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Crazy days in Urumqi, Teil 6


 
   

Gemäss Parteibuch beginnt der Winter aber erst am 1. November und das ist auch der Zeitpunkt, wenn die Kohlefeür in den öfen entfacht werden. In der Zwischenzeit bleibt uns nichts Andres übrig, als alle Kleider, die wir besitzen, anzuziehen, den ganzen Tag vor uns hin zu schlottern und die ständig triefende Nase zu schneuzen, egal ob wir im Hotel oder in der Schule sind, es gibt kein Entkommen. Nachdem wir in der Schule sämtliche Türen mit Wolldecken abgedeckt und die Fenster mit Plastik abgedicktet haben, um wenigstens der Zugluft Herr zu werden, gehen unsere Vorbereitungsarbeiten weiter.

Innerhalb von zwei Tagen produzieren wir einen Radiospot und stampfen 2000 Flyers aus dem Boden, schaffen es aber um zwei Stunden nicht, die Flyer vor der Woche Schulferien über den Nationalfeiertag bei den Universitäten zu verteilen. So schlage ich vor, dass wir zunächst bei sämtlichen Geschäften im und ums Schlugebäude persönlich verbeigehen, uns vorstellen und Flyers abgeben. Das stösst zürst auf grosse Opposition seitens der Uygur-Lehrerschaft. So gehen Frank und ich einfach alleine los, das Interesse der Shopbesitzer scheint gross, wir investieren etwa zwei Stunden und als wir in die Schule zurückkommen, haben sich bereits drei Shopbesitzer für einen Anfängerkurs angemeldet und das Kursgeld bezahlt.

Abends findet dann die erste Ausstrahlung des TV-Spots statt und um 20 Uhr stehen wir alle wie gebannt vor dem Telefon. Dann gehts los. Während etwa 45 Minuten ein Anruf nach dem anderen, ein paar Freunde und Bekannte, die meisten aber Interessenten, viele wollen morgen gleich vorbeikommen. Am nächsten Tag schnappe ich mir Frank, Pattigül, Ferdun und einen Stapel Flyer. Die Strassen sind vollgestopft von Leuten, die wegen den Feiertagen und den kalten Wohnungen nichts zu Hause hält. Wir klappern jades Restaurant, jeden Kleider-, Buch-, Musik- und Haushaltswarenladen und jedes Telefonhäuschen an der Strasse ab und fragen nett, ob wir einen der Flyer aufhängen dürfen. Unsere Gruppe sorgt dabei für so viel Aufsehen, dass sich jeweils eine riesige Menschenmenge vor den Zetteln schart, um erstaunt herauszufinden, was die beiden Ausländer mitzuteilen haben.

Ferdun und Pattigül geben dabei laufend über die verschiedenen Kurse auskunft, während Frank und ich soviel englisch als möglich sprechen, um die gewandeten und motivierten Englischlehrer zu markieren. Innerhalb von drei Tagen haben wir das ganze Erdaoqiao-Quartier vollgepflastert, zweimal wurden unsere Flyer auf der Strasse von aufgebrachten chinesischen Ordnungshüter konfisziert, ein drittesmal haben sie uns damit gedroht, die Schule zu schliessen, wenn wir mit diesem Schabernack nicht aufhören. Jedesmal waren wir aber von Uygurs eingekreist, die lautstark gegen die Anordnung der Polizei mit der Begründung protestiert haben, dass wir ja nichts ungesetzliches tun.

Die Schule hat sich mittlerweile in ein riesiges Chaos verwandelt, die Gänge sind voll mit alten Schülern, neün Schülern und die Rexeption wird ständig von Telefonanrufen und Anmeldenden Schülern belagert. Die Kampagne scheint zu greifen. Ich bin laufend damit beschäftigt, Fragen zu beantworten, Tips zu geben, den Schülern englische Betriffe zu erklären. Im Fernsehstudio habe ich Leute von verschiedenen Werbeagenturen kennengelernt, die ich nun in ihren Büros besuche, Kampagnen beurteile und in feinen Restaurans lunche. Abends werden wir oft von Schülern oder befreundeten Lehrern nach Hause eingeladen und so lerne ich eine Menge interessanter Leute kennen.

