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Crazy days in Urumqi, Teil 3


 
   

Ein paar Schüler wechselten gleich von der alten Sprachschule und so konnte sofort mit zwei Klassen begonnen werden. Im Gespräch mit Frank wird mir bewusst, dass er nicht nur sein ganzes Geld, sondern auch seine ganze Energie und Motivation in deises Projekt reingesteckt hat. Und als er mir Vorschlägt, am nächsten Morgen gleich mal mit zur Schule zu kommen, willige ich erwartungsvoll ein. Nur drei Busstadtionen weiter lerne ich ein Urumzi kennen, wie ich es bisher noch nicht erlebt habe. Wir befinden uns in Erdaoqiao, dem Herz der Uygurgemeinde dieser Stadt. Eine Szenerie, die zwar mit der Autenzität Kashgars nicht bergleichbar ist, dennoch aber den Geist dieses Volkes spürbar werden lässt. Die Strassen sind vollgestopft mit Uygurs, restaurants und Läden.

Die Luft ist geschwängert von rauchenden Kebab-öfen, jeder scheint etwas zu verkaufen, Händler und Restaurateure schreien ununterbrochen nach Kundschaft, Bettler liegen auf der Strasse rum, Musiker und Artisten scharen riesige Mengen von Leuten um sich und zwischen den Hochhäusern sind überall die Halbmonde auf den Minaretten der Moscheen zu sehen. Es ist kein Ort, den man als schön bezeichnen kann, durch die Herzlichkeit und geradlinigkeit der Leute fühle ich mich, ganz im Gegensatz zum chinesischen Teil der Stadt, sofort zu Hause.

Auf dem Weg zum fünften Stock des sich im Bau befindlichen Hochhauses, informiert mich Frank, dass ich gleich mit in seine Kommunikations-Klasse kommen soll. Die Schule besteht aus fünf grossen Klassenzimmern mit alten Holzbänken und Pulten für je etwa 50 Schüler. In den Gängen geht es chaotisch zu und her. Bereits eine halbe Stunde vor Schulgebinn sind alle Schüler anwesend, fragen sich gegenseitig ab, repetieren die Lektionen oder verlangen lautstark von den Lehrern, früher beginnen zu dürfen. Wo gibts denn so was in Europa?

Das Auftauchen eines neuen europäischen Gesichts verursacht grosse Aufregung. Sofort bin ich eingekreist von einer Horde Schüler, die mir hundert Fragen auf einmal stellen. Wie ich heisse, woher ich komme, wie lange ich bleibe und vorallem, ob ich sie in englisch unterrichten würde. Ich sage wahrheitsgetreu, dass ich keinen Plan habe und mir einfach mal alles anschaün will. Die Abschlussklasse besteht aus einer Gruppe von Mittelschullehrern, Hotellangestellten und Geschäftsleuten, die schon verdammt gut Englisch sprechen. In den zwei Stunden Diskussion dreht sich dann alles um meine Reise und die Möglichkeit eines längeren Aufenthalts in Urumqi.

Ein Mittelschullehrer lädt mich ein, seine Klasse zu besuchen, damit die Teenies mal einen richtigen Ausländer sehen. Nach zwei Stunden bin ich geschafft, die Leute wollen so viel wissen, haben mich keine Sekunde in Ruhe gelassen und jades neü Wort mit Beispielsätzen ins Heft notiert. Nach der Klasse lerne ich Alim und Pattigül, Franks Partner, kennen, beide Höchst erfreut, dass ich mich für die Schule interessiere. Ich werde zum Mittagessen eingeladen und ich erfahre erst mal ausführlich über die Ziele und die Organisation der Schule. In Urumqi scheint es ein mächtiges Manko an qualitativ guten Ausbildungsplätzen für Uygurs zu geben.

Die Lehrer sind meistens unterqualifiziert und oft mehr am Geld als an der Weiterbildung ihrer Schüler interessiert. Das Ziel der drei ist, ihre eigenen Saläre auf ein absolutes Minimum zu beschränken und somit die Kurskosten so niedrig zu halten, dass möglichst viele Landsleute die Möglichkeit haben, sich eine erstklassige Ausbildung zu leisten. Ein etwaiger Profit soll für die Unterstützung minderbemittelter Schülern eingesetzt werden. Neben englisch wird auch chinesisch, Informatik und Uygur-Kunst unterrichtet. Die Schule ist soweit bereit, es fehlen eigentlich nur noch die Schüler.

Die Drei wollen dieses Problem lösen indem sie eine Art Bekanntmachung auf einer vollgeschriebenen Seite A4 mit dem Titel Good news for English fans? während dreissig Sekunden am Fernsehen ausstrahlen wollen. Ich merke schnell, dass hier keiner wirklich eine Ahnung von Kommunikation hat. Hier scheint meine Stunde geschlagen zu haben und ich offeriere dem Trio, mit ein paar Tips zum entsprechenden Thema auszuhelfen. Ich werde darauf sofort zum Marketingverantwortlichen der Schule ernannt und zugesichert, dass ich machen kann, was ich für gut empfinde. So einfach sollte ich aber nicht davonkommen. Nach einem ausführlichen Brainstorming mache ich mich zurück ins Hotel und bastle zürst mal ein einfaches Spot-Konzept, bestehend aus simpel animierten Fotos, kombiniert mit sehr wenig Text, einem Off-Sprecher und fetziger Musik. Dass sich darüber meine Kollegen in der Schweiz vor lachen in die Hose machen würden und meine Karriere in diesem Bereich ein für alle mal besiegelt wäre, ist mir dabei absolut bewusst.

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      "Toms Reisen" © by Tom Schaich