Urumqi, September und Oktober 2000

CRAZY DAYS IN URUMQI

Mein Schicksal begann damit, dass ich meinen Mate Jake überredete, 2 Kwai mehr für ein anderes Hotel auszugeben, um den Luxus einer heissen Dusche gleich neben dem Dormitory zu geniessen. Das Xinjiang Hotel, ein gigantischer Zweisterne-Betonbunker, idyllisch an einem Kreisel von vier stark befahrenen Strassen gelegen, lädt nicht gerade zum verweilen ein und weder Jake und ich haben vor, länger als unbedingt notwendig hierzubleiben.

Für einmal scheinen die Jünger des Loneley Planet recht zu behalten: Urumqi bietet wirklich gar nichts. Und dieser Umstand hat hier Tradition. Gegründet Mitte des 17. Jahrhunderts als chinesische Garnisonsstadt zur Kontrolle der nördlichen Seidenstrasse und der Uygurs, konnten frühe Reisende nur von der Brutalität der Machthaber und vom immensen Dreck, Schlamm und Abfall in den Strassen berichten, in dem gelegentlich mal ein Pferd oder ein paar Kinder ersoffen.

Bald einmal wurde dieser schaürliche Flecken Erde zwischen den Altai Mountains und dem Tian Shan Gebirge, im Sommer brütend heiss und im Winter arschkalt, zur Hauptstadt der Privinz Xinjiang erklärt. Den Muslims paste aber die Präsenz der Chinesen in ihrem Territorium nicht so recht und versuchte den Schlitzaugen das Leben so schwer als möglich zu machen, was in den 30er Jahren zu einer grossen Rebellion ausartete, die mit Hilfe der benachbarten Russen niedergeschlagen wurde.

Den Helfern wurde dann eine Menge von Exklusivverträgen unter die Nase gerieben, was für die Entwicklung der Stadt zur potthässlichen Metropole einen starken Einfluss hatte. Urumqi zählt heute gut 1,5 Millionen Einwohner, besteht hauptsächlich aus Strassen, gesichtslosen Wohnblicks, hohen Bürosilos und Shoppingcenters. Auf Wiesen und Bäume hat man grosszügig verzichtet, denn keener ist ja wirklich zum Spass hier. Wer in Xinjiang Arbeit, Ausbildunhg oder eine Zugverbindung sucht, kommt um Urumqi kaum herum. Noch weiss ich nicht, was in Zimmer Nummer 500 des Xinjiang Hotels auf mich wartet.

Der Raum mit sechs Betten ist zwar geräumig, bietet aber wenig Möglichkeit zur Individüllen Entfaltung. Die anwesenden Japaner sind alle auf ihrem Paranoia-Trip, deshalb unansprechlich und –ausstehlich, der einizige Westler verschwindet jeweils frühmorgens und kommt spät Nachts zurück. Wegen den günstigen Zimmerpreisen wimmelt das Stockwerk von chinesischen, pakistanischen und einheimischen Kleinhändlern, die sich im gegenüberliegenden Grosshandels-Markt mit Waren zum Wiederverkauf eindecken und den ganzen Tag schamlos mit ihren dicken Bäuchen und stummeligen Beinen, nur mit ausgebeulten Unterhosen bekleidet, in den Gängen rumrennen.

Die einzelnen Toiletten des Gemeinschaftsbadezimmers sind nur mit knapp meterhohen Wänden voneinander getrennt, jeder verrichtet sein Geschäft in Kaürstellung, spuckt und würgt vor sich hin und verlässt den Ort in einem widerlichen Chaos ohne zu spühlen. Im angrenzenden Wasch- und Duschraum geht es ähnlich zu und her. Von der Rasierklinge bis zum Morgentee wird alles auf den Boden geschmissen, in jede Ecke gespuckt oder von der Türe aus in die Dusche gepinkelt. Wenns um die Toilette geht, sind die Chnesen wirklich Schweine.

Die netten Damen vom Reinigungsdienst rüsten sich jeweils aus, als ob sie im Atomkraftwerk Brennstäbe wechseln gehen, bevor sie den Ort des Schreckens betreten. In diesem Umfeld ziehen ich und Jake es vor, uns auf die wirklichen Sehenswürdigkeiten von Urumqi zu konzentrieren. Unser Favorit ist die Toilette im ersten Stock des fünfsterne Holiday Inn’s, an dessen Eingang man vom livrierten Portier mit good morning, Sir’ begrüsst und mit einem may I organize a Taxi for you, Sir?’ verabschiedet wird.

Die Toiletten sind sauberer als alles, was ich bisher in Zentralasien gesehen habe und wir würden am liebsten abends unsere Matratzen dorthinlegen und im süssen Duft von Raumerfrischer friedlich einschlummern. Nicht minder attraktiv scheint uns der kulinarische Tiefflug zur MacDonalds-Kopie mit dem vielversprechenden Namen Best Food Burger.