Abends legen wir uns nur noch todmüde ins Bett, schlafen gleich ein um am nächsten Morgen früh wieder zur Schule zu gehen. Das Kommen und Gehen von Touristen im Dormitory bekommen wir nur am Rande mit. OECrazy days in Urumqi? bemerken wir jeden Tag mehrmals. Mitten in dieser hektischen Zeit schleppt mich der Mittelschullehrer, wie versprochen, eines Nachmittags in seine Schule mit der Begründung, seine Klasse mal anzuschaün. Gegen ein bisschen Abwechslung habe ich ja nichts, nur auf dem Weg zur Schule im Bus gesteht mir der Lehrer, dass er seinen Schülern versprochen habe, dass ich sie zwei Stunden unterrichten werde und die Schulleitung daruf hin gleich drei Klassen zusammengelegt habe, was dann so ungefähr 80 Kinder im Alter von 10 bis 17 Jahren ergibt. Die einen kennen das ABC und ein paar Wörter ing englisch, dieletzteren haben bereits zwei Lehrbücher durch.

Da wirds mir nun doch ein bisschen mulmig und ich überlege mir angestrengt, wie ich aus dieser heiklen Situation ungeschoren davonkomme. Schlussendlich, als die Tür zur grossen Aula mit der tobenden Menge geöffnet wird, vertraü ich nur noch auf meine Fähigkeit zur Improvisation und der Bereitschaft zur totalen Blamage, was dazu gührt, dass ich eigentlich nicht mal aufgeregt bin. Als ich den Saal betrete, geraten die Kids ausser Rand und Band, die anwesende Lehrerschaft versucht die Bande vergeblich unter Kontrolle zu bekommen. Vor der Wandtafel stehend versuche ichs dann erst mal freundlich auf englisch, als das nichts hilft, brülle ich einfach shut up!, worauf nur noch vereinzeltes Kichern zu vernehmen ist.

Mein Lehrerkollege übersetzt dann erst mal meine Vorstellung, wobei meine bisherige Reiseroute zu erstaunten Diskussionen in den Reihen führt. Danach versuche ich ein bisschen abzuchecken, was die Kids schon können und das reicht von gar nichts bis ziemlich viel. Also wende ich mein bewährtes Konzept Farben und Kleidungsstücke? an und ergänze es mit Zahlen und Körperteile. So vergeht eine gute Zeit, in der ich im Klassenzimmer rummrenne, auf Tische stehe und jede Menge Schüler nach vorne zerre, den Anwesenden scheints Spass zu machen und es wird viel gelacht. Danach bin ich aber ziemlich ratlos und frage einen der Lehrer, ob er noch eine Idee hätte. Er fragt die Klasse und die meint einstimmig auf Uygur, dass sie ein Lied singen möchten.

Das übertrifft meine schlimmsten Befürchtungen und ich überlege angestrengt, ob ich überhaupt ein Lied in englisch kenne. Three little birds von Bob Marley könnte ich zusammenbekommen und der Text scheint mir für die Situation der Uygurs auch ziemlich angebracht zu sein. Also kritzle ich rasch die Lyrics an die Wandtafel und gehe das ganze zürst mit dem Lehrer Wort für Wort durch. Nach einer guten Viertelstunde hat die Klasse den Song einigermassen drin und ich bin gezwungen, in diesem grossen Saal vor sovielen Leuten so laut als möglich ohne Musik oder Verstärker vorzusingen.

Schlussendlich singt und klatscht die ganze Menge inclusive Lehrer im Reggä-Rythmus und wenn der Refrain don?t worry about the things cause every little thing gonna be alright aus über achzig Kehlen erklingt, wird mir jedes mal ganz warm ums Herz. Wir wiederholen den Song so lange bis ich vom lauten Vorsingen heiser bin. VieleSchüler notieren sich währenddessen den Text in ihr Heft. Im anschliessenden Applaus und allgemeinen Trubel versuche ich mich zu verabschieden und aus dem Staub zu machen, ein Teil der Schüler stürmt aber unter Protest der Lehrer nach vorne und belagert mich vor der Wandtafel. Die Kids wollen meine Unterschrift in Hefte, Bücher und unter den Songtext haben, was ich eigentlich ziemlich doof finde, dasse mich dann aber überreden und unterschreibe, was das Zeug hält.

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      "Toms Reisen" © by Tom Schaich