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Fest der Sinne


 
   

8. November 1999

Hallo Leute

Schon wieder ist ein Monat fern der Heimat vergangen. Und wieder ist meine Route ganz anders verlaufen, als geplant. Das Planen hab ich mittlerweile aufgegeben, weil ich schlussendlich eh immer das mache, wozu ich gerade Lust habe. Schliesslich bereise ich ja ein Land, um es kennenzulernen und nicht einfach nur, um touristische Sehenswürdigkeiten abzuklappern.

Dieses Kennenlernen ist, soviel ich bisher beurteilen kann, in Indien speziell reizvoll. Aber eigentlich kam ich mit einer ganz anderen Einstellung hierher: Als hartgesottener Traveller 'muss' man Indien einfach 'durchgestanden' haben, nach dem Motto 'Augen und Nase zu und durch'. Ich hab soviele Horrorgeschichten von Freunden gehört, die hier waren, dass ich positive Beschreibungen schlichtweg verdrängt habe.

Mein Bild von Indien war in etwa so: 1 Milliarde unfreundliche Menschen leben zusammengepfercht auf kleinstem Raum, 80% davon sind mausarm und haben wenigstens Cholera und Lepra, betteln unentwegt, essen undefinierbares Zeug und scheissen zwischendurch auf die Strasse. Als Tourist hat man dann die Möglichkeit im 5-Sterne-Hotel oder im Angesicht des Todes zu leben. Das heisst, ich war auf alles gefasst und auch bereit, sofort in ein Ferienparadies weiterzufliegen, falls mir Indien nicht gefällt.

Bei meiner Ankunft in Trivandrum schienen sich meine Befürchtungen teilweise zu bestätigen. Ich war mit den Nerven am Ende wegen des Flugs von Colombo hierher. Zum ersten Mal auf meiner Reise war ich gezwungen, ein Flugzeug zu besteigen, alle Bemühungen, in Colombo eine Mitfahrgelegenheit auf einem Frachtschiff zu bekommen, schlugen fehl. So musste ich eine Unsumme im Vergleich zu meinem Tagesbudget ausgeben, um mein Gepäck zigmal kontrollieren zu lassen, Formulare auszufüllen, von einem Schalter zum anderen zu rennen, warten, um schlussendlich in einem gesichtslosen internationalen Umfeld mit übellaunigen Geschäftsleuten ein wundervolles Stück Ozean in rasender Geschwindigkeit zu überfliegen.

Das ging mir viel zu schnell. Ich kam nachts nach einem Monsunregen an. Auf der Fahrt vom Flughafen im Taxi entdeckte ich nur schlammige Strassen, Müllhaufen und barfuss gehende dunkle Gestalten. In der Stadt war der Lärm schier unerträglich. Was in der Schweiz eine Autohupe ist, braucht man hier höchstens, um Babys zu wecken. Im Verkehr benutzt man hier Hörner, die Jericho augenblicklich in Sand verwandeln würden.

Tausende von Leuten tummeln sich offensichtlich unmotiviert auf den Strassen und achten darauf, dass nach längerem Würgen und Rülpsen der Auswurf möglichst elegegant in den Strassengraben gespuckt wird. Mein Vater hätte mich dafür geohrfeigt. Hier gehört es zum guten Ton.

In der Unterkunft angekommen, schnautzt mich ein Inder mit grauen Bartstoppeln, rotem Pulver auf der Stirne und langem weissen Lunghi an, ob ich ein Zimmer haben will. Er führt mich in einen schmuddeligen kleinen Raum ohne Fenster, kassiert die 2 Franken für die Nacht im Voraus und knallt die Tür hinter mir zu. Welcome to India! Am nächsten Tag versuche ich, etwas mehr zu erfahren. Ich merke schnell, dass hier einiges besser organisiert ist, als in Sri Lanka: Bus- und Bahnhöfe verfügen nicht nur über einen ausgesprochen freundlichen und kompetenten Informationsdienst, sondern auch über ein einwandfrei funktionierendes, computerunterstütztes nationales Reservierungssystem.

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      "Toms Reisen" © by Tom Schaich