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Fest der Sinne (Schluss)


 
   

Der Manager sieht aus wie Lionel Richie mit Stirnglatze und hat eine Stimme wie Barry White. Die ersten Tage verbringe ich mit ausgedehnten Wanderungen durch die Eukalyptus- und Nadelwälder mit vielen romantischen Wasserfällen oder sitze einfach nur im gepflegten englischen Garten vor dem Haus und blicke auf die umliegenden Berge und das Tal, das 2000 Meter tiefer in eine endlose Ebene übergeht. Das Wetter wechselt von Minute zu Minute. Ist es gerade sonnig und heiss, hüllen mächtige Wolken vom Tal her kommend die Berggipfel in einen feucht-kalten Nebel.

Nachts schlottere ich unter zwei Wolldecken, weil es wegen des Monsunwetters kein trockenes Feuerholz gibt. Mit Dheena, dem Manager des Hotels mit der grandiosen Stimme, komme ich erst nach ein paar Tagen ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass er, Sohn eines reichen Tata-Direktors aus Madras, jahrelang ein bekannter Rocksänger in Indien war. So höre ich mir des Nachts nun unzählige Geschichten über Auftritte und das Leben hinter der Bühne an, schaue mir Bilder an, wie er mit Cliff Richard Tee trinkt, mit Sting diskutiert und mit Pink Floyd Bier trinkt. Und das im hintersten Winkel von Indien!

Er lädt mich zu Freunden ein, und wir verbringen so manchen crazy Abend mit absolut verrückten Leuten. Nach 10 Tagen im Landhaus findet Dheena, es sei Zeit, dass ich von hier verschwinde. Er meint, dass es hier viel zu teuer für mich sei, und dass es bessere Unterkünfte gäbe. Er ruft ein paar Freunde an, organisiert einen geländegängigen Jeep, ich packe derweil und fahre dann aus der Ortschaft Richtung Niemandsland. Das mir dem Jeep war eine gute Idee: Die Pfade durch die Wälder sind entweder schlammig oder felsig, aber immer steil abfallend.

Nach ca. 40 Minuten Fahrt hält der Fahrer mitten im Wald an und meint, ich solle aussteigen. Auf meinen Widerstand hin zeigt er auf einen schmalen Pfad und sagt, ich soll dort runtergehen. Nur 2 Kilometer. Mit 20 kg Gepäck auf dem Rücken und ohne Kletterausrüstung! Aber ein hartgesottener Traveller kennt bekanntlich keine Schmerzen, also kraxle ich den ganzen Weg hinunter bis zur Karuna-Farm.

Vor mir breitet sich ein unbeschreiblich schönes Panorama aus: Die Sicht auf die Ebene ist von hier noch atemberaubender als in Kodaikanal. Die Farm auf 23 ha ist eingebettet in terrassenförmig bepflanzte Hügel, schroff abfallenden Felsen und einem Wasserfall. Ich bin sprachlos. Die Leute und Hunde der Farm begrüssen mich und es beginnt für mich eine Zeit in absoluter Stille an einem friedlichen Platz mit sehr angenehmen Leuten, über die ich in meinem nächsten Mail ausführlich berichten werde.

Auf der Farm werde ich ungefähr bis Ende Monat bleiben. Wenn ihr mir schreiben wollt, könnt ihr das unter folgender Adresse machen:

SCHAICH Tom
poste restante
c\o General Post Office
Kodaikanal, Tamil Nadu
Indien

In dringenden Fällen kann man mich dort auch telefonisch erreichen: 0091 4542 40817. Wie schon angetönt, habe ich meine letzte Adresse in Kochin bisher nicht erreicht, habe aber alle Post nach Kodaikanal weitersenden lassen. Falls ihr auf einen Brief innerhalb von einem Monat keine Antwort von mir erhaltet, lasst es mich bitte per E-Mail wissen, ich kann das dann von hier einfach erledigen. Bis zum nächsten Mal oder Mail oder Brief wünsche ich Euch soviel Glück und Gesundheit, wie ich es im Moment habe.

Gruss
Tom

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      "Toms Reisen" © by Tom Schaich