Chips mit Ketchup und ein echter Rindfleischburger kosten zwar soviel wie vier Laghman, dafür haben die Kassiererinnen süsse Uniformen an und sprechen englisch mit amerikanischem Akzent. Das Internet Café, eine Mischung zwischen Hightech-Kommandozentrale und abartigem Spezialitätenrestaurant bietet in der VIP-Sektion zum Surven von verschiedenen Schlangen, Schildkröten, über alle Arten von Meeresgetier bis zu Vögeln , die ich nicht mal in einem Zoo gesehen habe, alles an, was bei uns auf der Liste der geschüteten Arten steht.

Dafür gibts mit dem gefälschten Studentenausweis einen saftigen Rabatt, so dass ich mal ein Mail mehr schreiben und mich auf der Blick Homepage vergewissern kann, dass in der Schweiz wirklich absolut nichts von Bedeutung passiert. Am meisten zieht und aber der Reservationsschalter im hiesigen Bahnhof an, wo der Kauf eines Tickets zum echten Abenteür werden kann. Jake muss langsam aber sicher dringend nach Shanghai, um seinen Rückflug nach London zu erwischen.

Dummerweise ist es aber in Urumqi so, dass viele Tickets für entfernte Destinationen von der Russenmafia aufgekauft und über Reisebüros und den Schwarzmarkt zu massiv überteürten Preisen dem Endverbraucher verscheürt werden. Wir haben uns so organisiert, dass Jake jeweils frühmorgens vor dem Reservationsschalter ansteht, derweil ich draussen auf dem Schwarzmarkt mit den Russen verhandle. Nach drei Tagen und verschiedenen unannehmbaren Angeboten treffe ich auf einen fetten Russen mit Bürsten-Haarschnitt, dem Mafia’ ins Gesicht geschrieben steht. Ich habe meine Taktik mittlerweile geändert und gebe mich ziemlich gelangweilt als Mittelsmann eines Klienten’ aus und gebe den Tarif direct durch.

Der böse Bube steigt darauf ein und eine Stunde später habe ich ein Ticket in der Hand, das ich dem nächstbesten Chinesen unter die Nase halte, um dessen Echtheit zu prüfen. Am nächsten Morgen setzt sich Jake glücklich in den Zug. Ich bin wieder mal alleine und habe vor lauter Mafia vergessen, einen Plan für meine eigene Weiterreise zu schmieden. Das ist der Moment, in dem der Westler vom Dormitory mal früher zurückkommt und sich als Frank aus dem englischen Hull vorstellt. Ich mag den langhaarigen Hühnen vom ersten Augenblick an, er ist jung, unkompliziert, lacht ständig und erzählt mir vorallem, dass er seit drei Monaten hier in diesem Zimmer in Urumqi lebt, was mich ziemlich erstaunt. Nach seinem Studium als Sportwissenschaftler hat er herausgefunden, dass es in seinem Gebiet eigentlich gar keine Jobs gibt, hat dann ein paar Monate in einer Fabrik für die Herstellung gefrohrener Erbsen gearbeitet und sich dann mit dem Salär nach Indien verabschiedet.

Nach einigen Monaten rumreisens und hängens in Indien und Pakistan kam er über dieselbe Route wie ich nach Urumqi. Dort sties er per Zufall auf einen einheimischen Lehrer, der ihn über die Situation der Uygurs aufgeklärt hat und ihn bat, ein paar Wochen in einer Sprachschule für Uygurs zu unterrichten. Frank fand die Idee ziemlich verrückt und willigte ein. Ein paar Wochen später wurde die Besitzerin der Schule wegen antichinesischer Propaganda verhaftet und das Institut zerfiel langsam ohne Führung. Franks Salär wurde nicht mehr bezahlt und als ein einheimischer Lehrer ihm halt, zu seinem Geld zu kommen, wurden gleich beide rausgeschmissen. Für Frank als stinknormaler Traveller kein Problem, für den Uygur mit seiner schwangeren Frau eine ziemliche Misere.

In der Situation kam den beiden nichts besseres in den Sinn, als ihr ganzes Geld zusammenzukratzen und, zusammen mit einer anderen Lehrerin, in eine neü Schule zu investieren. Was bisher wie ein kurzes Ferienabenteür aussah, wurde nun für Frank Ernst. Währenddem er sich auf dem Schwarzmarkt in Hongkong ein Businessvisa besorgte, organisierten seine neün Partner die nötigen Bewilligungen und Schulungsraume, wobei sie es irgendwie fertigbrachten, von der Xinjiang University, dem ersten Institut der gesamten Provinz, anerkannt zu werden und erst noch deren Namen verwenden zu dürfen.

Ein paar Schüler wechselten gleich von der alten Sprachschule und so konnte sofort mit zwei Klassen begonnen werden. Im Gespräch mit Frank wird mir bewusst, dass er nicht nur sein ganzes Geld, sondern auch seine ganze Energie und Motivation in deises Projekt reingesteckt hat. Und als er mir Vorschlägt, am nächsten Morgen gleich mal mit zur Schule zu kommen, willige ich erwartungsvoll ein. Nur drei Busstadtionen weiter lerne ich ein Urumzi kennen, wie ich es bisher noch nicht erlebt habe. Wir befinden uns in Erdaoqiao, dem Herz der Uygurgemeinde dieser Stadt. Eine Szenerie, die zwar mit der Autenzität Kashgars nicht bergleichbar ist, dennoch aber den Geist dieses Volkes spürbar werden lässt. Die Strassen sind vollgestopft mit Uygurs, restaurants und Läden.

