesslich kurz nach Neujahr, sind wie wir auf der Suche nach Unterkunft. Aber sogar die einfachsten Hütten aus Kuhscheisse mit Strohdach und ohne Bett sind restlos ausgebucht, von netten Zimmern mit Bad/WC und Veranda ganz zu schweigen. Notgedrungen quartieren wir uns vorerst bei einer Art Farm mit Gästezimmern auf dem Dach ein. Dort bekommen wir für 80 Rappen eine schmale, dünne und versiffte Matratze auf dem nackten, staubigen Betonboden. Zweckoptimismus ist angesagt, immerhin regnet es nicht, mein allgemeiner Zustand verbessert sich dadurch aber wenig. Dass mit diesem Quartier eine unvergessliche Zeit beginnt, hätte ich zu diesem Zeitpunkt kaum vermutet. Ein Monat unter freiem Himmel beginnt.

Das Güsthouse wird von einer äusserst kuriosen Familie geführt. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass es eigentlich eine Farm mit vielen Kühen, Ochsen, Kälbern, Hühner und Reisfelder ist, die über ca. zwanzig Schlafmöglichkeiten verfügt. Der Grossvater Ram ist das unbestrittene Familienoberhaupt und hat sich entsprechend der vedischen Lebensweise von Frau und Besitz verabschiedet und fristet nun sein Leben zeitungslesend und stänkernd draussen auf einem klapprigen Bett im 'Restaurant' auf dem dungwasserimprägnierten Lehmboden. Er erzählt oft und gerne von seinem guten Sohn und von seinem schlechten Sohn. Der Gute führt nebenan ein blitzblankes Resort mit schmucken Strohhüttchen. Der Schlechte säuft und kifft den ganzen Tag, dealt mit allen Arten von Dope, hat absolut keine Manieren und leitet zu allem überfluss noch unsere Güstfarm, um die er sich überhaupt nicht kümmert. Mit dem allem und seinen zwei Ehefraün kommt er überhaupt nicht klar und Big Daddy scheisst ihn dafür den ganzen Tag kräftig zusammen. Die beiden Ladys sind für die Küche zuständig und können bei meiner Ankunft kein Wort Englisch und kochen ohne Plan wild drauf los. So wird jede Bestellung zu einem Thriller, dessen Ende nie voraussehbar ist. Dann sind noch vier Kinderlein, die alle sehr nett sind und auch regelmässig zur Schule gehen. Mit diesen komischen aber keineswegs unsympatischen Gestalten leben wir sozusagen 24 Stunden zusammen, benutzen dieselbe Toilette und dieselbe Dusche. Gibt es eine bessere Sozialstudie über das Verhalten der Inder?

Nach zwei Tagen auf dem Dach bekomme ich die Möglichkeit, in eines der einfachen Zimmer zu wechseln. Dazu habe ich aber absolut keinen Bock mehr. Ich möchte wissen, wie lange ich mich auf diesem Dach unter freiem Himmel wohl fühle, wie lange ich es aushalte, pausenlos den Blicken anderer ausgesetzt zu sein und den Schlafsack und die Kleider ständig voller Staub zu haben. Jedenfalls geniesse ich die heissen Nachmittage bei einer leichten Briese im Schatten und die wundervollen Nächte mit dem Konzert der Frösche ungemein. Ein wichtiger Grund für mein allgemeines Wohlbefinden sind sicher die anderen Traveller, mit denen ich zusammenlebe.

