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Fest der Sinne (Fortsetzung)


 
   

Nebenbei wurde auch noch Ghandis Asche hier verstreut. Da jeder hinduistische Inder mit seiner Frau zusammen die wichtigsten Pilgerorte des Landes besuchen muss, wimmelt es an diesem Ort von verschiedensten Menschen und Sprachen aus ganz Indien. Dunkelhäutige Drawiden, die Ureinwohner aus dem Süden. Grosse, hellhäutige Arier, ehemals aus Persien eingewandert und nun im Norden angesiedelt. Alte, ausgemergelte, asketisch lebende Sadhus mit Erdfarben bemahlten Körpern und wilden Rastafrisuren. Erhabene Sikhs mit buschigen Bärten, das lange ungeschnittene Haar unter deinem Turban versteckt. Dann die wunderschönen Inderinnen in ihren farbenfrohen, kunstvollen Seidensaris, Schmuck an den Ohren, in der Nase, an den Armen, Fesseln und an den Zehen, mit duftenden Jasmingirlanden im langen schwarzen Haar.

Wir sitzen stundenlang an Chai-Ständen, kleinen Bretterbuden, wo man für weniger als 10 Rappen einen heissen Tee mit Milch und viel Zucker bekommt, und beobachten die Leute. Erleben nachts die Mystik eines hinduistischen Tempelfests mit Elefanten und tranceartiger Musik in jahrtausende alten Gemäuern. Tagsüber amüsieren wir uns ab den kitschigen Souvenierständen, den Leuten, die diesen Mist kaufen und der ohrenbeteubenden Musik, die ununterbrochen aus Lautsprechern dröhnt.

Nach 2 Tagen muss Mangalan wieder ins Ashram zurück und ich entschliesse mich spontan, nach Madurai zu fahren, weil gerade ein Bus dorthin abfährt. In Madurai finde ich ein sauberes Zimmer mit Balkon, direkt über einer belebten Starsse. Madurai ist eine der ältesten Städte des Südens und ist voll von Händlern, Bettlern, Pilgern, Restaurants, Tempeln, Ochsenkarren, Rickshaws und umherstreunenden heiligen Kühen.

Die Stadt scheint ein einziger betriebsamer Bazar zu sein. Ein kleines Geschäft reiht sich ans andere und jeder Zentimeter Trottoir wird von Händlern in Beschlag genommen, die vor geflochtenen Körben kauernd Früchte, Gemüse, Gewürze, Kleider und viel billigen Ramsch verkaufen. Drei Tage lang schlendere ich durch die vollgestopften Strassen, mittlerweise selber drängelnd und schubsend, geniesse die Betriebsamkeit, die leuchtenden Farben, die verführerischen Gerüche, die allgegenwärtige Musik, schlage mir an Strassenständen den Bauch voll, streite mit grinsenden Rickshaw-Wallahs, treffe viele interessante Inder und sitze abends auf meinem kleinen Balkon und beobachte das Treiben auf den Strassen.

Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, die indische Mentalität ansatzweise zu begreifen. Die Inder lassen jeden so leben, wie er es will. Es spielt keine Rolle, ob ein Sadhu weissbemahlt im Lendenschurz durch die Strassen zieht und in die offene Kanalisation scheisst oder dass eine Inderin im neongelben Sari in pinkfarbenen Sandalen rumläuft. Keiner nimmt Notiz davon. Nur aufreizende Kleidung ist tabu. Ein Gläubiger soll nicht durch sexuelle Reize vom rechten Weg abgelenkt werden. Es gibt aber sonst sehr wenige Vorschriften. Ich erkenne, dass man in diesem Land dank der vielen Gegensätze und der Vielfalt an Interessen mit ein bisschen Geld ein unglaublich freies Leben führen kann.

In Indien ist grundsätzlich nichts unmöglich. Diese Einsicht beflügelt mich, nicht einfach rumzuziehen, sondern den Begebenheiten auf den Grund zu gehen. Wie mir ein alter Swami gesagt hat, gibt es in Indien soviel zu entdecken, zu verstehen und zu lernen, dass die Zeit eines Menschenlebens dafür nicht ausreicht. Bei einem Spaziergang entdecke ich im Schaufenster eines Reisebüros ein wunderschönes Bild einer Berglandschaft. Ich gehe hinein, erkundige mich nach dem Ort und gehe mit einem Ticket für den Bus, der in 2 Stunden nach Kodaikanal fährt, wieder hinaus.

Die Fahrt dorthin führt durch die tropische Vegetation der Ebene steil hinauf auf 2100 Meter Höhe. Die Fahrt ist nicht nur wegen der Aussicht sondern auch wegen des Fahrstils des Chauffeurs atemberaubend. Der ehemalige Bergerholungs- und Missionsort Kodaikanal wurde von den Amerikanern und Engländer in einem hügelige, felsigen Gelände um einen romantischen See herum angelegt. Für läppische 10 Franken quartiere ich mich in einem riesigen Zimmer mit Feuerstelle und grossen Fenstern mit grandioser Aussicht in einem aus Steinen erbauten viktorianischen Landhaus ein.

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      "Toms Reisen" © by Tom Schaich