Die Luft ist geschwängert von rauchenden Kebab-öfen, jeder scheint etwas zu verkaufen, Händler und Restaurateure schreien ununterbrochen nach Kundschaft, Bettler liegen auf der Strasse rum, Musiker und Artisten scharen riesige Mengen von Leuten um sich und zwischen den Hochhäusern sind überall die Halbmonde auf den Minaretten der Moscheen zu sehen. Es ist kein Ort, den man als schön bezeichnen kann, durch die Herzlichkeit und geradlinigkeit der Leute fühle ich mich, ganz im Gegensatz zum chinesischen Teil der Stadt, sofort zu Hause.

Auf dem Weg zum fünften Stock des sich im Bau befindlichen Hochhauses, informiert mich Frank, dass ich gleich mit in seine Kommunikations-Klasse kommen soll. Die Schule besteht aus fünf grossen Klassenzimmern mit alten Holzbänken und Pulten für je etwa 50 Schüler. In den Gängen geht es chaotisch zu und her. Bereits eine halbe Stunde vor Schulgebinn sind alle Schüler anwesend, fragen sich gegenseitig ab, repetieren die Lektionen oder verlangen lautstark von den Lehrern, früher beginnen zu dürfen. Wo gibts denn so was in Europa?

Das Auftauchen eines neuen europäischen Gesichts verursacht grosse Aufregung. Sofort bin ich eingekreist von einer Horde Schüler, die mir hundert Fragen auf einmal stellen. Wie ich heisse, woher ich komme, wie lange ich bleibe und vorallem, ob ich sie in englisch unterrichten würde. Ich sage wahrheitsgetreu, dass ich keinen Plan habe und mir einfach mal alles anschaün will. Die Abschlussklasse besteht aus einer Gruppe von Mittelschullehrern, Hotellangestellten und Geschäftsleuten, die schon verdammt gut Englisch sprechen. In den zwei Stunden Diskussion dreht sich dann alles um meine Reise und die Möglichkeit eines längeren Aufenthalts in Urumqi.

Ein Mittelschullehrer lädt mich ein, seine Klasse zu besuchen, damit die Teenies mal einen richtigen Ausländer sehen. Nach zwei Stunden bin ich geschafft, die Leute wollen so viel wissen, haben mich keine Sekunde in Ruhe gelassen und jades neü Wort mit Beispielsätzen ins Heft notiert. Nach der Klasse lerne ich Alim und Pattigül, Franks Partner, kennen, beide Höchst erfreut, dass ich mich für die Schule interessiere. Ich werde zum Mittagessen eingeladen und ich erfahre erst mal ausführlich über die Ziele und die Organisation der Schule. In Urumqi scheint es ein mächtiges Manko an qualitativ guten Ausbildungsplätzen für Uygurs zu geben.

Die Lehrer sind meistens unterqualifiziert und oft mehr am Geld als an der Weiterbildung ihrer Schüler interessiert. Das Ziel der drei ist, ihre eigenen Saläre auf ein absolutes Minimum zu beschränken und somit die Kurskosten so niedrig zu halten, dass möglichst viele Landsleute die Möglichkeit haben, sich eine erstklassige Ausbildung zu leisten. Ein etwaiger Profit soll für die Unterstützung minderbemittelter Schülern eingesetzt werden. Neben englisch wird auch chinesisch, Informatik und Uygur-Kunst unterrichtet. Die Schule ist soweit bereit, es fehlen eigentlich nur noch die Schüler.

Die Drei wollen dieses Problem lösen indem sie eine Art Bekanntmachung auf einer vollgeschriebenen Seite A4 mit dem Titel Good news for English fans’ während dreissig Sekunden am Fernsehen ausstrahlen wollen. Ich merke schnell, dass hier keiner wirklich eine Ahnung von Kommunikation hat. Hier scheint meine Stunde geschlagen zu haben und ich offeriere dem Trio, mit ein paar Tips zum entsprechenden Thema auszuhelfen. Ich werde darauf sofort zum Marketingverantwortlichen der Schule ernannt und zugesichert, dass ich machen kann, was ich für gut empfinde. So einfach sollte ich aber nicht davonkommen. Nach einem ausführlichen Brainstorming mache ich mich zurück ins Hotel und bastle zürst mal ein einfaches Spot-Konzept, bestehend aus simpel animierten Fotos, kombiniert mit sehr wenig Text, einem Off-Sprecher und fetziger Musik. Dass sich darüber meine Kollegen in der Schweiz vor lachen in die Hose machen würden und meine Karriere in diesem Bereich ein für alle mal besiegelt wäre, ist mir dabei absolut bewusst.