Zuerst einmal sind Manfred und Ronny mit von der Partie, alte Freunde sozusagen, mit denen ich schon vorher viele gute Wochen verbracht habe. Andi und Lara aus Florenz leben zeitweise in Varanasi bei einem Guru, wo Andi Pakahwatch, eine unheimlich komplizierte Trommel spielen lernt. Carmelo und Debora aus Perugia leben auf Gran Canaria, Bali und Varanasi, kaufen im Winter Kleider in Bali, gehen dann nach Indien, wo Carmelo beim selben Guru Pakahwatch lernt, verkaufen anschliessend die Kleider an den Stränden Italiens, danach in Gran Canaria und wiederholen die Tour jedes Jahr. Orit lebt in Tel Aviv auf einem Boot im Hafen wenn sie nicht gerade in Tokyo wohnt, wo sie als Art Fotografin Geld mit ausgefallenen, teilweise obszönen Arbeiten verdient. Katrine und Geert arbeiten in Belgien, Katrine möchte Drummerin werden und die beiden Youngsters sind auf ihren ersten grossen Trip.

Tobi aus Deutschland mag Biokost, sieht ein bisschen aus wie ein Waldgeist, ist immer gut drauf und pennt jede Nacht mit einer süssen Japanerin auf einem der Hügel. Hippiesteve aus Kanada will Raft-Guide in Nepal werden und verbreitet erst mal in Indien gute Stimmung. Stoneymike ist, wie sein Name schon sagt, den ganzen Tag weggetreten, kommt aus Finnland und schuftet dort auf den ölbohrinseln. Twain aus England hat ein Haus in Goa, einen Jeep, den besten Sound (unser offizieller DJ), ist entweder komplett dicht oder ständig am Arbeiten und leitet Dolphin Watch India. Maria, Miss Chilum, aus Griechenland ist entweder am Rauchen oder am Husten. Kiki, ebenfalls aus Griechenland war ärztin in einer psychiatrischen Klinik und treibt nun allerlei Handel rund um die Welt.

Thomas und Anna vom Chiemsee haben eine Flasche echten Chivas Regal auf dem Zimmer reisen aber sonst absolut Low Budget. Dorjee, Mister Full Power, hat sein Leben lang Geld gespart, ist dann vor drei Monaten zu Fuss während vierzehn Tagen von Tibet nach Indien abgehaün, vergnügt sich jetzt ein paar Wochen um dann entweder zurück zum Sozialismus zu marschieren oder die Frau seines Lebens zu finden. über jeden einzelnen gäbe es noch so viel zu schreiben. Jedenfalls könnt ihr Euch vielleicht schon anhand der kurzen Beschreibungen vorstellen, dass das Zusammenleben mit diesen Leuten nie langweilig wurde. Soviele Geschichten, Schicksale und Lebenserfahrung auf einem Haufen, da bekommt man schon einiges mit über.

Die Tage vergehen wie im Fluge. Ich unternehme oft Ausflüge in die Hügel, zu den Stauseen, Flüssen, Tempel und Dörfer. Oft gehen wir in einer grossen Gruppe aus, baden im Fluss, vergnügen uns bei den unglaublichen Wasserfällen, gehen zusammen in die Stadt shoppen oder schlafen bei Vollmond auf den riesigen Felsen der Hügel. Es gibt kaum ein Sonnenuntergang, den wir nicht von irgendeinem Ort aus gebannt verfolgen. Ich schreibe mittlerweile jeden Tag mindestens zwei Stunden, ich sprudle nur so von Ideen und probiere gerne neü Sachen.

Dazwischen bin ich noch zum angefressenen Yoga-Freak geworden. Schon nach den ersten Stunden hatte ich mein Rückenleiden im Griff, dazu fühlte ich mich energiegeladen, leicht und hatte nach den Lektionen ein Lächeln auf den Lippen, dass ich stundenlang nicht wegbringen konnte. Nun weiss ich was es heisst, total relaxed zu sein. Gegen Ende meines Aufenthalts löst die die Gang langsam auf, die Leute verteilen sich wieder auf ganz Indien. Adressen werden ausgetauscht, gemeinsame Reiseziele eruiert, Verabredungen gemacht. Auch ich habe mittlerweile ein Programm zusammen, wie ich den Norden bereisen und mit Leuten aus der Hampi-Gang zusammen sein kann. Als nächstes werde ich mit Andi, Lara, Katrine und Geert nach Badami gehen. Dennoch fällt mir der Abschied aus diesem magischen Space schwer. Und wieder gehts mit meinen 18 kg auf dem Rücken unbekannten Destinationen entgegen. Werde ich je wieder von einem Ort so fasziniert sein, wie von Hampi?

