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Crazy days in Urumqi, Teil 5


 
   

So machen wir aus mit zwei grossen Studioscheinwerfern unterm Arm überglücklich zurück zur Schule, Alim und Frank können kaum glauben, was wir zu erzählen haben. Die Zukunft schein nun allen einiges klarer. Abends gehen wir zusammen gediegen essen um unseren Erfolg zu feiern und enden schliesslich ziemlich betrunken auf der Bühne tanzend in einer Russendisco. Einen Motivationsschub scheint nun durch die ganze Schule zu gehen. Überall wird geputzt, Türen gestrichen, Beschriftungen angebracht. Alim hat in der Zwischenzeit eine Investorin gefunden, die für die Einrichtung der Computerklasse aufkommt Mit dem Informatklehrer Ferdun ist Alim nun Tag und Nacht unterwegs, um die benötigten Computer, Programme und Möbel zu besorgen.

Die Malerin Merhaba, deren Kurse in Uygur-Kunst bisher mit nur zehn Schülern wöchentlich dahindümpelten, schliesst sich er Kampagne an und schleppt ihre eigenen ölgemälde zur Dekoration der Schule an. Ich mache mit den geborgenen Scheinwerfern und meiner kleinen Yashica Aufnahmen von Lehrern, Schüler und Klassenzimmer. Alle sind dabei völlig aufgeregt, weil sie es kaum fassen können, bald im Fernsehen zu sein.

In jeder freien Minute sitzen wir zusammen, besprechen Textmanuskripte und deren übersetzung auf uygur. Ich habe vorgeschlagen, das gesparte Geld in ein Spots einer Lokalfernsehstation, Radiospots und Flyers einzusetzen, da sich das Konzept einfach auf diese Medien adaptieren lässt. Nachdem die Aufnahmen vom nagelneün, modernen Computerraum mit seinen zehn DOS-Kisten (ich konnte das einfach nicht verhindern) im Kasten sind, packe ich Pattigül und alle Manuskripte und mache mich auf zur Fernsehstation.

Herr Direktor hat zwar Wort gehalten, nur werden wir nicht gerade wie voll bezahlende Kunden behandelt. Obwohl der Termin vereinbart wurde, scheint keiner in der Produktion für uns Zeit zu haben und Herr Direktor ist permanent ausser Haus. Schlussendlich erkläre ich via Pattigül einem chinesischen Programmierer, was zu tun ist. Der kann aber keine Texte einsetzen, da die in uygur geschrieben sind. So gehts die nächsten Tage hin und her. Editor, Programmierer und Uygurtext-Tipperin scheinen nie gemeinsam Zeit zu haben. Zwischen den Besuchen bei der Gernsehstation spielen wir den Text für den Off-Sprecher durch und ich suche aus Franks Minidisc-Sammlung eine einprägsame, fetzige Melodie, komme schlusseindlich auf die Stone Roses.

Am Tag vor der Ausstrahlung ist es dann soweit, wir haben alle Verantwortlichen am Editier-Raum, feilen ein bisschen am Schnitt rum und machen die letzten Korrekturen. Die Musik wird unterlegt, aber kein Sprecher ist auftreibbar. So setzt sich Pattigül ins Tonstudio und versucht sich in mehrern Anläufen, zusammen mit Frank, der zur Einstimmung jeweils Learning is fun! ins Mikrofon schreit.

Der Tonmeister schütelt aber immer nur mitleidig den Kopf, Pattigüls Aussprache soll miserable sein. Da betritt plötzlich cheese master, wie wir ihn von nun an nennen werden, wie aus einem Hindi-Movie entsprungen, mit Elvis-Frisur und gepflegtem Schnurbvart, das Studio, schaut dem Debakel kurz zu und fragt dann mit sonorer Schauspielerstimme you want helping?.

In gebrochenem englisch erklärt er dann, dass er hier der Chef-Synchronisator sei und seine Stimme schon den grössten Stars des chinesischen Films geliehen habe. Bei den ersten Versuchen scheint er unseren Spot mit einem Kung-Fu-Streifen zu verwechseln und klingt wie ein pakistanischer Mulla, der zum heiligen Krieg aufruft. Frank haut ihm ein paar mal die Stone Roses um die Ohren, zieht seine dicke Wollmütze über die Ohrne und versucht, wild um ihn herumtänzelnd zu demonstrieren, dass das ganze ein bisschen cooler rüberkommen sollte.

Kurz darauf ist der Commercial fixfertig abgemischt im Kasten, cheese master organisiert Getränke, meldet sich gleich für einen Englischkurs an und es wird wieder mal gefeiert, währenddessen wir uns gegenseitig zum gelungenen Resultat gratulieren. In Urumqi hat das Wetter ziemlich aprupt gewechselt. Gast übergangslos verwandeln sich die heissen Sommertemperaturen zürst in kaltes Regenwetter und schlussendlich sogar in Schnee. Das wäre weiter nicht so schlimm, wenn ich geeignete Weinterkleider dabei hätte oder die Heizungen in den Gebauden eingeschaltet würden.

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      "Toms Reisen" © by Tom Schaich