Schlussendlich scheinen die Leute hier eine ganz andrere Vorstellung von Kommunikation zu haben, so will ich es so einfach als möglich halten und keinen überfordern. Als ich am nächsten morgen zur Präsentation in die Schule schreiten will, wird mir im allgemeinen Chaos ein Buch in die Finger gedrückt, erklärt, dass Pattigül krank sei und ich ihre Klasse übernehmen müsse, widerstand zwecklos. Ich will noch ziemlich herausfinden wie das mit dem lehren hier denn so funktioniert, meine Peiniger haben sich aber schon aus dem Staub gemacht. FSo bleibt mir nichts anderes übrig, als in das Klassenzimmer mit gut zwanzig jubelnden 8 bis 30 jahrigen zu marschieren und laut Good morning everybody! zu rufen.

Alle erheben sich schön brav von den Bänken und schreien Good morning teacher! wie ein Mann zurück. Das macht Spass! Ich versuche mit einem ‘How are you?’ nachzukoppeln, was alle mit ‘How are you?’ wiederholen. Ok, hier ist Handlungsbedarf angesagt. Ein Knirps informiert mich, welche Lektion heute dran ist, ich frage aber gleich mal die vorherige Lektion ab. Das Resultat ist ziemlich ernüchternd, die Anfängerklasse scheint sich auf das Wiederholen von Vorgesprochenen Sätzen spezialisiert zu haben und das finde ich ziemlich stupid.

Nach einigem überlegen schreibe ich die wichtigsten zehn Farben an die Wandtafel, zeige auf Gegenstände mit entsprechenden Farben im Klassenzimmer und lasse die Wörter so lange wiederholen, bis ich das Gefühl habe, dass es alle begriffen haben. Dasselbe wiederhole ich mit Kleidungsstücken, bis ich dann im Klassenzimmer rumrenne aus Dinge zeige, die dann die Schüler einzeln wiederholen müssen. Am Ende der zwei Stunden ist dann fast jeder in der Lage, my coat is yellow’ oder eher trousers are red.

Die Schüler scheinen Spass daran zu haben, ich bin anschliessend aber fix und fertig. Nach der Präsentation meiner Ideen, die ich mehrmals wiederholen musste, bis sie alle begriffen haben, scheint die Schulleitung zuerst begeistert, stellt danach aber die Frage, wer sowas produzieren und vorallem bezahlen soll, da das Gesamtbudget nur rund 1000 Dollar beträgt. Was ich als Holzhammer-Reklame bezeichnen würde, stufen die Jungs als highly sophisticated advertising’ ein. Nach einer längeren Diskussion auf Uygur folgt die Antwort not possible. Ich bitte meine Freunde, erst mal bei der Fernsehstation abzuklären, wie das mit den Möglichkeiten dort aussieht, worauf Alim sienen Schwager konsultiert, der als Techniker beim TV arbeitet und selbstverständlich auch nicht mehr weiss.

So bitte ich Pattigül, ihren ganzen Charme zusammenzunehmen und zu versuchen, beim manager of Xingjiang TV’ einen Termin zu bekommen. Sie schaut mich zürst an, als ob ich ihr ein Stück Schweinebraten offeriere, nimmt aber dann den Telefonhörer in die Hand, spricht mit der Sekretärin des Bosses und bekommt tatsächlich eine Audienz, vielleicht weil sie irgendwas von einem europäischen Werbespezialisten’ erzählt.

Zwei Stunden später stehen wir vor dem Tor den riesigen und modernen Büro- und Studiokomplexen von Xinjiang TV und werden von der Security zum Büro des Direktors des zweiten Programms, das ausschliesslich in uygru ausstrahlt, begleitet. Der Direktor, ein freundlicher älterer Herr, bittet mich und Pattigül in seinem geräumigen Büro auf einem Ledersofa platz zu nehmen und ordert bei der Sekretärin Getränke. Zürst scheint er über meine ganz und gar nicht businesskonforme Aufmachung ziemlich perplex zu sein. Er fragt mich dann aber sichtlich interessiert über meine Vergangenheit aus und ich erkläre ihm bereitwillig über mein bisheriges Wirken als Werber.

Als er dann nach unserem Anliegen fragt, komme ich mir mit meinen paar vollgekritzelten Seiten ziemlich blöd vor. Ich füge dem Konzept an, dass wir eine Schule sind, die es sich zum Ziel gesetzt hat, mit viel Professionalität und Motivation vielen Uygurs eine Ausbildung zu einem günstigen Preis zu ermöglichen und somit den Status dieser Minderhiet in der chinesisch dominierten Hauptstadt zu verbessern. Der Direktor zeigt sich sichtlich beeindruckt, stellt noch einige Fragen und sichert uns dann zu, dass der Commercial von XJTV kostenlos produziert wird, die Einschaltkosten massiv reduziert werden, der Spot ausschliesslich zur Primetime ausgetrahlt wird und dass ich für meine Fotoaufnahmen technisches Material der Studios haben könne.

