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Crazy days in Urumqi, Schluss


 
   

Den Songtext unterschreibe ich gerechterweise mit Bob Marley, viele wollen eine Widmung in ihr Englischbuch und ein paar Schüler schenken mir sogar Zeichnungen, die sie von mir während des Unterrichts gemacht haben. Obwohl mir dieser Starrummel gar nicht passt, bin ich ganz froh, dass alles so easy über die Bühne gegangen ist und ich ein paar Kids eine Freude machen konnte.

Die Lehrerschaft gibt sich anschliessend beeindruckt über meinen Stil zu unterrichten, da sie normalerweise versuchen, die Kids selbstständig arbeiten zu lassen und dafür lieber eine Zigarette rauchen, ein Bier trinken oder pinkeln gehen. Zwei Lehrerinnen bitten mich swogar, ihren Kindern Privatunterricht für gute Bezahlung zu geben, ein anderer meint darauf, dass ich in seinem Haus wohnen könnte. Das ist mir im Momenjt aber ein bisschen zuviel und Englischlehrer bin ich ja nun wirklich nicht.

Zu dieser Zeit gibt es in Urumqi fast keinen ruhigen Ort mehr, an dem ich mich entspannen kann. Die pakistanischen Händler im Hotel belagern mich ständig, weil sie mich wegen meines leicht abgeänderten Shalwar Quamiz, der Muslim-Mütze und dem Bart für eine Art Landsmann halten, mir ist es aber zu blöd, deshalb neü Klamotten zu kaufen. Dazu hängt ständig eine chinesische übersetzerin im Drom rum, die eigentlich ganz interessant sein könnte, weil sie vor rund zehn Jahren zu einer Groppe von Studenten gehörte, die auf dem Platz des himmlischen Griedens in Beijing von der Armee niedergemetztelt wurde.

Mittlerweile aber völlig paranoid, weigert sie sich über Politik zu diskutieren und will nur über englische Literatur sprechen, die sie dazumal studiert hat. Die meisten room mates sind nach wie vor Japaner und Koreaner, die mit wenigen löblichen Ausnahmen, kaum kommunizieren wollen und jedesmal, wenn Frank und ich eine Zigarette rauchen, demonstrativ das Fenster aufreissen. Draussen friert man sich die Ohren ab, da bleibt eigentlich nur noch die Schule, in der das komplette Chaos herrscht, seit auf unsere TV-Werbung mehrere Schüler aus entfernten Gebieten der Provinz, ohne Ankündigung, mit ihren ganzen Habseligkeiten angereist kamen und nun keine Unterkunft haben.

Einer wurde für freien Unterricht und übernachtung in der Schule als Nachtwächter eingestellt, die anderen übernachten vorerst in den Klassenzimmern, bevor eine geeignete Bleibe gefunden wurde. Eine mittellose Mutter putzt nun täglich die Klassenzimmer, währenddem ihr Sohn kostenlos sämltiche Kurse besuchen darf. Ein anderer Schüler verdient sich sein Kursgeld mit Handwerksarbeiten und Ausläuferjobs in der Schule, sein Ziel ist, so gut englisch zu lernen, um in sein Dorf zurückzukehren, um selber eine dort dringend benötigte Englischschule zu eröffnen.

Wo sonst findet man noch solch motivierte Leute? Ich verbringen meine freien Minuten moistens im Klassenzimmer der Malerin Merhaba. Sie hat kaum Schüler, verdient sich ihr Geld mit gelegentlichen Verkäufen von Bildern und benutzt somit ihr Klassenzimmer hauptsächlich als Atelier. Merhaba ist eine sehr sensible, stille aber dennoch kritische Persönlichkeit. Sie kennt sich in der Geschichte der Uygurs bestens aus, ist im Vergleichzu den meisten Chinesen weit gereist und hat somit die Fähigkeit, die Entwicklung der Uygurs-Gesellschaft schon fast mit westlichen Augen zu betrachten.

Dennoch fühlt sie sich als hundertprozentige Muslimin. Aufgewachsen in der ländlichen Gegend von Gulja, nahe zur Grenze von Kazachstan, in einerFamilie von Lehrern, wurde ihr ein Studium an der hiesigen Kunstschule ermöglicht. Einen Job als Kunstschullehrerin brachte sie dann nach Urumqi, mit dem guten Gehalt reiste sie in ihrer Freizeit in ganz China rum, verbesserte ihre ölmalerei, began mit dem verfassen und publizieren von Uygur-Pösie und erhielt nach fünf Jahren Wirken eine Einladung an die Kunstakademie von Almata in Kazachstan.

In einer kreativen Phase entstanden dort einige Gemälde für die sich auf Käufer fanden, was ihr weitere Reisen nach Kirgistan und Uzbekistan ermöglichten. Mit dem daraus entstandenen Werden wollte sie dann zurück nach Urumqi reisen und eine Ausstellung organisieren, die Gemälde wurden aber vom chinesischen Zoll mit der Begründung beschlagnahmt, dass die Bilder zuviel Armut zeigen und Uygurs als fröhliche Menschen dargestellt werden sollen. Völlig Mittellos und ohne Job quartierte sie sich bei ihrem Bruder in Urumqi ein, der klassisches Ballett studiert hatte, nun aber als Folkloretänzer in Restaurants arbeitet, weil kein Schwein hier was mit Schwanensee anfangen kann.

Und seither ist sie nun dabei, ihre kleine Kunstschule aufzubaün, um sich wieder eine Existenz zu sichern. In ihr finde ich eine aüsserst interessante und auch interessierte Gesprächspartnerin und ihre kritischen Betrachtungen zum Thema Religion und Gesellschaft ermöglichen mir immer wieder, bisher gelerntes von einer neün Perspektive aus zu betrachten. Sämtliche Kurse haben nun begonnen, die Klassen sind fast voll und alle Lehrer unterrichten fast pausenlos von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends und das sieben Tage in der Woche.

Wie lange werden die das, ohne Aussicht auf nur einen Tag Ferien durchstehen? Frank hat vor, das sicher mal ein Jahr durchzuziehen und dann weiterzuschaün. Ich habe das Gefühl, dass meine Aufgabe hier vorerst beendet ist und träume davon, irgendwo hinzufahren, wo es warm ist, wenig Leute hat und wo ich mich erst mal ein bisschen ausruhen kann, bevor ich überlege, wie es weiter gehen soll. Turpan liegt nicht weit entfernt, eine weitere Oase an der Seidenstrasse. So besteige ich unter neidischen Kommentaren meiner Freunde, die ich wohl oder übel in der Kälte zurücklassen muss, den Bus Richtung Ferien.

Gruss,
Tom

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      "Toms Reisen" © by Tom Schaich