Eigentlich sollte das weiter Nordöstlich gelegene Badami nur Zwischenstation nach Bombay sein. Aber dieses Städtchen mit seinen roten Felsen und dem Fort im Hintergrund hat mich völlig in seinen Bann gezogen. Es sind vorallem die Einwohner, diese sehr traditionellen, kaum englisch sprechenden aber ausgesprochen freundlichen Menschen. Ein Erlebnis besonderer Art ist es, durch die mit Steinplatten gepflasterten Gassen zu gehen, vorbei an den quaderförmigen, weissgetünkten Häusern mit farbigen Tür- und Fensterrahmen. Die Bewohner, in Dothis und Saris gekleidet, sitzen im Schatten der Eingänge, grüssen freundlich, während man einen Blick durch die breite, reichverzierte Haustür in die blitzblanken Räume wirft, in denen Kühe, Ziegen und Menschen gemeinsam leben. Schon wie in Hampi ist kaum ein Hinweis, ausser die allgegenwärtigen verblödenden Fernsehgeräte, sichtbar, dass wir im 21. Jh. leben. Kunstvolle Höhlentempel aus dem 7 Jh. und Tempel und Befestigungsanlagen aus derselben Zeit stehen als beeindurckende Beispiele des handwerklichen Könnens dieser Zeit.

Auch hier unternehmen wir so einiges. Der Höhepunkt erleben wir, als Geert eine Art Höhle mit zwei kleinen Tempel und einem Wasserloch inmitten einer leicht besteigbaren Felswand findet und wir dort eine magische Nacht, umgeben von Statün der wichtigsten hinduistischen Göttern und ein paar riesigen Spinnen verbringen. Recht komisch kommt es mir vor, wieder in einem Zimmer wohnen zu müssen. So sitze ich oft auf der Veranda des Dreibettzimmers, das ich mit Katerine und Geert teile und schaü der hier ebenfalls ansässigen Affenherde beim rumlümmeln zu. Jedenfalls geniesse ich noch mal die Ruhe vor der Reise nach Bombay und verbringe schlussendlich eine ganze Woche in Badami, der perfekten Location für einen Bildband über Indien.

Nach so vielen Wochen endlich wieder mal alleine, fahre ich zürst nach Bijapur, um die beiden islamischen Mausoleen Golumbaz und Ibrahim Rosa anzuschaün. Die gehörten den netten Jungs, die dazumal Hampi in Schutt und Asche legten. über Sholapur gelange ich endlich nach Bombay, wo ich zwei, drei Tage Infrastruktur tanken und dann nach Gujarat weiterreisen will. Selbstverständlich kommt alles wieder anders. Aber das ist eine andere Geschichte.

Das wärs wieder mal mit dem Bericht des kleinen Mannes aus der grossen weiten Welt. Was mich schon lange mal interessieren würde: Was meint ihr eigentlich zu diesen Berichten? Sind sie zu lange, zu kurz, zu langweilig, zu oft oder was auch immer? Nun bin ich ein halbes Jahr unterwegs und zerbreche mir jeden Monat den Kopf, was die Daheimgebliegenen denn interessieren könnte. Schreibt mir doch einfach mal Eure Meinung, darf ruhig auch sehr kritisch sein (ich mach dann einfach eine Stunde Yoga und der Frust ist wieder vergessen). Erreichen könnt ihr mich nach wie vor per Post (bitte einfach aktülle Adresse nachfragen) oder per E-Mail (tomschaich@yahoo.com). Ich freue mich auf jede Reaktion.

Gruss
Tom