So machen wir aus mit zwei grossen Studioscheinwerfern unterm Arm überglücklich zurück zur Schule, Alim und Frank können kaum glauben, was wir zu erzählen haben. Die Zukunft schein nun allen einiges klarer. Abends gehen wir zusammen gediegen essen um unseren Erfolg zu feiern und enden schliesslich ziemlich betrunken auf der Bühne tanzend in einer Russendisco. Einen Motivationsschub scheint nun durch die ganze Schule zu gehen. Überall wird geputzt, Türen gestrichen, Beschriftungen angebracht. Alim hat in der Zwischenzeit eine Investorin gefunden, die für die Einrichtung der Computerklasse aufkommt Mit dem Informatklehrer Ferdun ist Alim nun Tag und Nacht unterwegs, um die benötigten Computer, Programme und Möbel zu besorgen.

Die Malerin Merhaba, deren Kurse in Uygur-Kunst bisher mit nur zehn Schülern wöchentlich dahindümpelten, schliesst sich er Kampagne an und schleppt ihre eigenen ölgemälde zur Dekoration der Schule an. Ich mache mit den geborgenen Scheinwerfern und meiner kleinen Yashica Aufnahmen von Lehrern, Schüler und Klassenzimmer. Alle sind dabei völlig aufgeregt, weil sie es kaum fassen können, bald im Fernsehen zu sein.

In jeder freien Minute sitzen wir zusammen, besprechen Textmanuskripte und deren übersetzung auf uygur. Ich habe vorgeschlagen, das gesparte Geld in ein Spots einer Lokalfernsehstation, Radiospots und Flyers einzusetzen, da sich das Konzept einfach auf diese Medien adaptieren lässt. Nachdem die Aufnahmen vom nagelneün, modernen Computerraum mit seinen zehn DOS-Kisten (ich konnte das einfach nicht verhindern) im Kasten sind, packe ich Pattigül und alle Manuskripte und mache mich auf zur Fernsehstation.

Herr Direktor hat zwar Wort gehalten, nur werden wir nicht gerade wie voll bezahlende Kunden behandelt. Obwohl der Termin vereinbart wurde, scheint keiner in der Produktion für uns Zeit zu haben und Herr Direktor ist permanent ausser Haus. Schlussendlich erkläre ich via Pattigül einem chinesischen Programmierer, was zu tun ist. Der kann aber keine Texte einsetzen, da die in uygur geschrieben sind. So gehts die nächsten Tage hin und her. Editor, Programmierer und Uygurtext-Tipperin scheinen nie gemeinsam Zeit zu haben. Zwischen den Besuchen bei der Gernsehstation spielen wir den Text für den Off-Sprecher durch und ich suche aus Franks Minidisc-Sammlung eine einprägsame, fetzige Melodie, komme schlusseindlich auf die Stone Roses.

Am Tag vor der Ausstrahlung ist es dann soweit, wir haben alle Verantwortlichen am Editier-Raum, feilen ein bisschen am Schnitt rum und machen die letzten Korrekturen. Die Musik wird unterlegt, aber kein Sprecher ist auftreibbar. So setzt sich Pattigül ins Tonstudio und versucht sich in mehrern Anläufen, zusammen mit Frank, der zur Einstimmung jeweils Learning is fun! ins Mikrofon schreit.

Der Tonmeister schütelt aber immer nur mitleidig den Kopf, Pattigüls Aussprache soll miserable sein. Da betritt plötzlich cheese master, wie wir ihn von nun an nennen werden, wie aus einem Hindi-Movie entsprungen, mit Elvis-Frisur und gepflegtem Schnurbvart, das Studio, schaut dem Debakel kurz zu und fragt dann mit sonorer Schauspielerstimme you want helping?.

In gebrochenem englisch erklärt er dann, dass er hier der Chef-Synchronisator sei und seine Stimme schon den grössten Stars des chinesischen Films geliehen habe. Bei den ersten Versuchen scheint er unseren Spot mit einem Kung-Fu-Streifen zu verwechseln und klingt wie ein pakistanischer Mulla, der zum heiligen Krieg aufruft. Frank haut ihm ein paar mal die Stone Roses um die Ohren, zieht seine dicke Wollmütze über die Ohrne und versucht, wild um ihn herumtänzelnd zu demonstrieren, dass das ganze ein bisschen cooler rüberkommen sollte.

Kurz darauf ist der Commercial fixfertig abgemischt im Kasten, cheese master organisiert Getränke, meldet sich gleich für einen Englischkurs an und es wird wieder mal gefeiert, währenddessen wir uns gegenseitig zum gelungenen Resultat gratulieren. In Urumqi hat das Wetter ziemlich aprupt gewechselt. Gast übergangslos verwandeln sich die heissen Sommertemperaturen zürst in kaltes Regenwetter und schlussendlich sogar in Schnee. Das wäre weiter nicht so schlimm, wenn ich geeignete Weinterkleider dabei hätte oder die Heizungen in den Gebauden eingeschaltet würden.

Gemäss Parteibuch beginnt der Winter aber erst am 1. November und das ist auch der Zeitpunkt, wenn die Kohlefeür in den öfen entfacht werden. In der Zwischenzeit bleibt uns nichts Andres übrig, als alle Kleider, die wir besitzen, anzuziehen, den ganzen Tag vor uns hin zu schlottern und die ständig triefende Nase zu schneuzen, egal ob wir im Hotel oder in der Schule sind, es gibt kein Entkommen. Nachdem wir in der Schule sämtliche Türen mit Wolldecken abgedeckt und die Fenster mit Plastik abgedicktet haben, um wenigstens der Zugluft Herr zu werden, gehen unsere Vorbereitungsarbeiten weiter.

Innerhalb von zwei Tagen produzieren wir einen Radiospot und stampfen 2000 Flyers aus dem Boden, schaffen es aber um zwei Stunden nicht, die Flyer vor der Woche Schulferien über den Nationalfeiertag bei den Universitäten zu verteilen. So schlage ich vor, dass wir zunächst bei sämtlichen Geschäften im und ums Schlugebäude persönlich verbeigehen, uns vorstellen und Flyers abgeben. Das stösst zürst auf grosse Opposition seitens der Uygur-Lehrerschaft. So gehen Frank und ich einfach alleine los, das Interesse der Shopbesitzer scheint gross, wir investieren etwa zwei Stunden und als wir in die Schule zurückkommen, haben sich bereits drei Shopbesitzer für einen Anfängerkurs angemeldet und das Kursgeld bezahlt.

Abends findet dann die erste Ausstrahlung des TV-Spots statt und um 20 Uhr stehen wir alle wie gebannt vor dem Telefon. Dann gehts los. Während etwa 45 Minuten ein Anruf nach dem anderen, ein paar Freunde und Bekannte, die meisten aber Interessenten, viele wollen morgen gleich vorbeikommen. Am nächsten Tag schnappe ich mir Frank, Pattigül, Ferdun und einen Stapel Flyer. Die Strassen sind vollgestopft von Leuten, die wegen den Feiertagen und den kalten Wohnungen nichts zu Hause hält. Wir klappern jades Restaurant, jeden Kleider-, Buch-, Musik- und Haushaltswarenladen und jedes Telefonhäuschen an der Strasse ab und fragen nett, ob wir einen der Flyer aufhängen dürfen. Unsere Gruppe sorgt dabei für so viel Aufsehen, dass sich jeweils eine riesige Menschenmenge vor den Zetteln schart, um erstaunt herauszufinden, was die beiden Ausländer mitzuteilen haben.

Ferdun und Pattigül geben dabei laufend über die verschiedenen Kurse auskunft, während Frank und ich soviel englisch als möglich sprechen, um die gewandeten und motivierten Englischlehrer zu markieren. Innerhalb von drei Tagen haben wir das ganze Erdaoqiao-Quartier vollgepflastert, zweimal wurden unsere Flyer auf der Strasse von aufgebrachten chinesischen Ordnungshüter konfisziert, ein drittesmal haben sie uns damit gedroht, die Schule zu schliessen, wenn wir mit diesem Schabernack nicht aufhören. Jedesmal waren wir aber von Uygurs eingekreist, die lautstark gegen die Anordnung der Polizei mit der Begründung protestiert haben, dass wir ja nichts ungesetzliches tun.

Die Schule hat sich mittlerweile in ein riesiges Chaos verwandelt, die Gänge sind voll mit alten Schülern, neün Schülern und die Rexeption wird ständig von Telefonanrufen und Anmeldenden Schülern belagert. Die Kampagne scheint zu greifen. Ich bin laufend damit beschäftigt, Fragen zu beantworten, Tips zu geben, den Schülern englische Betriffe zu erklären. Im Fernsehstudio habe ich Leute von verschiedenen Werbeagenturen kennengelernt, die ich nun in ihren Büros besuche, Kampagnen beurteile und in feinen Restaurans lunche. Abends werden wir oft von Schülern oder befreundeten Lehrern nach Hause eingeladen und so lerne ich eine Menge interessanter Leute kennen.

Abends legen wir uns nur noch todmüde ins Bett, schlafen gleich ein um am nächsten Morgen früh wieder zur Schule zu gehen. Das Kommen und Gehen von Touristen im Dormitory bekommen wir nur am Rande mit. ‘Crazy days in Urumqi’ bemerken wir jeden Tag mehrmals. Mitten in dieser hektischen Zeit schleppt mich der Mittelschullehrer, wie versprochen, eines Nachmittags in seine Schule mit der Begründung, seine Klasse mal anzuschaün. Gegen ein bisschen Abwechslung habe ich ja nichts, nur auf dem Weg zur Schule im Bus gesteht mir der Lehrer, dass er seinen Schülern versprochen habe, dass ich sie zwei Stunden unterrichten werde und die Schulleitung daruf hin gleich drei Klassen zusammengelegt habe, was dann so ungefähr 80 Kinder im Alter von 10 bis 17 Jahren ergibt. Die einen kennen das ABC und ein paar Wörter ing englisch, dieletzteren haben bereits zwei Lehrbücher durch.

Da wirds mir nun doch ein bisschen mulmig und ich überlege mir angestrengt, wie ich aus dieser heiklen Situation ungeschoren davonkomme. Schlussendlich, als die Tür zur grossen Aula mit der tobenden Menge geöffnet wird, vertraü ich nur noch auf meine Fähigkeit zur Improvisation und der Bereitschaft zur totalen Blamage, was dazu gührt, dass ich eigentlich nicht mal aufgeregt bin. Als ich den Saal betrete, geraten die Kids ausser Rand und Band, die anwesende Lehrerschaft versucht die Bande vergeblich unter Kontrolle zu bekommen. Vor der Wandtafel stehend versuche ichs dann erst mal freundlich auf englisch, als das nichts hilft, brülle ich einfach shut up!, worauf nur noch vereinzeltes Kichern zu vernehmen ist.

Mein Lehrerkollege übersetzt dann erst mal meine Vorstellung, wobei meine bisherige Reiseroute zu erstaunten Diskussionen in den Reihen führt. Danach versuche ich ein bisschen abzuchecken, was die Kids schon können und das reicht von gar nichts bis ziemlich viel. Also wende ich mein bewährtes Konzept Farben und Kleidungsstücke’ an und ergänze es mit Zahlen und Körperteile. So vergeht eine gute Zeit, in der ich im Klassenzimmer rummrenne, auf Tische stehe und jede Menge Schüler nach vorne zerre, den Anwesenden scheints Spass zu machen und es wird viel gelacht. Danach bin ich aber ziemlich ratlos und frage einen der Lehrer, ob er noch eine Idee hätte. Er fragt die Klasse und die meint einstimmig auf Uygur, dass sie ein Lied singen möchten.

Das übertrifft meine schlimmsten Befürchtungen und ich überlege angestrengt, ob ich überhaupt ein Lied in englisch kenne. Three little birds von Bob Marley könnte ich zusammenbekommen und der Text scheint mir für die Situation der Uygurs auch ziemlich angebracht zu sein. Also kritzle ich rasch die Lyrics an die Wandtafel und gehe das ganze zürst mit dem Lehrer Wort für Wort durch. Nach einer guten Viertelstunde hat die Klasse den Song einigermassen drin und ich bin gezwungen, in diesem grossen Saal vor sovielen Leuten so laut als möglich ohne Musik oder Verstärker vorzusingen.

Schlussendlich singt und klatscht die ganze Menge inclusive Lehrer im Reggä-Rythmus und wenn der Refrain don’t worry about the things cause every little thing gonna be alright aus über achzig Kehlen erklingt, wird mir jedes mal ganz warm ums Herz. Wir wiederholen den Song so lange bis ich vom lauten Vorsingen heiser bin. VieleSchüler notieren sich währenddessen den Text in ihr Heft. Im anschliessenden Applaus und allgemeinen Trubel versuche ich mich zu verabschieden und aus dem Staub zu machen, ein Teil der Schüler stürmt aber unter Protest der Lehrer nach vorne und belagert mich vor der Wandtafel. Die Kids wollen meine Unterschrift in Hefte, Bücher und unter den Songtext haben, was ich eigentlich ziemlich doof finde, dasse mich dann aber überreden und unterschreibe, was das Zeug hält.

Den Songtext unterschreibe ich gerechterweise mit Bob Marley, viele wollen eine Widmung in ihr Englischbuch und ein paar Schüler schenken mir sogar Zeichnungen, die sie von mir während des Unterrichts gemacht haben. Obwohl mir dieser Starrummel gar nicht passt, bin ich ganz froh, dass alles so easy über die Bühne gegangen ist und ich ein paar Kids eine Freude machen konnte.

Die Lehrerschaft gibt sich anschliessend beeindruckt über meinen Stil zu unterrichten, da sie normalerweise versuchen, die Kids selbstständig arbeiten zu lassen und dafür lieber eine Zigarette rauchen, ein Bier trinken oder pinkeln gehen. Zwei Lehrerinnen bitten mich swogar, ihren Kindern Privatunterricht für gute Bezahlung zu geben, ein anderer meint darauf, dass ich in seinem Haus wohnen könnte. Das ist mir im Momenjt aber ein bisschen zuviel und Englischlehrer bin ich ja nun wirklich nicht.

Zu dieser Zeit gibt es in Urumqi fast keinen ruhigen Ort mehr, an dem ich mich entspannen kann. Die pakistanischen Händler im Hotel belagern mich ständig, weil sie mich wegen meines leicht abgeänderten Shalwar Quamiz, der Muslim-Mütze und dem Bart für eine Art Landsmann halten, mir ist es aber zu blöd, deshalb neü Klamotten zu kaufen. Dazu hängt ständig eine chinesische übersetzerin im Drom rum, die eigentlich ganz interessant sein könnte, weil sie vor rund zehn Jahren zu einer Groppe von Studenten gehörte, die auf dem Platz des himmlischen Griedens in Beijing von der Armee niedergemetztelt wurde.

Mittlerweile aber völlig paranoid, weigert sie sich über Politik zu diskutieren und will nur über englische Literatur sprechen, die sie dazumal studiert hat. Die meisten room mates sind nach wie vor Japaner und Koreaner, die mit wenigen löblichen Ausnahmen, kaum kommunizieren wollen und jedesmal, wenn Frank und ich eine Zigarette rauchen, demonstrativ das Fenster aufreissen. Draussen friert man sich die Ohren ab, da bleibt eigentlich nur noch die Schule, in der das komplette Chaos herrscht, seit auf unsere TV-Werbung mehrere Schüler aus entfernten Gebieten der Provinz, ohne Ankündigung, mit ihren ganzen Habseligkeiten angereist kamen und nun keine Unterkunft haben.

Einer wurde für freien Unterricht und übernachtung in der Schule als Nachtwächter eingestellt, die anderen übernachten vorerst in den Klassenzimmern, bevor eine geeignete Bleibe gefunden wurde. Eine mittellose Mutter putzt nun täglich die Klassenzimmer, währenddem ihr Sohn kostenlos sämltiche Kurse besuchen darf. Ein anderer Schüler verdient sich sein Kursgeld mit Handwerksarbeiten und Ausläuferjobs in der Schule, sein Ziel ist, so gut englisch zu lernen, um in sein Dorf zurückzukehren, um selber eine dort dringend benötigte Englischschule zu eröffnen.

Wo sonst findet man noch solch motivierte Leute? Ich verbringen meine freien Minuten moistens im Klassenzimmer der Malerin Merhaba. Sie hat kaum Schüler, verdient sich ihr Geld mit gelegentlichen Verkäufen von Bildern und benutzt somit ihr Klassenzimmer hauptsächlich als Atelier. Merhaba ist eine sehr sensible, stille aber dennoch kritische Persönlichkeit. Sie kennt sich in der Geschichte der Uygurs bestens aus, ist im Vergleichzu den meisten Chinesen weit gereist und hat somit die Fähigkeit, die Entwicklung der Uygurs-Gesellschaft schon fast mit westlichen Augen zu betrachten.

Dennoch fühlt sie sich als hundertprozentige Muslimin. Aufgewachsen in der ländlichen Gegend von Gulja, nahe zur Grenze von Kazachstan, in einerFamilie von Lehrern, wurde ihr ein Studium an der hiesigen Kunstschule ermöglicht. Einen Job als Kunstschullehrerin brachte sie dann nach Urumqi, mit dem guten Gehalt reiste sie in ihrer Freizeit in ganz China rum, verbesserte ihre ölmalerei, began mit dem verfassen und publizieren von Uygur-Pösie und erhielt nach fünf Jahren Wirken eine Einladung an die Kunstakademie von Almata in Kazachstan.

In einer kreativen Phase entstanden dort einige Gemälde für die sich auf Käufer fanden, was ihr weitere Reisen nach Kirgistan und Uzbekistan ermöglichten. Mit dem daraus entstandenen Werden wollte sie dann zurück nach Urumqi reisen und eine Ausstellung organisieren, die Gemälde wurden aber vom chinesischen Zoll mit der Begründung beschlagnahmt, dass die Bilder zuviel Armut zeigen und Uygurs als fröhliche Menschen dargestellt werden sollen. Völlig Mittellos und ohne Job quartierte sie sich bei ihrem Bruder in Urumqi ein, der klassisches Ballett studiert hatte, nun aber als Folkloretänzer in Restaurants arbeitet, weil kein Schwein hier was mit Schwanensee anfangen kann.

Und seither ist sie nun dabei, ihre kleine Kunstschule aufzubaün, um sich wieder eine Existenz zu sichern. In ihr finde ich eine aüsserst interessante und auch interessierte Gesprächspartnerin und ihre kritischen Betrachtungen zum Thema Religion und Gesellschaft ermöglichen mir immer wieder, bisher gelerntes von einer neün Perspektive aus zu betrachten. Sämtliche Kurse haben nun begonnen, die Klassen sind fast voll und alle Lehrer unterrichten fast pausenlos von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends und das sieben Tage in der Woche.

Wie lange werden die das, ohne Aussicht auf nur einen Tag Ferien durchstehen? Frank hat vor, das sicher mal ein Jahr durchzuziehen und dann weiterzuschaün. Ich habe das Gefühl, dass meine Aufgabe hier vorerst beendet ist und träume davon, irgendwo hinzufahren, wo es warm ist, wenig Leute hat und wo ich mich erst mal ein bisschen ausruhen kann, bevor ich überlege, wie es weiter gehen soll. Turpan liegt nicht weit entfernt, eine weitere Oase an der Seidenstrasse. So besteige ich unter neidischen Kommentaren meiner Freunde, die ich wohl oder übel in der Kälte zurücklassen muss, den Bus Richtung Ferien.

Gruss,
Tom